DIE ZEIT: Frau Fetz, Herr Tettamanti, ist das Alter ein Massaker?

Anita Fetz: Bis jetzt noch nicht. Aber das Alter ist nichts für Feiglinge. Das sehe ich in meinem Umfeld.

Tito Tettamanti: Ja, für die jüngeren Generationen ist das Alter ein Massaker. Immer weniger Junge müssen die AHV von immer mehr Älteren zahlen. Aber um mal persönlich zu werden: Im fortgeschrittenen Alter muss man lernen, mit den eigenen Erinnerungen zu leben, denn sie erlauben es einem, die existenzielle Einsamkeit der eigenen Generation leichter zu ertragen.

ZEIT: Ist die Schweiz ein gutes Land für ältere Menschen?

Fetz: Jein. Im Durchschnitt – und nur im Durchschnitt – geht es rein materiell älteren Menschen wahrscheinlich nirgendwo auf der Welt besser als bei uns in der Schweiz. Wenn aber das Geld immer schon knapp war und auch im Alter knapp bleibt oder gar fehlt, der Partner nach jahrelanger aufopfernder Pflege gestorben ist, alle erdenklichen Zipperlein zwicken, das Gedächtnis und die Sehkraft exponentiell nachlassen, die schon rein beruflich überstrapazierten Kinder und Kindeskinder keine Zeit für einen haben, die letzten verbliebenen Freundinnen und Bekannten weggestorben sind und der Staat die Ergänzungsleistungen zur AHV möglichst knapp bemessen sowie Kanton und Gemeinde ihren Alters- und Pflegeheimbetrag möglichst niedrig halten wollen, ja dann ... Dann sieht das für eine ganz bestimmte, zumeist weibliche Gruppe in unserem Land ganz anders aus, nämlich demütigend.

Tettamanti: Ja, die Schweiz ist ein gutes Land für ältere Menschen. Gut auch, dass sich die Älteren weniger bewegen und daher nicht die Pendlerzüge und die Autobahnstaus ertragen müssen.

ZEIT: Wie alt möchten Sie werden?

Fetz: So alt, dass ich das Altsein noch schätzen kann.

Tettamanti: Ich gehe in Richtung 84. Auch meine Frechheit hat Grenzen, und ich wage nicht, eine weitere Zahl zu nennen – auch weil ich mich später nicht ärgern will, weil ich zu vorsichtig gewesen bin.

ZEIT: Möchten Sie nochmals 20 Jahre alt sein? Und wenn nein: Warum nicht?

Fetz: Spontan erstens: eher nein. Ich habe damals alles ausprobiert und genossen, was sich einer jungen Frau geboten hat. Heute genieße ich es, mehr Erfahrung zu haben, nicht mehr von Unwichtigem gestresst zu werden und viel klarer zu wissen, was ich will. Spontan zweitens: Wieso nicht? Es gibt so viel zu entdecken auf dieser Welt. Ich würde IT-Spezialistin und Hackerin werden. Zusammen mit Hacker-Kolleginnen würde ich US-Firmen wie Google oder Facebook das Fürchten lehren, würde die Überwachungsprogramme der NSA stören, ein paar Jahre in Asien leben, weil dort die Post abgeht – und dann nach Afrika gehen, weil dort die Zukunft entschieden wird.

Tettamanti: Die Versuchung ist groß, aber nein. Meine Boheme-Zeit als mittelloser Student im Jahre 1950 möchte ich nicht eintauschen gegen die heutige staatlich subventionierte, graue, traurige und entmutigende relative Armut.

ZEIT: Wie sind Sie versichert?

Fetz: Das Übliche für Selbstständigerwerbende: AHV und 3. Säule.

Tettamanti: Niemand will mich gegen den Tod versichern.

ZEIT: Und nun die letzte Frage aller Fragen: Wie wollen Sie sterben?

Fetz: Wie wahrscheinlich alle Menschen dieser Welt: zufrieden, nach einem erfüllten Leben und ohne Schmerzen. Sicher aber: selbstbestimmt – darum bin ich Mitglied bei der Sterbeorganisation Exit – und als Organspenderin.

Tettamanti: Gesund.