"Vive l’empereur!" Die Soldaten brüllten aus voller Kehle, doch der junge Fabrizio del Dongo konnte ihn nicht sehen. "Man kann sich denken, wie unser Held die Augen aufriss, aber er sah nichts als vorbeigaloppierende Generäle, denen ebenso ein Stab von Reitern folgte. Die langen, wehenden Roßhaarschweife, die die Dragoner des Gefolges auf ihren Helmen trugen, hinderten ihn, die einzelnen Gestalten zu erkennen." So beschrieb Stendhal auf grandiosen Seiten seiner Kartause von Parma die missglückte Begegnung des leicht alkoholisierten Fabrizios mit Napoleon in der Schlacht von Waterloo 1815. Fabrizio war zerknirscht: "So habe ich den Kaiser auf dem Schlachtfeld nicht sehen können wegen dieser verfluchten Schnapstrinkerei!" Der "Weltgeist zu Pferde", so Hegels unsterbliche Beschreibung Napoleons, ritt vorüber und blieb unsichtbar.

Mit dem Schicksal des großen, kleinen Korsen kann man jetzt Murmeln spielen; damals hat er Europas Völker durcheinandergemurmelt. Rund, dunkelbraun, leicht abgestoßen liegt sie da, die Eisengusskugel mit drei Zentimeter Durchmesser, die soeben bei der Versteigerung im Auktionshaus Villa Grisebach unbegreiflicherweise noch niemandes Herz traf. "Geschoss welches in der Schlacht von Waterloo zwischen den Füssen von Napoleon einschlug und diesen fast getötet hätte": So erklärt ein maschinenschriftlicher Zettel die Kugel im Holzkästchen. Ob sich der Kaiser erschrocken hat? Es fehlten nur ein paar Zentimeter, und der 45-jährige Welteroberer wäre an jenem 18. Juni den Heldentod gestorben. Das wiederum hätte Tausenden Soldaten, die in den folgenden Stunden fielen, das Leben gerettet. Und ihm wäre später das schmachvolle Dahinsiechen im Exil der südatlantischen Insel St. Helena erspart geblieben, das nasskalte sechs Jahre währte. Er läge heute einbalsamiert in Paris, denn auch die weitere Geschichte wäre gewiss anders gelaufen, man hätte ihm ein megalomanes Mausoleum gebaut und auf seine Erben eine Monarchie gegründet. Heute könnte noch immer ein Kaiser der Franzosen herrschen, längst gäbe es ein lateinisches Imperium. In dessen ostrheinischen Satrapien wäre Französisch Amtssprache, und in Weimar bekäme Chevalier Peter Sloterdijk von Bernard-Henri Lévy den Napoleonpreis verliehen ...

Aber, oh Graus: Stendhal hätte dann auch die Szene in seiner Kartause nie geschrieben! Die Weltgeschichte ist nicht nur für Fabrizio unsichtbar. Manchmal jedoch bleibt von ihr im Nachverkauf für tausend Euro eine Kugel zurück, die uns zuflüstert: Es lebe der Kaiser!