DIE ZEIT: Die Finnen galten jahrelang als Musterschüler Europas. Nun sind sie im Pisa-Ranking abgerutscht. Hat sich Finnland zu lange auf seinen Lorbeeren ausgeruht?

Mirja Talib: Ja, wir Finnen waren zu selbstzufrieden wegen der guten Pisa-Ergebnisse der letzten Jahre. Mit der Entwicklung anderswo konnten wir nicht mehr Schritt halten, weil wir uns zu wenige Gedanken um Modernisierung gemacht haben. Um neue pädagogische Konzepte und technische Infrastruktur hat sich bei uns kaum jemand gekümmert.

ZEIT: Eine neue Herausforderung in Finnland ist die steigende Migrationsrate: Neben finnischen Kindern sitzen heute auch immer mehr Schüler aus Russland, Estland und Somalia in den Klassenzimmern. Haben sie das Ergebnis gedrückt?

Talib: Bei der letzten Studie 2009 gab es noch keine Hinweise darauf, dass Schüler mit Migrationshintergrund viel schlechtere Leistungen erbracht hätten. Gerade Migrantenkinder aus der zweiten Generation haben im Vergleich zu jenen aus anderen OECD-Ländern gut abgeschnitten. Heute sieht es vermutlich schon ein wenig anders aus.

ZEIT: Was sind die Gründe?

Talib: Die Gelder für Förderstunden wurden vom Staat gekürzt, obwohl viele Migrantenkinder die finnische Sprache nur schlecht beherrschen. Viele Eltern aus zugewanderten Familien sind außerdem selbst nicht gut gebildet und verstehen unser Bildungssystem zu wenig, um ihre Kinder in der Schule zu unterstützen.

ZEIT: Auffallend ist auch, dass finnischsprachige Schüler besser abgeschnitten haben als die schwedische Minderheit. Warum?

Talib: Auch hier spielen fehlende Sprachkenntnisse eine Rolle. Viele Kinder aus der schwedischen Minderheit sprechen zu Hause nur Schwedisch und mit ihren Freunden nur Finnisch. Das führt dazu, dass sie keine der beiden Sprachen perfekt beherrschen. Außerdem herrscht an den schwedischen Schulen in Finnland Lehrermangel.

ZEIT: Eine Diskrepanz gibt es auch bei den Geschlechtern: Finnische Mädchen lesen besser als ihre männlichen Mitschüler. Wieso?

Talib: Das liegt daran, dass wir unsere Jungen in der Schule anders behandeln als unsere Mädchen. Während Jungen auch mal frech und laut sein dürfen, werden Mädchen mehr angetrieben und gefördert. Dabei predigen wir sonst immer Geschlechtergleichheit.

ZEIT: Die Jugendarbeitslosigkeit in Finnland ist mit 20 Prozent vergleichsweise hoch. Demotiviert es Schüler, wenn sie sehen, dass ihr älterer Bruder nach einem erfolgreichen Schulabschluss keinen Job findet?

Talib: Natürlich. Viele junge Leute glauben nicht mehr an den Wert von Bildung, wenn sie die Auswirkungen der ökonomischen Krise erleben. Sie denken sich: "Warum soll ich mich in der Schule anstrengen, wenn Bildung mich ohnehin nicht weiterbringt?" Dem klassischen Bildungsweg schenken sie kein Vertrauen mehr. Stattdessen wird auch in Finnland Freizeit und Vergnügen von Jugendlichen immer mehr wertgeschätzt.

ZEIT: Finnische Politiker haben mit den guten Ergebnissen der vergangenen Pisa-Studien nie geprahlt, sondern blieben eher bescheiden. Wird es um die aktuellen Ergebnisse mehr Aufregung und Diskussion geben?

Talib: Ja, die Diskussionen haben bereits begonnen. Viele sind besorgt und meinen, wir können nicht ewig so weitermachen. Die Forderung nach mehr Geld für unsere Schulen wird wieder lauter. Ich persönlich glaube, dass wir Bildung wieder mehr Aufmerksamkeit schenken müssen als bisher. In einem so kleinen Land wie Finnland wiegen fähige, helle Köpfe mehr als Industrie.