Essayist, Verleger, Urbanist – auf jeder dieser Domänen war Wolf Jobst Siedler ein großer Herr. Mit Sitz in Berlin – und das hieß: tief verwurzelt in Preußen. Nicht im wirklichen Preußen, sondern in jenem Preußen, wie es hätte sein sollen. Er sei, sagte Siedler einmal in Anlehnung an Thomas Manns Faustus, ein "Roué des Potentiellen" – ein Lebemann des Möglichen. Er berief sich auf Nietzsche: "Alle Historiker erzählen von Dingen, die nie existiert haben, außer in der Vorstellung." Doch diese Beschwörung der idealisierten Geschichte, diese bisweilen polemische Trauerarbeit am tatsächlich Verlorenen, war ihm nur die Folie, auf der zu sehen sein sollte, wie die Zukunft sein könnte. Darin ähnelte er Fontane. Hatte dieser nach der ersten deutschen Einigung mit seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg das geistige Land den Neuberlinern erschlossen, begab sich Siedler auf die Wanderung durch die zunächst preußisch-deutsche Nationalgeschichte. Am deutlichsten wurde die Nähe in Siedlers Essay Auf den Seelower Höhen, erschienen in dem bezeichnend betitelten Band: Wanderungen zwischen Oder und Nirgendwo: Das Land der Vorfahren mit der Seele suchend. Die Seelower Höhen, der letzte Hang vor der Eroberung Berlins durch die Rote Armee! Politisch war die Haltung abzuschauen an den von ihm verlegten Buchreihen Das Reich und die Deutschen und Die Deutschen und ihre Nation – konzipiert noch zu den Zeiten der Teilung, abgeschlossen nach der zweiten deutschen Einigung. Was zunächst anachronistisch wirken mochte, wurde zum Basso continuo des Geschehenden. Keinesfalls affirmativ, dagegen sprach schon seine Bibliothek des deutschen Widerstandes. Dass sich Siedler, der bei Ullstein, Propyläen und Bertelsmann große Rollen spielte und dazwischen einen eigenen Verlag führte, mit den Memoiren des NS-Architekten Albert Speer einen ziemlich braunen Bären aufbinden ließ, war schade. Zumal der Architektur- und Stadtbaukritiker Siedler schon ästhetisch ganz anderen, humanen Vorstellungen anhing, wovon seine Polemik Die gemordete Stadt zeugte. Ach, hätte man darin mehr auf ihn gehört! Nun ist er, nach 87 Lebensjahren, verstummt.