Nach Harry Potter und Barry Fairbrother nun also Cormoran Strike und Robin. So heißt das Detektivpärchen in Der Ruf des Kuckucks, dem ersten Krimi aus der Feder J. K. Rowlings. Die Publicity-gestresste Schriftstellerin veröffentlichte ihn zunächst unter dem Namen Robert Galbraith, wohl auch, um im Schutz der Anonymität eines männlichen Pseudonyms ihre schriftstellerische Kraft auszuloten. Galbraiths fiktive militärische Vergangenheit sollte vor Foto- und Interviewterminen schützen. Weder Rücksichtnahmen noch Publikumserwartungen hinderten die reichste und meistveröffentlichte Autorin der Welt, das Buch zu schreiben, das sie am liebsten schreiben wollte.

Bei Erscheinen der deutschen Ausgabe, vier Monate nach Lüftung des Pseudonyms, ist die Handlung Wikipedia-bekannt. Topmodel Lula Landry, eine milchkaffeefarbene Schönheit mit Nofretete-Profil, ist in einer Januarnacht vom Balkon einer Penthousewohnung gestürzt. Die Londoner Polizei hat die Ermittlungen als Selbstmord abgeschlossen. Da wendet sich John Bristow, Anwalt und Adoptivbruder der ebenfalls adoptierten Toten, an den hoch verschuldeten, frisch getrennten und nach Afghanistaneinsatz unterschenkelamputierten Detektiv Strike. Assistiert von der Aushilfssekretärin Robin, analysiert der Ex-Militärpolizist Cormoran Indizien, überprüft Alibis und kommt nach sechshundertachtunddreißig Seiten der Wahrheit auf die Spur: Es war doch Mord. Blitzresümee im Stil einer TV-Zeitschrift: Action 0 Punkte, Erotik 1 Punkt, Anspruch 2 Punkte.

Wo ist die Frechheit geblieben, wo der Furor, mit dem Rowling vor gut fünfzehn Jahren schon im ersten Satz des ersten Harry Potter-Romans die Normalität und Selbstzufriedenheit der britischen Spießerwelt attackierte? Wo das Tempo, wo die Wendigkeit, mit der sie nicht nur jungen Lesern den Atem nahm? Leider: Nichts ist in diesem Krimi von der Agatha-Christie-Stange verwunderlich, an keiner Stelle stockt der Atem. Mit Poemen viktorianischer Provenienz signalisiert Rowling Dignität und Traditionsverhaftung und unterstreicht sie mit Zitaten lateinischer Klassiker, die die fünf Teile des Romans einleiten. Cormoran Strike reklamiert zwar, "dass Morde mehr als nur Rätsel waren, die gelöst werden mussten", aber die Maxime wird nicht eingelöst.

Rowling gelingen kontrastreiche, scharfe Szenen. Cormorans Armutsexistenz ist Elend von Dickens-Format. Und den Promis ist, gehetzt von Gier, Ruhmsucht und der Paparazzimeute, auch kein wahres Leben im falschen gegönnt. Dass Supermodel Lula Landry sich nicht nur in Strikes Augen als eine "wirklich anständige" Person herausstellt, ist Rowlings Erzählkunst gedankt. Dass Lula aber aus der Topmodel-Welt herausfallen muss, gehorcht der Zeigefingerästhetik der Moralistin Rowling, die die Gesellschaft strikt in eine intrigante Geld- und eine hilfsbereite Menschensphäre dichotomisiert.

Zu Letzterer gehört Robin, Cormorans von der Detektivarbeit mädchenhaft entzückte Aushilfssekretärin. So rücksichtsvoll, dabei praktisch, einfallsreich und voller Bewunderung für den Gentleman-Chef war nicht einmal Dr. Watson. Kurz: Trotz Beinprothese und Handy sind weder Cormoran Strike noch seine patente Assistentin von dieser Welt. Real sollen nur die übrigen Teilnehmer dieses Detektivspiels sein. Denn das ist es letztendlich doch, vom durchaus perfekt konstruierten Rätselbild des Anfangs bis zur ausführlichen Auflösung, die eines Hercule Poirot würdig gewesen wäre. Vielleicht kann man der Glamourwelt der Mode nur so begegnen: totally old-fashioned.