Die Frage: Als Esther Hans-Peter kennenlernte, waren beide überzeugt davon, dass die Chemie stimmte. Sie machten sich zusammen selbstständig, Esther wurde schwanger. Inzwischen ist der gemeinsame Sohn David acht Jahre alt, Esther hat sich von Hans-Peter getrennt, weil er ständig Affären hat, aber sie arbeitet nach wie vor mit ihm zusammen, weil sie nirgends eine so gut dotierte Stelle fände. Weil David es sich wünscht, verbringen beide einen Urlaub in getrennten Betten in einer reizenden Ferienwohnung auf Rügen. Die Stimmung ist entspannt wie schon lange nicht mehr. "Sollten wir nicht diese Wohnung für uns kaufen?", fragt Hans-Peter. Er hat erfahren, dass der Eigentümer sie anbietet. Esther versteht nicht, warum sie seit dieser Bemerkung die Freude am Urlaub verloren hat.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Esther wird plötzlich das Familientheater bewusst, das sie David zuliebe gespielt haben. Ihre Reaktion zeigt, dass getrennte Partner auf dünnem Eis gehen, wenn sie versuchen, die Realität ihrer erotischen Entfremdung zu leugnen. Esther hat Hans-Peter die Liebesbeziehung aufgekündigt, weil sie sich von ihm Treue wünschte und er ihr diesen Wunsch nicht erfüllen kann. Hans-Peter will durch die Fantasie, die Kulisse des gegenwärtigen Rollenspiels dauerhaft in Familienbesitz zu bringen, die gute Stimmung quasi zementieren. Aber eine Wohnung mit Balkon und Ostseeblick ist kein Ersatz für Empathie. Esthers Reaktion zeigt vielleicht ebenso wie Hans-Peters euphorische Fantasie, dass beide nicht mehr ineinander verliebt, aber auch noch nicht miteinander befreundet sind.