DIE ZEIT: Herr Bach, Ihr Vorgänger Jacques Rogge hat gesagt: "Ein Satz von mir kann eine diplomatische Krise und weltweit Schlagzeilen auslösen." Was folgt daraus für Gespräche wie unseres?

Thomas Bach: Frei reden kann ich nur mit der ZEIT! Nein, im Ernst: In der vergangenen Woche bin ich fünf Staats- und Regierungschefs begegnet. Da müssen Sie Ihre Worte natürlich abwägen. Ich gehe da nicht einfach hin und sage: Schön, Sie kennenzulernen. Ich will mit meinen Worten etwas erreichen.

ZEIT: Fühlen Sie sich in solchen Gesprächen auf Augenhöhe mit den Mächtigen der Welt?

Bach: Die Rolle des Sports wird in der Gesellschaft zunehmend anerkannt. Ein gutes Beispiel ist China, wo es über hundert verschiedene Ethnien gibt. Dort ist der Sport, wie in vielen anderen Ländern, ein wichtiges Mittel der Integration, und die Olympischen Spiele sind dafür ein Leuchtturmprojekt. Der Sport kann Menschen zusammenbringen – bis hin zum Papst, der das unnachahmlich zum Ausdruck gebracht hat.

ZEIT: Müssen Sie nicht – wie der Papst seine Kirche – auch Ihre Organisation, das IOC, verändern?

Bach: Wir müssen mehr Vielfalt und Nachhaltigkeit generieren. Gegenwärtig sagen wir einem Olympia-Interessenten: Hier hast du 250 Fragen – wenn du dich um die Spiele bewerben willst, musst du sie beantworten. Was passiert? Eine Gruppe von Beratern, die alle zwei Jahre von Sommer- zu Winterspielen weiterwandert, formuliert die Antworten so, wie sie glauben, dass wir sie hören wollen. Am Ende kriegen Sie immer von allen das Gleiche präsentiert. Deshalb müssen wir die potenziellen Kandidaten fragen: Wie stellt ihr euch Olympische Spiele vor? Wie passen sie in euren Entwicklungsplan, in euer soziales und natürliches Umfeld? Daraus müssen wir unsere Schlüsse ziehen. Russlands Plan für Sotschi zum Beispiel war sehr klar: Wir haben nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion kein Wintersportzentrum mehr. Wir wollen die Olympischen Spiele als Katalysator nutzen, um eines zu bauen. Darüber hat das IOC abgestimmt.

ZEIT: Nun werden dort die teuersten Winterspiele aller Zeiten stattfinden.

Bach: Das stimmt nicht!

ZEIT: Sondern?

Bach: Sie müssen zwischen dem Investment in die Entwicklung einer Region und dem Budget der Spiele unterscheiden. Sie können nicht sagen, ein olympisches Dorf, das später Tausenden Menschen eine Unterkunft bieten wird, sei eine Investition für nur drei Wochen. Sie können auch keinen Flughafen innerhalb von 17 Tagen auf null abschreiben.

ZEIT: Das ist die Frage nach Henne und Ei: Was war zuerst da? Hätte Sotschi die Spiele ohne internationalen Flughafen überhaupt bekommen?

Bach: Das ist doch das, was ich sage! Wir dienen als Katalysator, als Beschleuniger. Mit der Vergabe der Spiele fließen Milliardensummen in das Land. London wollte das East End von einer vernachlässigten Ecke mit verseuchtem Boden zu einem ansehnlichen Stadtviertel mit Zukunftsperspektive entwickeln – mithilfe der Spiele 2012. Weil es für dieses Projekt sonst niemals in so kurzer Zeit die Genehmigungen und das Geld gegeben hätte.

ZEIT: Es ist ein Unterschied, ob man in London Müll beseitigt oder, wie in Sotschi, Menschen zwangsumsiedelt und massiv in die Natur eingreift.

Bach: Auch in London hat es Umsiedlungen gegeben. Jetzt, in Russland, sind wir im Gespräch mit den Betroffenen und den entsprechenden Menschenrechts-Organisationen. Beispielsweise war einer meiner Mitarbeiter zusammen mit Vertretern von Human Rights Watch vor einigen Wochen in einem Dorf in der Nähe von Sotschi, wo es Probleme mit einer Fußgängerbrücke und der Wasserversorgung gab. Nun gibt es die Zusicherung der Gemeindeverwaltung, diese Probleme bis Ende des Jahres zu lösen. Unsere Macht und unser Einfluss sind jedoch begrenzt.

ZEIT: Wo liegen die Grenzen?

Bach: Um es positiv zu formulieren: Wir übernehmen die Verantwortung dafür, dass die Spiele gemäß den Regeln der Olympischen Charta stattfinden. Wir können aber nicht die Gesetzgebung und die Gesellschaftsform eines Landes ändern. Was selbst die Vereinten Nationen nicht hinbekommen, kann auch vom IOC nicht verlangt werden. Deshalb ist das auch nicht unser Anspruch.

ZEIT: Was ist denn Ihr Anspruch?

Bach: Mit den Spielen wollen wir ein Beispiel setzen, wie wir uns ein funktionierendes Gesellschaftsmodell vorstellen. Im olympischen Dorf leben Athleten aus 204 Nationen friedlich zusammen. Die treten im Wettkampf nach denselben, für alle geltenden Regeln gegeneinander an, lernen sich kennen, feiern zusammen. Das ist die Annäherung an Thomas Morus’ Utopia, die Schilderung einer fernen, "idealen" Gesellschaft.

ZEIT: Eine tolle Idee. Aber haben Sie nicht viel mehr Macht, als Sie zugeben? Die Olympischen Spiele sind begehrt. Sie könnten die Bedingungen diktieren, zu denen sie vergeben werden. Warum verlangen Sie nicht von den Bewerbern die Erfüllung sozialer und gesellschaftlicher Standards?

Bach: Einerseits würden wir uns damit der Chance berauben, unser Modell in möglichst viele Länder zu tragen, andererseits haben wir in den vergangenen Jahrzehnten die Spiele nach Großbritannien, Kanada, Italien, Griechenland, in die USA vergeben. Drei von sechs Bewerbern für die Winterspiele 2022 kommen aus Nord- und Mitteleuropa.