Hier gibt es keine Kunstmarktblasen, in Deutschland regiert der Verstand. Hier zahlt auch keiner Millionenbeträge für das soundsovielte Bild von Basquiat. In Deutschland gibt es nämlich keinen Basquiat, kein Bacon-Triptychon. Nirgendwo. Und so spiegeln die deutschen Herbstauktionen das Bild eines geruhsamen Markts. Hochpreisig bedeutet sechsstellig, und die Kunstwerke, die über die Million-Euro-Marke reichen, lassen sich an einer Hand abzählen. Das ist weiter nicht schlimm, das ist einfach so. Noch etwas anderes spiegelt die Offerte der deutschen Häuser: Das Angebot verknappt sich, breit macht sich lediglich das Mittelmaß. Entsprechend selektiv verhalten sich die Bieter. Sie lassen fragwürdige künstlerische Qualität ebenso durchfallen wie mangelhaften Zustand und zu hoch Bewertetes.

Das vorerst teuerste Los in diesem Herbst ist Karl Schmidt-Rottluffs Watt bei Ebbe von 1912, eine glühend-expressiv stilisierte Abendstimmung am Jadebusen, die sich ein belgischer Sammler bei Villa Grisebach, Berlin, erst bei 2,3 Millionen Euro, weit über dem Schätzpreis, sichern konnte. Drei weniger spektakuläre Stillleben aus späteren Jahren brachten im Rahmen ihrer Schätzungen zwischen 50.000 (Aquarell) und 180.000 Euro (Öl). Auch bei Max Liebermann werteten die Kenner streng. Sein Garten in Noordwijk-Binnen von 1909 wurde zur unteren Taxe bei 500.000 Euro zugeschlagen, die etwa sechs Jahre später entstandene Blumenterrasse im Wannseegarten nach Nordwesten wollte für 350.000 Euro niemand haben. Es gibt halt viele und auch schönere Wannseegartenmotive des großen Berliners, da musste man sich hier nicht unbedingt ins Zeug legen. Ähnlich die aktuelle Nolde-Rezeption: Zu viele Blumenaquarelle allerorten, recht unterschiedlich die Qualität, der künstlerische Ausdruck vielfach allzu unverbindlich. Das war in Berlin zu spüren, fünf der acht Nolde-Lose gingen zurück, eine Tendenz, die auf ein solides und kenntnisreiches Sammlerpublikum verweist, dem prominente Künstlernamen allein nicht Maßstab sind. Auch für Gabriele Münter gilt das. Die in der jüngsten Vergangenheit erzielten Höchstpreise haben für viel Nachschub auf dem Markt gesorgt, was wiederum anschaulich machte, dass die Künstlerin ein sehr disparates Œuvre hinterlassen hat. Ein kleines Stockholm-Motiv (Öl auf Pappe) von 1915 wurde bei 70.000 Euro unter Vorbehalt abgegeben, ein etwas fades Interieur mit Weihnachtsbaum, eine Impression aus der Münchner Wohnung von Kandinsky und Münter, überzeugte bei 350.000 Euro nicht.

Mehrere Aquarelle von Emil Nolde blieben in Berlin und Köln unverkauft

In der zeitgenössischen Sparte irritierten die Rückgänge der Arbeiten von Mack, Rainer und Demand, Freude machte Isa Genzken (Wiese, 255.000 Euro).

Überaus anregend sind Gestaltung und Provenienz von Gerhard Marcks’ Kastanienholzskulptur Weltangst, die der Bauhausmeister seinem Kollegen Lyonel Feiniger 1920 im Austausch für ein kleines Gemälde überlassen hat. Der "Gespenstermann", so nannte Feininger die siebzig Zentimeter hohe Kastanienholzskulptur, wurde in zähem Gefecht von 80.000 Euro auf 510.000 Euro gehoben. Er kam, wie das der Schätzung gemäß bei 500.000 Euro zugeschlagene Gemälde Der junge Mann aus dem Dorfe (um 1916/17), direkt aus dem Besitz der Familie Feininger.

Von Feininger ist auch die Nummer zwei im Herbst-Ranking. Noch. Nach kurzem Gefecht zweier Saalbieter wechselte bei Lempertz in Köln (26./27. November) sein Stilleben auf blauem Tisch, ein überaus dekoratives, nicht sonderlich innovativ behandeltes Motiv von 1912, für eine Million Euro den Besitzer. Max Pechsteins Mühlengraben von 1921, das zweite Toplos der Versteigerung, realisierte mit einem einzigen Gebot (aus der Schweiz) bei 700.000 Euro lediglich die Erwartungen. Obwohl die Auktionshäuser am liebsten von enormen Steigerungen künden, geht das schon in Ordnung, schließlich verweisen solche Ergebnisse auf Solidität in diesem Marktsegment und obendrein auf Geschick und Vernunft der Partner bei den Akquiseverhandlungen. Auch bei Lempertz war übrigens eine gewisse Nolde-Dämmerung zu beobachten, das Publikum bot selektiv, ein Südsee-Aquarell kam auf 75.000 Euro, der Orchideenzweig auf 56.000 Euro, Schwächeres wurde ignoriert. Günther Ueckers Nagelfelder dominierten die zeitgenössische Offerte. Gespalten, eine Arbeit von 1987, brachte 440.000 Euro. Jonathan Meese, dessen Marktwert mittlerweile ins Wanken geraten ist, überraschte mit einem Ergebnis von 80.000 Euro für Martin von Essenbeck ist Saalgott – riesig, dreiteilig, anstrengend.

Bei Van Ham, Köln (28./29. November) verbesserte sich Gerhard Richters frühe und artige ("Ich hatte Lust, etwas Schönes zu malen") Alpenlandschaft von 300.000 Euro auf 700.000 Euro, eine winzige Merz-Collage von Kurt Schwitters (1921) ging auf 320.000 Euro, und Alexander Kanoldts Stilleben mit Gitarre von 1926 wurde bei 155.000 Euro unter Vorbehalt zugeschlagen. Das neusachliche Gemälde gehörte, bevor es 1933 von den Nazis konfisziert wurde, dem Breslauer Anwalt Ismar Littmann. Der Stuttgarter Galerieverein hatte es 1935 erworben, fortan zählte es zum Bestand der Staatsgalerie Stuttgart, die es 2008 an die Littmann-Erben restituierte. Die ließen es nun, geschätzt auf 90.000 Euro, versteigern. Der Staatsgalerie wurde ein Vorkaufsrecht eingeräumt, sie muss sich umgehend entscheiden, ob sie den Interessenten überbieten will.