Das Eingeständnis kam schließlich von Christine Lieberknecht (CDU), der Ministerpräsidentin Thüringens. An einem der letzten Tage der Berliner Koalitionsverhandlungen stellte sie sich vor Journalisten und erklärte, dass eine Strategie gescheitert sei, die auch ihre Strategie gewesen war.

Eigentlich, erklärte Lieberknecht, habe sie gedacht, dass die Zeiten vorbei seien, in denen der Osten ein eigenes Kapitel im Koalitionsvertrag brauche. In denen man also "Osten" sagt, wenn man Ost-Interessen vertritt; in denen man besondere Forderungen nur für die neuen Länder erhebt. Dann aber sah die Erfurter Regierungschefin, wie entschieden das Land Nordrhein-Westfalen seine Interessen vertrat, mit welcher Vehemenz die Bayern oder Baden-Württemberger für ihre Sache argumentierten. Wie schwer es war, dieser Kraft etwas entgegenzusetzen.

"Dann haben sich die Ostdeutschen zusammengesetzt und gesagt: Wir auch!", sagte Lieberknecht. Sie habe ihre Meinung geändert.

Anders als geplant, gibt es deshalb nun in dem Koalitionsvertrag, der den SPD-Mitgliedern gerade zur Abstimmung vorliegt, einen längeren Abschnitt über die neuen Länder, er ist erst in der letzten Verhandlungswoche entstanden. Es kommen darin all die Themen vor, über die man eben so spricht, wenn man sich vornimmt, dem Osten besonders helfen zu wollen. Es geht um die Förderung der Wirtschaft, um die Förderung der Wissenschaft, um die Förderung der Infrastruktur. Es geht um nicht viel Konkretes, sondern um Symbole. Praktisch mag dieses Kapitel keine große Bedeutung haben; aber dass es Politiker aus Erfurt und Dresden, aus Magdeburg und Schwerin und Potsdam am Ende doch noch wichtig fanden, einen solchen Passus festzuschreiben, beweist, dass ihnen angst und bange geworden war. Sie wollten ein neues Bekenntnis zum Aufbau Ost fixieren, unbedingt, weil sie glaubten, sonst in den kommenden vier Jahren in arge Probleme zu geraten.Vor allem Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) und Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke (SPD) waren es, die den Osten als politische Größe wiederentdeckten; wie genau, das soll hier später noch Thema sein.

"Manche in NRW tun so, als ob sie die Welt nichts angeht", sagte Tillich gerade in seiner Rede als Gast auf dem Erfurter CDU-Parteitag. Leider, so Tillich, sei allein der Zuwachs an nordrhein-westfälischen CDU-Abgeordneten im Bundestag größer als die Gesamtzahl der sächsischen CDU-Mitglieder im Parlament. "Wenn man da merkt, wie die Kollegen kämpfen, muss man Verbündete suchen", so der Sachse. Das war die Erkenntnis: Der Osten ist stark, wenn er zusammensteht.

Es gibt immer noch ostdeutsche Interessen. Wie formuliert man sie?

Denn die Politiker aus den neuen Ländern können sich nicht mehr darauf verlassen, dass man ihnen schon helfen wird. 2014 jährt sich der Mauerfall zum 25. Mal. 2019 läuft ein Großteil der besonderen Ostförderung endgültig aus. Die Bürger zwischen Rostock und Annaberg-Buchholz spielen in Deutschland inzwischen sehr selbstverständlich eine Rolle, die Kanzlerin ist von hier, der Bundespräsident ist von hier, es gibt in Dresden eine Eliteuniversität und in Jena riesige Unternehmen. Und niedrigere Arbeitslosenzahlen als mancherorts im Westen.

Sachsen oder Thüringen können künftig nicht mehr erwarten, finanziell viel besser ausgestattet zu werden als jedes Westland. Die Begehrlichkeiten strukturschwacher Gegenden in Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen wachsen, Verständnis für die Sonderwünsche aus dem Teil des Landes mit den herrlichen Marktplätzen und topsanierten Straßen gibt es etwa in der Düsseldorfer Staatskanzlei nicht mehr. Selten war das so hart zu spüren wie in diesen Koalitionsverhandlungen.

Die ostdeutschen Politiker beider Parteien, darunter Sachsens CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer oder der frühere Aufbau-Ost-Minister Wolfgang Tiefensee (SPD), hatten das schon vorher geahnt; viele von ihnen hatten sich vor den Koalitionsverhandlungen deshalb eine neue Strategie zurechtgelegt. Sie fürchteten, wenn sie "Osten" sagen würden, schnell auf Widerspruch zu stoßen. Sie wollten ostdeutsche Interessen eher diskret in den Vertrag verhandeln, durch die Hintertür, ohne sie direkt zu benennen. Sie glaubten, den anderen ihre Interessen unterjubeln zu können und ihnen im besten Fall das Gefühl zu geben: Diese Idee nützt euch doch auch.