Wie soll es bloß mit der Euro-Zone weitergehen? Und was wird aus Europa? Wer sich über solche Fragen ein Urteil bilden will, bedient sich meist der Medien, deren Angebote von Expertenartikeln in Zeitungen bis zur talkativen Politikberieselung durch Günther Jauch und Co. reichen.

Anders läuft das in London: Dort gibt es zusätzlich ein Unternehmen, das aus dem Prozess der demokratischen Willensbildung ein Freizeitvergnügen gemacht hat, mit dem es Geld verdient. Die Verkaufsstrategie von Intelligence Squared (Intelligenz hoch zwei) konzentriert sich darauf, "zu informieren, aufzuklären und zu unterhalten", so jedenfalls erklärt es die aus Köln stammende Chefin Amelie von Wedel.

Vergangene Woche, am Dienstagabend, kamen 900 Menschen im Konzertsaal Cadogan Hall zusammen, um sich mit der Zukunft Europas im Angesicht der Euro-Krise zu beschäftigen – erstaunlich genug, schließlich hat die Stadt auch noch andere Freizeitaktivitäten im Angebot, und Großbritannien ist nicht einmal Mitglied der Euro-Zone. Aber die Besucher waren auch noch bereit, 27,50 Pfund (33 Euro) Eintritt zu zahlen. Dafür bekamen sie zweieinhalb Stunden Polittheater geboten.

Am Anfang steht eine steile These: ein Satz, der einen komplizierten Sachverhalt auf eine kurze, provokante Meinung reduziert. Etwa: "Angela Merkel ist dabei, Europa zu zerstören." Je unerhörter, desto besser. Das bringt Emotionen in Wallung – und so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass mehr Menschen Tickets kaufen und sich in die Runde einmischen, so Wedels Kalkül.

Das Setting ist denkbar einfach. Auf der Bühne sitzen vier Kontrahenten – auf harten Stühlen, nicht auf gemütlichen TV-Sofas, wie man das aus Deutschland kennt. Diesmal bilden Mehdi Hasan und Euclid Tsakalotos ein Team. Hasan ist Journalist und "leidenschaftlicher Linker", wie er sagt. Tsakalotos ist Ökonom und Abgeordneter der Syriza Partei, das ist die Koalition der Radikalen Linken im griechischen Parlament. Die beiden vertreten die These von Merkel als Zerstörerin.

Ihnen gegenüber, bereit zur Verteidigung, die französische Journalistin Christine Ockrent und der Historiker Antony Beevor. Der Moderator, ein Mann der BBC, gibt jedem Sprecher eingangs fünf Minuten. Mehdi Hasan tritt ans Pult und attackiert die "erbarmungslose und fehlgeleitete Sparpolitik", die Merkel in Griechenland, Portugal und anderswo durchgesetzt habe. Statt die griechische Wirtschaft per Schocktherapie zum raschen Aufschwung zu treiben, "hat die kurzsichtige Politik der arroganten Kanzlerin aus der griechischen Krise eine Katastrophe gemacht". Die Gesellschaft sei gespalten und radikalisiert, anderen Ländern drohe das gleiche Schicksal.

Historiker Beevor verteidigt Berlins Euro-Politik der vergangenen Jahre. Die Deutschen hätten ein enormes Maß an Solidarität bewiesen, und Strukturreformen in den strauchelnden Ländern seien notwendig. "Das größte Problem der Euro-Zone ist die ungleiche Produktivität der Partnerländern. Dagegen muss was getan werden."

Irgendwann darf auch das Publikum sich einmischen. 90 Minuten lang wandern Mikrofone kreuz und quer durch die Sitzreihen; Fragen, Vorwürfe und Statements wirbeln zwischen Zuschauern und Rednern durcheinander. Mehr als ein paar Minuten darf keiner reden. Eine ältere Dame fragt nach der Moral der Gesellschaften – in diesem ganzen finanziellen Durcheinander.

Die Debatte liefert keine endgültigen Antworten; das kann sie nicht und will es auch gar nicht. Was in der Konzerthalle geschieht, erinnert an eine freundliche, aber leidenschaftliche, manchmal auch laute Rauferei, nur eben mit Worten. Und: Es ist Politik zum Mitmachen.

Die Kunst der öffentlichen Überzeugung hat eine lange Tradition in Großbritannien. "Deshalb lag es auch nahe, daraus ein Geschäft zu machen", sagt Amelie von Wedel. Sie hat das Unternehmen vor zwei Jahren vor der Pleite gerettet, und 2013 würde zum ersten Mal ein Gewinn gemacht, sagt sie, hält sich aber mit konkreten Zahlen zurück.

"Seit seiner Gründung vor zehn Jahren ist Intelligence Squared zu einer ungeheuer starken Marke geworden", sagt John Lloyd von der Fakultät für Journalismus an der Universität Oxford. Das habe das Unternehmen durch die Kombination aus guten Sprechern, interessanten Themen und zugespitzten Thesen erreicht. Einmal argumentierte etwa der Unternehmer Richard Branson gegen eine Lockerung der Drogengesetzgebung, der Astrophysiker Richard Dawkins stritt über die Rolle von Religion in der Gesellschaft, und der deutsche Produzent und Regisseur Werner Herzog unterhielt sich, ganz metaphysisch, über "die Eroberung des Unnützen".

Aber der wirtschaftliche Erfolg entstand erst, als Wedel anfing, auf Globalisierung zu setzen. Die 30 Veranstaltungen in London werden mittlerweile vom kommerziellen Arm BBC World an bis zu 80 Millionen Zuschauer in aller Welt ausgestrahlt, und der eigene YouTube-Kanal "setzt sich als Medium auch mehr und mehr durch", sagt Wedel. "Daraus erhoffen wir uns bald zuverlässige Werbeeinnahmen." Außerdem hat Intelligence Squared zusammen mit Google eine Software entwickelt, dank derer sich Tausende von Menschen weltweit in die Diskussionen einmischen können. Nicht per E-Mail oder Twitter, sondern mit ihrer Laptop-Kamera.

Intelligence Squared hat außerdem überall dort auf der Welt Büros eröffnet, wo gerade Entwicklungen stattfinden, die den Weltenlauf beeinflussen. In den USA natürlich, aber auch in Griechenland, Hongkong, Indien und Südafrika. Deutschland könnte demnächst folgen.

Nach gut zweieinhalb Stunden geht das Gefecht in dem Konzertsaal zu Ende. Die Kontrahenten sind ermattet, das Publikum stimmt ab. Vor der Debatte fanden 18 Prozent, dass Merkel dabei ist, Europa zu zerstören, 53 Prozent glaubten das nicht, 29 Prozent waren unentschieden. Am Ende des öffentlich ausgetragenen Streits blieben nur noch wenige Meinungslose übrig, 23 Prozent unterstützten die These gegen die Kanzlerin. Merkel hat an diesem Abend in London Anhänger gewonnen: 67 Prozent stellten sich hinter sie.