Meine erste Reise nach Kabul unternahm ich vor einem Jahr. Ich begleitete damals Hamid Rahimi, einen deutsch-afghanischen Boxer. Er hatte kurz zuvor einen Kampf in Kabul organisiert und gewonnen. Mehr als tausend Leute waren gekommen, angeblich schauten Millionen im Fernsehen zu, Präsident Karsai gratulierte persönlich. "Fight for Peace", nannte Rahimi das Ganze.

Rahimis Lebensgeschichte ist eine, wie sie Journalisten lieben: zerrissen, widersprüchlich und irgendwie politisch bedeutsam. Als Kind erlebte er den Krieg, er sah wie ein Freund von einer Explosion zerfetzt wurde und sprach zwei Jahre lang kein Wort. Mit neun floh er mit seiner Familie nach Deutschland. Als Teenager lernte er die falschen Leute kennen, Zuhälter, Schläger, Drogendealer. Er wurde Anführer einer Gang. Als er auf einen Mann schoss, kam er ins Gefängnis. Dort begann er zu boxen und dort – so erzählt er es – beschloss er, nach Afghanistan zurückzukehren, zu kämpfen und Vorbild für die Jugendlichen zu sein, die sonst nur Krieger anhimmeln würden.

In Hamburg hatte Rahimi mir erklärt, er wolle eine Boxschule für Kinder aufbauen. Deshalb wolle er nach Kabul fahren.

Dort angekommen, waren ihm andere Dinge wichtig: Sauna, Partys, Pools, "ein bisschen abhängen mit Kumpels". Am zweiten Tag wechselte ich das Hotel und suchte nach anderen Geschichten.

Ich sah Rahimi noch in jener Woche: bei einem Pressetermin zu einer Fluss-Reinigungsaktion. Er kam zu spät, 200 Müllmänner standen bereits seit einer Stunde ordentlich aufgereiht in der Sonne, Rahimi sprach mit keinem von ihnen. Stattdessen versuchte er, mit der Stadt Deals für seine aus Deutschland mitgereisten Freunde auszuhandeln. Erst als die Kameras lokaler Fernsehteams aufblinkten, begann er mit den Müllmännern zu plaudern und zu boxen. Anders als vereinbart, hatte er kein Essen für sie mitgebracht und zu wenige Winterjacken. Ein Afghane bot an, wenigstens das Essen zu besorgen, wenn Rahimi ihm Geld gebe. Dazu war er nicht bereit. Sein mitgereister Bruder wurde wütend. "Ich mach nicht mehr mit", sagte er, "ich bin raus." Der afghanische Organisator schimpfte: "So könnt ihr doch nicht arbeiten." Ein paar Minuten später erzählte mir der Boxer, wie gut die Partys der vergangenen Abende gewesen seien. "Warum sprichst du nicht mit den einfachen Leuten hier?", fragte ich ihn. "Ich will zu den Mächtigen. Was soll ich auf der Straße?" Auf Facebook postete er Bilder von der Straße mit Kindern und mit alten Männern.

Hamid Rahimi weiß sich zu präsentieren. Er hat eine Autobiografie geschrieben: Die Geschichte eines Kämpfers. NDR, taz, Bild, Welt, ZEITmagazin, FAZ, Spiegel, Deutschlandradio und Sat.1 berichteten.

Im Flugzeug nach Kabul saß damals auch Boris Barschow. Der 46-Jährige war zweimal als Soldat in Afghanistan gewesen und wollte Rahimi überreden, gegen ihn, einen Laien, in den Ring zu steigen, "um für den Frieden in Afghanistan zu kämpfen". Rahimi willigte ein. Nach ein paar Monaten verkündete Barschow, mit den Spenden des Boxkampfes – wieder ein "Fight for Peace" – die "erste unabhängige Journalistenschule" in Afghanistan zu gründen. Die Deutsche Journalistenschule in München, an der Barschow lernte, ist Pate.

Man kann in Kabul seit Jahren Journalismus studieren, die Medien sind erstaunlich frei. Als ich Barschow darauf ansprach, sagte er: "Aber noch nicht richtig, noch nicht so wie in Deutschland." – "Glaubst du, das wäre mit einer Schule zu ändern?" Er wich aus. Mitte November stiegen die beiden in den Ring.

Rahimis Bruder sagte mir vor einem Jahr: "'Fight for Peace' – ich glaube, das heißt vor allem: für den Frieden mit sich selbst kämpfen."