Jeder, der noch einmal den Charme der Kolonialzeit erfahren will, der fand bislang am Rande Brüssels eine sichere Adresse. Dort, in der flämischen Gemeinde Tervuren, steht seit mehr als hundert Jahren ein Museum, das die Anmaßungen und Zumutungen, die Brutalität, aber auch die Begeisterung, mit denen die Europäer lange Zeit dem Rest der Welt begegnet sind, bis heute originalgetreu aufbewahrt hat.

Das Königliche Museum für Zentralafrika (KMZA), von Belgiens König Leopold II. einst als Kongomuseum gegründet, liegt leicht erhöht in einem weitläufigen Park, umspielt von einem französischen Barockgarten mit akkurat gestutzten Buchsbäumchen und prächtigem Wasserspiel. Nur ein paar Schuttcontainer am Rande weisen auf die Zeitenwende hin, die bevorsteht. In diesen Tagen schließt das Haus, und wenn es wie geplant in drei Jahren wieder öffnet, wird das Museum ein anderes geworden sein. Von einer "Generalüberholung" spricht Guido Gryseels, der Direktor, mit lässiger Untertreibung. Denn das, was er vorhat, ist weit mehr als eine gewöhnliche Sanierung.

"La Belgique apportant le bien-être au Congo", steht am Fuße einer der vier goldenen Statuen, die die von einer mächtigen Kuppel überwölbte Eingangshalle des Museums umkränzen. "Belgien, wie es den Wohlstand in den Kongo bringt." Die Allegorie zeigt eine Frau mit wallendem Gewand, die ein kraushaariges Kind auf dem Arm hält. Ein zweites, nacktes steht an ihrer Seite. Mit der Hand tätschelt die Frau den Hinterkopf des Kindes. Eine andere Statue trägt die Züge Leopolds; sie zeigt, wie Belgien "die Zivilisation in den Kongo bringt". Nur die "Belgische Expansion", eine goldene Nackte mit stolz emporgereckten Brüsten, die den Blick eroberungshungrig in die Ferne richtet, ist etwas verschämt an den Rand gerückt worden. Zu Füßen der Allegorien steht eine Reihe weiterer Plastiken, die allerdings nicht golden sind, sondern in schwarzen Stein gehauen: Afrikaner im Lendenschurz, die Feuer machen.

"Möchten Sie auch einen Audioführer?", fragt die Frau an der Kasse, eine Farbige.

Die bisherige Ausstellung stammt in ihrem Kern aus dem Jahr 1957; drei Jahre später wurde der Kongo unabhängig. Fein präpariert und ordentlich aufgereiht sind Spinnen, Käfer, Schmetterlinge und Würmer in den hölzernen Vitrinen. Ein ausgestopfter Leopard schlägt seine Zähne in den Hals einer Antilope. An zwei Nashörnern nagt erkennbar ein anderer Zahn: der Zahn der Zeit. Ihre Haut ist gerissen, hier und da quillt das Füllmaterial hervor.

"Echte Afrikaner" für die Schaulustigen

Als Gryseels 2003 sein Amt antrat, war bereits klar, dass das Museum ideologisch entrümpelt und umfassend erneuert werden musste. Dass es noch einmal zehn Jahre dauerte, bis die Pläne nun verwirklicht werden, hat zum Teil banale Gründe: die Bürokratie, das Geld, der Denkmalschutz. Der Aufschub weist aber auch darauf hin, dass dieses Museum noch weniger als andere seiner eigenen Geschichte entkommen kann. Vor allem nicht der Geschichte seines Gründers.

Die größten Grausamkeiten, die während der Kolonialzeit im Kongo verübt wurden, fanden statt, als das Land im Privatbesitz Leopolds war. Belgiens König hatte 1885 auf einer Konferenz in Berlin die anderen europäischen Mächte sowie die USA davon überzeugt, ihm das rohstoffreiche, für Europäer bis dahin kaum erschlossene Gebiet zu übertragen. Doch die Geschäfte liefen anfangs nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Der König musste das belgische Parlament um einen Kredit bitten und seine Landsleute von der Sinnhaftigkeit des Unternehmens überzeugen. So kam es, dass 1897 im Park von Tervuren zunächst – im Stil der damals europaweit sehr beliebten "Völkerschauen" – mehrere kongolesische Dörfer aufgebaut und "echte Afrikaner" als Attraktion präsentiert wurden. 1,2 Millionen Besucher kamen; ein Jahr später gründete Leopold das Museum.