Als Stein 1952 in Braunschweig zur Welt kam, war der Krieg noch allgegenwärtig. In seinen ersten Erinnerungen sieht er sich zwischen Häuserruinen spielen. Er erinnert sich an Hunger und wie besonders es war, wenn seine Mutter sonntags Fleischwurst mit Kartoffeln zubereitete. Erst kochte sie die Kartoffeln mit dem Tauchsieder, dann erhitzte sie die Wurst im Wasser. Die ersten Jahre seines Lebens, so hat es ihm seine Mutter erzählt, mussten sie ständig die Wohnung wechseln, weil die Mutter die Miete nicht bezahlen konnte. Sie zog ihn allein auf, von Manuels Vater bekam sie keine Unterstützung. Zwar arbeitete sie als Sekretärin, aber das Geld reichte nicht.

Unter den zahlreichen Papieren und Akten in seinem Wohnzimmer zieht Manuel Stein ein Bild seines Vaters hervor. Es ist die Kopie eines Fotos, die ihm sein Halbbruder auf eine Karte geklebt hat. Darauf ist ein Mann in SA-Uniform zu sehen. "Vater im Alter von 30 Jahren" steht darunter. Auch Steins Vater war überzeugter Nazi gewesen. Manuel Stein hat ihn nur ein paar Mal gesehen, der Vater hatte schon eine andere Familie mit vier Kindern, als Steins Mutter von ihm schwanger wurde. Einmal im Jahr, zum Geburtstag des Sohnes, schrieb der Vater.

Auch von der Großmutter kam keine Hilfe. Sie hatte nach Manuels Geburt den Kontakt zu ihrer Tochter weitgehend abgebrochen, weil sie kein uneheliches Kind in der Familie wollte. Für Manuel Stein war Erna immer die Böse, das machte es ihm leicht, sie abzulehnen.

Erna Hitler war überzeugte Nationalsozialistin und hatte es schon vor der Ehe mit Hans Hitler in der NS-Hierarchie weit nach oben gebracht. Die ausgebildete Krankenschwester war zwischen 1934 und 1935 Leiterin der NS-Schwesternschaft gewesen, des Berufsverbands der Krankenschwestern im "Dritten Reich", auch "Braune Schwestern" genannt. In einem Buch über die NS-Schwestern wird sie mit den Worten zitiert, sie wolle "Schwestern im Sinne Adolf Hitlers ausbilden und zu einer nationalsozialistischen Gemeinschaft zusammenschweißen". Nach dem Krieg schrieb sie auf 400 Seiten die einzige überlieferte Familienchronik der Hitlers, sie wurde nie veröffentlicht, das Manuskript lagert heute in einem Privatarchiv in den USA.

Adolf Hitler hatte stets ein großes Geheimnis gemacht um seine Familie, er wollte nicht, dass etwas über seine Herkunft bekannt wird, vor allem nicht, nachdem sich seine Nichte Geli Raubal 1931 in seiner Münchner Wohnung das Leben genommen hatte. Die Gründe für ihren Selbstmord konnten nie aufgeklärt werden. Hitlers Verwandte traten kaum in der Öffentlichkeit auf, auch nicht sein Halbbruder Alois. Er soll, nach allem, was Manuel Stein weiß, der illegitime Vater von Hans Hitler gewesen sein, seinem Stiefgroßvater. Alois und Hans änderten nach dem Krieg ihre Namen in Hiller und lebten mit ihren Ehefrauen in Hamburg. Beide Ehepaare wurden in einem gemeinsamen Familiengrab beigesetzt.

Manuel Stein hat darüber nachgedacht, sich um die Hitler-Chronik seiner Großmutter zu bemühen, schließlich ist er der Erbe. Steins zweiter Sohn, der ultra-orthodoxer Jude ist, hat daraufhin seinen Rabbiner gefragt, ob man sie besorgen solle. Der Rabbiner riet ab. Familie Stein ließ die Finger von der Familiengeschichte der Hitlers. "Ich habe einige Anstrengungen unternommen, um anders zu sein als meine Vorfahren", sagt Manuel Stein. "Warum sollte ich mir jetzt diese Chronik ins Haus holen?" Während die Nachfahren anderer NS-Täter versuchen, so viel wie möglich über die Taten ihrer Vorfahren zu erfahren, um das Unverständliche zu verstehen, hat er sich entschieden, lieber auf Distanz zu gehen. Zum eigenen Schutz.

Auch die Eltern von Manuel Steins Frau waren Nationalsozialisten. Sein Schwiegervater Adolf hütete nach dem Krieg stolz seine Nazi-Orden. Als er ins Altersheim ging, wollte er seinem ältesten Enkel ein besonderes Andenken überreichen und schenkte dem Jungen, der als Jude in Jerusalem geboren wurde, einen seiner Orden mit einem Hakenkreuz darauf.

Von den Großeltern Erna und Hans Hitler ist Stein nur der eine Besuch im Gedächtnis, als er zwölf war. "Die Großmutter war zu Hause immer tabu gewesen", sagt er. Sie habe ihre Tochter Margot nie wirklich angenommen, weil sie eigentlich überhaupt keine Kinder haben wollte. Margot wiederum habe ihrer Mutter Erna später die Hochzeit mit Hans Hitler sehr übel genommen, weil die Tochter, damals 20, selbst in Hans verliebt gewesen war, der vom Alter her genau zwischen Mutter und Tochter stand. Die Mutter hat sie nicht nur abgelehnt, sondern ihr auch noch den Mann weggeschnappt. Zum endgültigen Bruch kam es dann bei Manuel Steins Geburt.

Warum die Großeltern Hitler, die sich mittlerweile Hiller nannten, dann an jenem Samstagnachmittag so überraschend auftauchten? "Aus Neugier", vermutet Manuel Stein. An Details des Besuchs kann er sich nicht erinnern, nur dass Hans ein sehr freundlicher Mann gewesen sei. "Dieser Mann war ja kein Eichmann", sagt Stein, "er war eben zufällig ein Verwandter von Adolf Hitler." Was er nicht weiß: Nach Recherchen des Historikers und Journalisten Florian Beierl war Hans Hitler schon sehr früh in der österreichischen NSDAP aktiv, er soll sich auch nach dem Krieg in Hamburg an Straßenveranstaltungen rechter Parteien beteiligt haben.

Hans Hitler überlebte seine Frau Erna um einige Jahre. Nach deren Tod fuhr Manuel Steins Mutter öfter von Frankfurt nach Hamburg, um Hans zu besuchen. Man ging in die Oper und verbrachte ein paar Tage zusammen. Einmal soll Hans ihr vorgeschlagen haben, das Grab ihrer Mutter zu besuchen. Margot weigerte sich. Die Feindschaft zu ihrer Mutter ging bis über den Tod hinaus.

Unter den vielen Büchern, die Manuel Stein in seiner Wohnung hat, ist auch eines, das er von seinem leiblichen Großvater geerbt hat, dem ersten Mann von Erna Hitler. Es ist die Originalausgabe von Adolf Hitlers Mein Kampf. Es irritiert, dieses Buch mit einem Porträt von Adolf Hitler auf der ersten Seite in einer Jerusalemer Wohnung durchzublättern. Manuel Stein hat es 1971, mit 19 Jahren, gelesen, allerdings nur bis Seite 136. Die Dummheit Hitlers habe ihn so abgeschreckt, dass er nicht weiterlesen wollte.

Manuel Steins Großvater hat Mein Kampf zu seiner zweiten Hochzeit 1940 bekommen, er war schon 1927 der NSDAP beigetreten. Im Haus von Manuel Steins Mutter begrüßte man sich innerhalb der Familie mit "Heil Hitler". Es hat unter Steins Vorfahren eigentlich niemanden gegeben, der kein Nazi war.

Seine Mutter, sagt Manuel Stein, habe aber später nichts dagegen gehabt, dass er Jude wurde. Sie habe sogar jedes Jahr das Pessach-Fest mit ihm in Israel gefeiert. Nur über den Holocaust herrschte Schweigen zwischen ihm und seiner Mutter. Es gibt nur eine Geschichte, die ihm seine Mutter vom Krieg erzählt hat. Sie hatte damals als Stabshelferin der Wehrmacht gearbeitet – als Sekretärin in Uniform. Den Krieg erlebte sie in Finnland, den Niederlanden, der Ukraine, Polen und in der Slowakei. 1942 war sie in Łódź stationiert und hörte, dass die Deutschen mehrere Juden mitten in der Stadt öffentlich erhängt hatten und die Leichen zur Abschreckung hängen ließen. Diese Nachricht, erzählte sie ihrem Sohn, habe sie so geschockt, dass sie die Innenstadt mied, um sich den Anblick zu ersparen. Kurz darauf sah sie Fotos von den Hinrichtungen: Auf einem feierlichen Abschiedsabend wurden die Bilder der Erhängten in einer Diashow vorgeführt. Seine Mutter sagte über diesen Vorfall zu ihrem Sohn Manuel: "Damals habe ich verstanden, was passiert. Und ich hatte Angst."

Es sei ihm so klar gewesen, dass seine Mutter keine Antisemitin war, sagt Manuel Stein, deshalb habe er nie weiter nachgefragt. Das Schweigen über die Vergangenheit ist ein so auffälliger Aspekt der deutschen Nachkriegsgesellschaft, dass der israelische Psychologe Dan Bar-On ein Buch danach benannt hat. Die Last des Schweigens betitelte er seine berühmte Sammlung von Gesprächen mit Kindern von Nazi-Tätern. Diejenigen, die nach Jahren des Nichtredens zum Gespräch mit ihm bereit waren, versuchten verzweifelt, mit der Schuld ihrer Vorfahren und mit der Frage, wie sie zu gewissenlosen Mördern werden konnten, fertigzuwerden. Viele hatten ihre Väter und Onkel kaum oder gar nicht gekannt, sie hatten keinen direkten Einfluss auf die Erziehung, aber auch das ist kein Schutz.