Der Förster traut seinen Augen nicht und zieht die Kamera – ein Bär! –, es ist Samstag vor Ostern 2012, 15.41 Uhr, hell, kalt, der 7. April. Arglos geht das Tier durchs Engadin, fast 2000 Meter über dem Meer, gelbes Plastik im rechten Ohr.

M bedeutet männlich, male, mascolino, 13 ist eine Laufnummer, M13 kommt aus Italien, Region Trentino-Südtirol, wo es einige Dutzend Bären gibt. Auch Peter Hilber stammt von dort, 176 Zentimeter groß, verheiratet, Vater eines Sohnes.

Seit er vor einer Woche, durch nichts zu erklären, nachts in eine Leitplanke fuhr, hat Herr Hilber, Feinkosthändler am deutschen Rand des Bodensees, 96 Kilo schwer, einen Toyota Verso gemietet, Kennzeichen EU-CM 1953.

Am Ostermorgen lärmt Die Südostschweiz auf Seite drei: Bär in der Nähe von Scuol gesichtet! Bisher, tröstet das Blatt, verhalte das Tier sich unauffällig, 8. April 2012.

Hilbers Frau, auch sie aus Südtirol, heißt Tanja B., sie ist Operationsschwester in Friedrichshafen, alle paar Wochen zieht die Familie um, man lebt in Ferienwohnungen, Ailingen, Kluftern, jetzt in Langenargen, Gräbenen 28.

In der Nacht zum Ostermontag leckt M13 einen Bienenstock aus, in der Nacht zum Dienstag schon wieder, Ursus arctos arctos aus der Familie der Ursidae.

Am 10. April gegen 8.30 Uhr fährt Hilber im Mietwagen von Eriskirch nach Langenargen, Bodenseekreis, jemand, der ihm folgt, ruft die Polizei, da sei einer betrunken unterwegs, der wechsle ständig die Spur, dann kracht Hilbers Toyota in einen Zaun, Rosenstraße 1, Peter Hilber, unverletzt, kann kaum gehen, kaum reden, nach Bregenz, lallt er, habe er gewollt. Da sei er aber, sagt der Polizist, in die falsche Richtung gefahren, Herr Hilber, zwei Unfälle in elf Tagen, was ist los?

Klinikum Friedrichshafen, Blutabnahme.

Und Die Südostschweiz schreit auf: Engadiner Bär verfolgt deutsche Familie! Was eine gemütliche Wanderung im Val S-charl hätte werden sollen, hat sich am Ostersamstag für die Familie H. aus Tübingen zur Flucht entwickelt. Bis auf fünfzig Meter habe sich das Tier genähert.

0,0 Promille Alkohol.

Dann untersuche man, bittet der Staatsanwalt aus Ravensburg, Hilbers Blut ein weiteres Mal: auf Arznei-, Betäubungsmittel, Sonstiges.

In der Nacht auf Mittwoch, 11. April, bricht M13 ins Gehege eines Reitstalls ein und holt sich eine Ziege, RTL schickt Reporter ins Hochtal, die Süddeutsche Zeitung erinnert an JJ1, auch Bruno genannt, der im Juni 2006 Bayern heimsuchte. Und der Jagdinspektor des Kantons Graubünden beruhigt, M13 sei halt jung und neugierig, zwei Jahre alt, unerfahren und verspielt, aber wohl nicht ganz so scheu, wie man ihn gern hätte, trotzdem kein Problembär und schon gar kein Risikobär. Die Volkszeitung Blick streut die Vorschläge des Bundesamts für Umwelt, es sei weder ratsam, auf den Bären zuzulaufen noch sich ihm, wenn er am Fressen sei, zu nähern, am besten mache man ein Geräusch und erkläre dem Tier so die eigene Existenz, man rede zum Beispiel oder singe leise, und greife der Bär dennoch an, lege man sich auf den Boden, die Hände im Nacken schützend verschränkt, und warte ab, Gegenwehr zwecklos.

Tanja B., 37, Ehefrau von Herrn Hilber, wildes, rot gefärbtes Haar, hat zwei Handys. Eines, 0151/18 69 03 81, benützt sie nur, um mit Christoph M. zu verkehren, 0151/18 69 14 01, der auch zwei Handys hat. Meistens tauschen sie Nachrichten via Skype, kostenlos, Tanja ist Orchidee1011, Christoph heißt Isabell7363: Für meine Sklavin!, Für meine Herrin!

Am Ostersamstag, 13.31 Uhr, eine Woche nach Hilbers erstem Unfall, dem Tag, als M13 in die Schweiz kam, schreibt Isabell7363 seiner Orchidee1011: Man könnte fast meinen, er sei immun gegen das Zeug.

Wieder stiehlt M13 im Reitstall von San Jon eine Ziege, es ist heller Abend, Menschen schreien und fuchteln, M13 trottet davon, sein Opfer im Maul, Jagdinspektor und Wildhüter lauern und warten, schießen dem Tier, als es wiederkommt, aus vierzig Meter Distanz ein Betäubungsmittel ins Blut, Medetomidin und Zoletil, es ist Donnerstag, 12. April 2012, +46° 47' 10.18", +10° 18' 31.30", sie fotografieren und vermessen, zurren dem Bären ein Halsband der Vectronic Aerospace GmbH Berlin um den Hals, zähes Polyurethan, daran zwei Geräte, einen VHF-Peilsender, Very High Frequency, Frequenzband 148 Megahertz, und einen GPS-Empfänger, Global Positioning System, der zu jeder vollen Stunde die Signale möglichst vieler Satelliten feststellt und so den Standort von M13 berechnet, dessen Koordinaten speichert und schließlich, alle sieben Stunden, sieben Angaben per SMS nach Berlin schickt, Carl-Scheele-Straße 12, wo die Botschaft, umgeschrieben in eine E-Mail, Sekunden später in die Schweiz abgeht, Bundesamt für Umwelt, Amt für Jagd und Fischerei des Kantons Graubünden, KORA, Koordinierte Forschungsprojekte zur Erhaltung und zum Management der Raubtiere in der Schweiz.

SMS von Isabell7363 an Orchidee1011: Ich habe schon einen richtig großen, reißfesten Sack besorgt!

Tanja B. an Christoph M.: Ich hoffe von Herzen, dass mein Plan aufgeht.

Ende März fuhr Hilber seinen Audi 6 in eine Leitplanke, zehn Tage später den Toyota in einen Zaun, nun mietet er wieder einen Wagen. Die Feinkost, die er vertreibt, holt er in Südtirol, Brot, Wein, Trockenfleisch, und bietet sie im Internet an, auf Messen in Deutschlands Süden, Hilber steht am Stand, redet gern und lacht. Manchmal erzählt er laut, nun gründe er eine GmbH, das nötige Kleingeld, läppische 25.000 Euro, sei kein Problem.

Orchidee1011: Dieser Wichser, dieser Vollpfosten!

13. April 2012, Freitag, seit sechs Tagen ist M13 in der Schweiz, Reporter lungern im Engadin und bieten Geld für Hinweise, M13 kratzt Bienenstöcke aus, Mülltonnen, einmal jagt er Reiterinnen in die Flucht, dann Schafe. Wildhüter schießen Gummischrot, so lange, bis der Bär im Wald verschwindet.

Familie H. aus Tübingen stellt klar, sie habe sich von M13 nie bedroht gefühlt, bei dem, was in den Zeitungen zu lesen gewesen sei, handle es sich um gezielte Überzeichnung, eine reißerische Dramatisierung.

Und das Bundesamt für Umwelt, Sektion Jagd, Fischerei, Waldbiodiversität, lädt die Worte seines Vorstehers ins Netz, bafu.admin.ch, M13 werde nun eng überwacht, Bienenzüchtern rate man zu Elektrozäunen, Schafzüchtern zu Herdenschutzhunden. Vier Tage später die Erlösung in Blick: M13 ist jetzt in Österreich.