DIE ZEIT: Können Sie uns – zwölf Jahre nach dem Pisa-Schock – das deutsche Pisa-Wunder erklären? Die Schüler sind bedeutend besser, die Schule ist sozial gerechter geworden.

Manfred Prenzel: Es ist nicht plötzlich eine Fee aufgetaucht und hat Stroh zu Gold gesponnen. Also, ein Wunder sehe ich nicht. Die Leistungen der deutschen Schüler wurden vielmehr kontinuierlich, von Studie zu Studie besser. Unsere 15-Jährigen heute sind mit ihrem Wissen und Können ein Schuljahr weiter als ihre Altersgenossen von damals.

ZEIT: Wo sehen Sie die Ursachen dieses Erfolgs?

Prenzel: Die Pisa-Studie testet die Fähigkeiten von Schülern, fragt jedoch nicht, warum diese besser oder schlechter geworden sind. Wir wissen aus solchen Vergleichsstudien nicht im Detail, welche Maßnahme welche Wirkung erzeugt. Für mich ist offensichtlich, dass das ganze Bündel von Instrumenten an den Schulen Wirkung gezeigt hat. Vor allem hat Pisa an den Schulen und in der Öffentlichkeit einen Sinneswandel ausgelöst: Es wird wieder, was lange Zeit verpönt war, auf die Leistungen der Schüler geachtet. Offenbar mit Erfolg.

ZEIT: Das sind doch lediglich Vermutungen. Womöglich erklären sich die Leistungen auch durch die bessere Wirtschaftslage oder dadurch, dass gebildetere Menschen eingewandert sind.

Prenzel: Das will ich gar nicht ausschließen. Aber zunächst erklären sich bessere Leistungen durch besseres Lernen. Es gibt viele Hinweise darauf, dass sich an den Schulen etwas getan hat, und zwar nicht nur im Wissen. Im Vergleich zu früher haben die Jugendlichen zum Beispiel mehr Selbstvertrauen und weniger Angst im Mathematikunterricht. Das zeigen unsere Befunde. Da müssen die Lehrkräfte also etwas bewegt haben. Mehr Kinder von Arbeitern und Einwanderern haben den Weg aufs Gymnasium geschafft. Und überhaupt basiert der deutsche Leistungszuwachs vorwiegend auf besseren Leistungen der sozial schwächeren Jugendlichen. Deshalb auch ist die Schule sozial gerechter geworden, wobei da sicher noch viel zu tun ist.

ZEIT: Und das alles, weil die Lehrer mehr auf Leistung achten?

Prenzel: Das ist auf jeden Fall eine wichtige Ursache, denn sie kümmern sich ja darum, dass gut gelernt wird. Zusätzlich haben sicher auch Anregungen von außen geholfen.

ZEIT: Wie sehen die aus?

Prenzel: Für eine Reihe von Fächern haben die Kultusminister bundesweit einheitliche Bildungsstandards festgelegt. Damit wissen Lehrkräfte in ganz Deutschland, was Schüler am Ende der Grundschule und der Sekundarstufe können sollen. Dazu wurden in den meisten Ländern sogenannte Schulinspektionen eingeführt, also die systematische Bewertung der Schulen durch externe Fachleute.

ZEIT: Die meisten Lehrer wissen mit den Bildungsstandards doch gar nichts anzufangen.

Prenzel: Aber sie kennen die verbindlichen Anforderungen und erfahren sie anhand von Aufgabenbeispielen oder über die Vergleichsarbeiten, abgekürzt Vera, die auf den Bildungsstandards basieren und die regelmäßig in den dritten und achten Klassen landesweit geschrieben werden.

ZEIT: Die sind bei den Lehrern genauso wie die Schulinspektionen nicht gerade beliebt.

Prenzel: Wer wird schon gern evaluiert? Das macht Arbeit und bringt womöglich Kritik. Aber dieser Blick von außen hilft, einfach deshalb, weil er zum genaueren Hinschauen zwingt. Und viele Schulen nutzen Standards und Evaluationen inzwischen zur Unterrichtsentwicklung.

ZEIT: Sehen Sie noch andere Ursachen für die Leistungssteigerung?

Prenzel: Vor allem in der Mathematik ist der Unterricht vielfältiger geworden, anspruchsvoller und differenzierter. Beim Lesen haben vermutlich die vielfältigen Lese- und Vorleseinitiativen Wirkung gezeigt.

ZEIT: Der Preis für die Fortschritte scheint hoch: Die Schüler büffeln mehr, der Leistungsdruck hat zugenommen, viele klagen über die Turbo-Schule.

Prenzel: Da muss ich widersprechen. Der größte Teil unserer 15-Jährigen besucht wie im Jahr 2000 die neunte Klasse, in den Niederlanden sind sie in der zehnten, in Großbritannien sogar in der elften Klasse. Was ist daran Turbo? Und aus der Sicht der Schüler, die wir untersucht haben, macht ihnen die Schule nicht mehr Angst als früher. Im Gegenteil, sie fühlen sich sogar stärker mit ihrer Schule verbunden und dort sozial besser integriert als beispielsweise Schüler in den USA oder in den Niederlanden. Mit Horrormeldungen kann ich nicht dienen.

ZEIT: Wie erklären Sie sich, dass in Talkshows und Bestsellern ein viel düstereres Bild der Schule gemalt wird?

Prenzel: Geliebt wurde die Schule noch nie, und offensichtlich führt Schulbeschimpfung zur Einladung in Talkshows.