Der Fuchs ist heute leichter zu beobachten als früher. Er ist ein sogenannter Kulturfolger wie Waschbär und Wildschwein, das heißt, er hat sich den Lebensraum des Menschen erobert, wühlt erfolgreich in Mülltonnen und gräbt Höhlen in Schlossparks. Aber heute wie früher, als man von ihm oft nur zarte Pfotenspuren im Schnee finden konnte, erschüttert dieser berühmte und vielfach perhorreszierte Held der Fabel durch seine Zierlichkeit. Das soll der Kaninchenkiller und listenreiche Hühnerdieb sein, der Odysseus der Tierwelt? Ein schmaler, feingliedriger Schatten steht nächtens im Vorgarten eines massigen Mietshauses. Laternenlicht fällt auf die Grasnarbe und ein Wesen, das einem verhungerten Hund ähneln könnte. Es bewegt nur die Ohren, eine Pfote schwebt in der Luft; gleich wird es verschwinden, vom Schattenriss sich verwandeln in etwas, das wenig mehr ist als ein schnell verwischter Pinselstrich. Nur an dieser Flucht, der zur Flucht aber alles Hastige und Panische fehlt, die mehr ein bedachtes Sich-Auflösen, ein hochprofessionelles Abtauchen in das Element der Umgebung ist, erkennt man den Fuchs. Er kommt und geht, wie er will. Er erscheint auf dem Bildschirm des Betrachters und löscht sich nach Belieben. Der Fuchs ist ein Phantom, genauer gesagt: Er ist der Herr seines Phantoms. Er ist ein Wildtier, das heißt, alles ist ihm Terrain und Revier, und er bewegt sich darin mit einer Umsicht und Nervenkälte, die den Menschen, dieses plumpe und unsichere Untier, erzittern lassen müsste.

Und nun schauen wir ihn uns einmal im Museum an, tot und ausgestopft, denn anders lässt er sich gar nicht in Ruhe anschauen. Der Schock wiederholt sich: was für eine kleines, dünnes Tier! Wie winzig die Zähnchen, wie zart die Pfoten, wie weich der Schwanz. Wie kann etwas so Filigranes dermaßen fit sein? Was ist das Geheimnis, was treibt die Hochleistung an, aus welcher Quelle speist sich die souveräne Lebenskraft eines lebenden Fuchses? Eines großen Jägers, einer verschlagenen Fähe, die unsichtbar am Rande der Schnellstraße ihre Welpen säugt und zu willensstarken Kämpfern erzieht?

Eine solche Füchsin, recht betrachtet und bedacht, ist zum Fürchten für den Menschen, zum Bewundern, zum demütigen Sichwegducken. Ein Mensch kann sie erschießen, vergasen und vergiften, überfahren oder sonst wie totmachen – kurzum, er kann das Kunstwerk kaputtmachen. Erschaffen kann er den Fuchs nicht, noch ergründen oder sich in irgendeiner Hinsicht untertan machen.

Aber etwa einen Wolf? Einen Kolibri? Ungerechterweise lädt nicht jedes Tier gleichermaßen zum Staunen ein. Der Kolibri ist ein so offensichtliches Wunder der Feinmechanik, dass man ihn sich, ähnlich den zirpenden, balzenden und flügelschlagenden Spieldosenfiguren des Rokoko, mit ihren Uhrfedern und Blasebälgchen im Innern, durchaus als begabte Arbeitsprobe vorstellen kann. Und der Wolf umgekehrt ist so wuchtig und wild – nun, der Wolf ist die wilde und wuchtige Natur, fern und fremd wie die Gletscher und Wipfel der Alpen. Vor den Alpen fragt sich auch niemand, wie es zu diesen Bergen kommen konnte. Sie sind das schlechthin Vorfindliche, basta.

Aber der Fuchs? Mein Gott, verzeih mir, aber der Fuchs macht Angst und andächtig. Es ist die Angst, etwas unendlich Kostbares und Rätselhaftes aus unbedachter Rohheit zu zerstören. Und es ist die Andacht vor der unverdienten Gegenwart des Lebens selbst – die der Mensch mit gutem Grund auch jederzeit vor dem Wunder seiner eigenen Lebendigkeit empfinden könnte.