Manuel Stein hat seine Großmutter kaum gekannt. Er kann sich nur an ein Treffen mit ihr erinnern, da muss er etwa zwölf gewesen sein. Es war ein Samstagnachmittag, als ein Mercedes mit Hamburger Kennzeichen vorfuhr. Eine füllige Frau mit hochgesteckten grauen Haaren stieg aus, sie hatte ihren zweiten Ehemann dabei, Manuel Steins Stiefgroßvater. Die Nachbarn guckten neugierig aus ihren Fenstern, so ein teures Auto sah man nicht oft in der bescheidenen Frankfurter Wohnsiedlung der sechziger Jahre. Manuel Stein ahnte damals noch nicht, dass diese Frau, die einige Jahre darauf sterben sollte, sein Leben einmal ziemlich durcheinanderbringen würde.

Ein halbes Jahrhundert später steht Manuel Stein auf dem Balkon seiner Wohnung in Jerusalem und schiebt die Kippa auf seinem Hinterkopf zurecht. Ein warmer Wind weht über die Stadt, es ist Hochsommer. Stein sagt: "Meine Großmutter war sehr stolz auf ihren Nachnamen." Sie hieß Erna Hitler.

Stein ist vor 34 Jahren zum Judentum konvertiert und mittlerweile israelischer Staatsbürger. Aus Rücksicht auf seine drei Söhne will Stein seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen. Als er Jude wurde, war das wohl eine der erstaunlichsten Konversionen, die in Israel vollzogen wurden. Steins Großmutter Erna hatte Ende der dreißiger Jahre in zweiter Ehe Hans Hitler geheiratet, "einen Neffen Adolf Hitlers", wie Manuel Stein sagt. Genau lässt sich das nicht klären, weil die Verwandtschaftsbeziehungen in der Familie Hitler äußerst kompliziert und teils undurchsichtig sind. Eine israelische Boulevardzeitung, die vor Jahren über Stein schrieb, nannte ihn den "jüdischen Hitler", er sei ein "Großneffe Adolfs". Manuel Stein hat sich sehr darüber geärgert, weil Hans Hitler nicht sein leiblicher Großvater ist. "Ich bin nicht blutsverwandt mit den Hitlers!", darauf legt er Wert. Aber wie kommt es, dass ein Deutscher mit dieser Familiengeschichte ausgerechnet nach Israel emigriert und zum Judentum konvertiert?

In Manuel Steins Wohnung in Jerusalem gibt es kaum eine freie Wand, die Bücher stapeln sich bis zur Decke. Es sind etwa zehntausend Stück, sie handeln von Religion, Geschichte und Magie. Stein hat das Wissen von fünftausend Jahren um sich herum aufgetürmt. Andere würden Platzangst bekommen, ihm gibt das Halt.

Stein war sehr gründlich bei seinem Identitätswechsel, er ist nicht nur Jude geworden, sondern hat das Judentum zu seinem Beruf und Lebensinhalt gemacht. Stein ist Universitätsdozent für Jüdische Philosophie, wenn er nicht unterrichtet, arbeitet er an seinem neuen Buch. Auf Tischen und Stühlen liegen Ordner und lose Papiere, dazwischen laufen seine beiden Hunde herum. "Früher war es hier ordentlicher", sagt er entschuldigend. Einst wohnte er mit seiner Frau und den drei Söhnen in der Wohnung, die Söhne sind erwachsen, die Ehe zerbrach vor vier Jahren. Steins Frau führt ein sehr religiöses Leben, eines, wie er es nicht mehr wollte. Jetzt ist er 61, alleinstehend, er hat sich einen Fernseher angeschafft und zwei Hunde, die ihm nicht von der Seite weichen. Zu seiner Exfrau hat er kaum Kontakt, seit der Trennung sieht er auch einen der Söhne kaum mehr, ein anderer ist kürzlich nach Deutschland gezogen. Stein, hoch gewachsen, schlank und immer in Bewegung, trägt sein kurzärmeliges Hemd leger über der Jeans, er stemmt die Hände in die Hüften und holt Pflaumenkuchen aus der Küche. Den hat er selbst gebacken, letzte Nacht zwischen drei und vier Uhr, nach einem deutschen Rezept. Stein konnte nicht schlafen. Er schläft selten gut in der Nacht.

An der einzig freien Wand im Wohnzimmer hängen Bilder aus besseren Zeiten. Familienfotos von den Hochzeiten der beiden älteren Söhne, die Männer tragen Kippa, Steins Frau verbirgt ihre Haare unter einem Tuch. Es sind Bilder, wie sie in den Wohnzimmern vieler gläubiger Juden hängen könnten. Nur dass diese drei Söhne nordische Gesichtszüge und stahlblaue Augen haben. Auch Steins Frau ist aus Deutschland eingewandert und zum Judentum konvertiert. Die Assimilierung des Ehepaars ging so weit, dass es mit den drei Söhnen zu Hause Hebräisch sprach, obwohl doch beide Deutsche sind. In Steins Deutsch hat sich über die Jahrzehnte ein leichter hebräischer Akzent gemischt.

Es gab und gibt in Israel einige Nachfahren von NS-Tätern, die zum Judentum konvertiert sind, Kinder von NS-Richtern, NSDAP-Funktionären oder SS-Angehörigen. Die amerikanische Zeitschrift Jewish Action spricht von Hunderten. Jedenfalls sind es zu viele, als dass man von einem Zufall ausgehen könnte. Sie haben die Seiten gewechselt, von den Tätern zu den Opfern, und – wie es der mittlerweile verstorbene israelische Psychologe Dan Bar-On formulierte – in der neuen Religion eine Zuflucht gesucht, um mit der Schuld ihrer Vorfahren im "Dritten Reich" fertig zu werden. Die wenigsten Konvertiten würden das selbst so sagen. Sie wollen die Vergangenheit der Vorfahren nicht als Hauptgrund für die Konvertierung gelten lassen, weil das ihren Glauben entwerten würde. Auch für Manuel Stein ist seine Konvertierung vor allem ein religiöser Akt.

Ein Psychologe hat ihm in einer Therapie einmal gesagt, er wolle sich mit den Opfern der Nazis identifizieren, deshalb sei er Jude geworden. Das ist Stein zu einfach. Am liebsten entzieht er sich solchen Festlegungen, es ist schwer, diesem Mann nahezukommen, der hinter Mauern aus Büchern lebt.

Später wird er vom alljährlichen Holocaust-Gedenktag erzählen, an dem in Israel das Leben für ein paar Minuten stillsteht und jeder, egal, wo er sich gerade aufhält, innehält, um der Opfer zu gedenken. An diesem Tag geht Manuel Stein nicht aus dem Haus. "Da kommt alles hoch", sagt er. An jenem Tag wird ein Unterschied zwischen ihm und anderen Israelis deutlich. Die Israelis, die als Juden geboren wurden und europäische Vorfahren haben, betrauern an jenem Tag den Mord an ihren Familien, Manuel Steins Großmutter hingegen trug den Namen, der für deren Tod steht: Hitler.

Stein hat sich hervorragend angepasst an seine neue Heimat, er trägt selbst in der Wohnung Kippa. Für jemanden mit seiner Herkunft hat er in Israel eine große Karriere gemacht. Stein kam 1977 als Theologiestudent nach Israel, eine Zeit lang hatte er darüber nachgedacht, evangelischer Pfarrer zu werden, doch dann blieb er in Jerusalem und konvertierte zum Judentum. Er leitete jahrelang die Abteilung für jüdische Philosophie an einer der Universitäten des Landes.