Diese Pointe gehört an den Anfang: Dass Deutschland in der neuen Pisa-Studie so viel besser als früher abschneidet, geht in erster Linie auf das Konto der Einwandererkinder. Um gleich noch einen draufzusetzen: Die deutschen Schüler "mit Zuwanderungshintergrund" sind inzwischen in Mathematik besser als der Durchschnitt aller Schüler in den USA und Schweden.

Vor zwölf Jahren hallte nach dem Pisa-Schock ein Schrei des Entsetzens durch Deutschland. Nun darf der Seufzer der Erleichterung gern ebenso laut sein.

Denn im Vergleich zu dem miesen Zeugnis, das Pisa (Programme for International Student Assessment) unserem Land damals ausstellte, zeichnet die neue Studie nun ein durchweg freundlicheres Bild unseres Schulwesens. Vor zwölf Jahren lautete das Urteil über unser Land: schlechte Schüler, ungerechtes Schulsystem. In allen Testbereichen – Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften – lagen die Leistungen unserer 15-Jährigen unter dem internationalen Durchschnitt. Und in kaum einem anderen Industrieland waren die Leistungen der Schüler so eng an die soziale Herkunft gekoppelt wie bei uns.

Im neuen Durchgang liegt Deutschland nun erstmals in allen Testbereichen über dem internationalen Durchschnitt. In Mathematik haben wir sogar mit Kanada und Finnland, das diesmal etwas schwächelt (Seite 88), gleichgezogen. Außer Reichweite liegt derzeit nur eine Handvoll asiatischer Staaten und Regionen wie Shanghai oder Singapur, über deren Vorbildcharakter man trefflich streiten kann.

Dabei ist der Leistungszuwachs der deutschen Schüler beachtlich. Die heutigen 15-Jährigen sind ihren Altersgenossen vor zwölf Jahren mit ihren Fähigkeiten rund ein Schuljahr voraus. Dieser Kompetenzgewinn ist im Gegensatz zur Meinung einiger Kritiker real. Die Pisa-Studie ist kein läppischer Ankreuztest, sondern ein ausgefeiltes Diagnoseinstrument. Sie testet problemlösendes Denken in Mathematik und beim Lesen ein kritisches Textverständnis.

Die Pisa-Forscher erheben dabei – obwohl ihnen das manchmal vorgeworfen wird – nicht den Anspruch, den Bildungsstand der Schüler umfassend abzubilden.

Aber die Kenntnisse, die untersucht werden, sind zweifelsfrei ein wichtiger Teil der Grundbildung. Sie sind für ein erfolgreiches Berufsleben genauso wichtig wie für das Mitwirken in Staat und Gesellschaft oder für die Entfaltung des Individuums.

Noch eine zweite erfreuliche Entwicklung zeigt die neue Pisa-Studie. In puncto sozialer Ungerechtigkeit liegt Deutschland nunmehr nicht glorreich, aber unauffällig im internationalen Durchschnitt.

Womit wir wieder bei den Einwandererkindern wären, denn eingewandert wurde bislang in Deutschland überwiegend in die unteren Sozialschichten. Weil die 15-Jährigen aus Migrantenfamilien bei Pisa kräftig zugelegt haben, während sich bei den deutschstämmigen Jugendlichen, die sozial besser gestellt sind, wenig getan hat – deshalb ist das deutsche Schulsystem gerechter geworden.

Offensichtlich hat der Pisa-Schock an der richtigen Stelle gewirkt. Dass ein knappes Viertel der 15-Jährigen – "Risikogruppe" genannt – nicht richtig lesen und rechnen kann, darunter überdurchschnittlich viele Einwandererkinder, das hat viele Lehrer alarmiert, das hat das Bewusstsein der Bildungspolitiker, aber auch vieler Eltern und Ehrenamtlicher dafür geschärft, die Sprachkenntnisse der Schüler zu verbessern. Mit dem Ergebnis, dass die Risikogruppe nunmehr auf ein Siebtel geschrumpft ist.

Von Anfang an war die Pisa-Studie weit mehr als ein Schulvergleichstest. Sie ist eine bedeutende soziologische Untersuchung, eine Art Frühwarnsystem für die Gesellschaft. Erst seit der ersten Pisa-Studie wissen wir um den Umfang und die Dramatik der Einwanderung nach Deutschland, vorher gab es dazu nicht einmal eine ordentliche Statistik.

Seit dem Pisa-Schock wissen wir, dass die 15-Jährigen aus Einwandererfamilien ihren deutschstämmigen Mitschülern im Durchschnitt leistungsmäßig um ein, zwei Jahre hinterherhinken.

Das hat vorwiegend nicht kulturelle oder gar religiöse, sondern soziale Ursachen. Nicht weil seine Eltern Türken sind, sondern weil sie Arbeiter sind, gehört der durchschnittliche türkischstämmige Junge zu den Bildungsverlierern. Und entgegen landläufigen Vorurteilen haben seine Eltern ein höheres Interesse an der Bildung ihres Kindes als vergleichbare deutsche Eltern.

Wir wissen heute auch mehr über die Vielfalt und die Dynamik der Einwanderung. Kinder, deren Eltern aus Vietnam stammen, sind im Durchschnitt leistungsstärker als jene mit Eltern aus der Türkei oder Italien. Die Osteuropäer, die vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Deutschland eingewandert sind, sind im Durchschnitt gebildeter als jene, die danach zu uns kamen.

Vor allem ist zur Gewissheit geworden, dass das Beherrschen der deutschen Sprache für Einwandererkinder der Königsweg zur Bildung ist. Wer perfekt deutsch spricht, der hat in diesem Land nicht alle, aber ziemlich gute Chancen, in der Schule zu reüssieren.

Das ist die Botschaft dieser Pisa-Studie, vielleicht die wichtigste: Der Schlüssel zu anhaltenden Erfolgen liegt in der weiteren massiven Sprachförderung der Einwandererkinder. Denn noch immer liegen ihre Leistungen deutlich unter denen der deutschstämmigen Schüler.

Mehr als bisher werden sie aber in den kommenden Jahren das Bild unserer Schulen bestimmen. Im Jahr 2000 stammten 22 Prozent der 15-Jährigen aus Einwanderfamilien, 2012 waren es schon 26 Prozent. In der Altersgruppe der bis Fünfjährigen sind es bereits 35 Prozent. Es wird wohl nicht lange dauern, bis sie in Westdeutschland die Mehrheit der Kindergartenkinder und dann der Schüler stellen.

Ihnen allen gutes Deutsch beizubringen, im Kindergarten, in der Schule und auch – wie in klassischen Einwanderungsländern üblich – an den Hochschulen, ist eine gewaltige, aber notwendige Aufgabe.

Die neuen Pisa-Ergebnisse machen dazu Mut.