Vor vielen Jahren schrieb ich ein Porträt über die erste weibliche Vorsitzende der Jungen Union, Hildegard Müller. Sie war mir sympathisch, der Artikel geriet positiv. Ich hatte den Eindruck: irgendwie zu positiv. Also bastelte ich ein paar kritische Schlenker hinein, unter anderem schrieb ich, Müller habe ein Faible für "tantige Halstücher". Vielen Kollegen gefiel das, es gab eine Menge Artikel, in denen die Halstücher Erwähnung fanden. Sie verfolgten die JU-Vorsitzende noch einige Jahre. Mich verfolgte ein schlechtes Gewissen. Von meinem Text war ein tantiges Halstuch geblieben, eines, das Hildegard Müller zu allem Überfluss nur einmal getragen hatte, nämlich bei unserem Gespräch. Ich habe mich bei Hildegard Müller entschuldigt.

Was hat das mit der Großen Koalition zu tun, mit Sigmar Gabriel, Christian Wulff und dem ZDF? Eine ganze Menge.

Ein politischer Journalist kann seine Leidenschaft auf die Instrumente seiner Arbeit richten, auf die Sprache, er kann sich für seine Zeitung, seine Sendung begeistern. Zum unmittelbaren Objekt seiner Berichterstattung aber muss er auf Distanz bleiben, seine Haltung muss immer eine zweifelnde sein. Das führt gelegentlich zu Enttäuschungen. Man spricht miteinander, höflich bis nett, scheinbar unter Gleichen.

Blöde Fragen von Journalisten, hohle Antworten von Politikern

Doch dann geht einer hin und schreibt über den anderen, er benotet ihn, kommentiert ihn, er macht ihn zum Objekt. Das allein ist schwer auszuhalten. Manchmal aber merkt der Journalist, dass er gar nicht weiß, was er kritisieren soll, wo der richtige Ansatzpunkt liegt, dass ihm der Überblick fehlt oder die Kenntnisse fehlen, um etwas zu beurteilen. Dann verfällt er auf Fragen, die keine echten Fragen sind, sondern unbeirrbare Behauptungen, dann ersetzt er Kritik durch Häme und nimmt Zuflucht zu tantigen Halstüchern und anderen Umgehungstaten. Er versucht, den richtigen Abstand künstlich herzustellen und verfehlt seine Aufgabe. Viele Journalisten, viele Politiker haben das Gefühl, dass derlei zu oft passiert.

Kann man es einem Politiker also verdenken, wenn ihm mal der Kragen platzt? Wenn er zurückkommentiert, so wie Sigmar Gabriel in einem Interview mit der ZDF-Moderatorin Marietta Slomka, als er ihre Frage nach Verfassungsbedenken zum SPD-Mitgliederentscheid als "Blödsinn" abbürstete und, nachdem sie sich weiter verrannte, einfach sagte: "Lassen Sie uns diesen Quatsch beenden." Nein, man kann es ihm nicht verdenken. Man kann sich sogar darüber freuen. Man sollte aber dennoch dieses Interview nicht einfach als fälliges Rückspiel abhaken. Denn zum einen gibt es nicht nur blöde oder problematische Fragen von Journalisten. Es gibt auch hohle, nichtssagende Antworten von Politikern, die ihre Sprache nicht nutzen, um zu erklären, sondern sie nutzen um zu verschleiern, sich selbst zu verstecken, unangreifbar zu machen. So entsteht eine Inszenierung von Öffentlichkeit, bei der der Bürger zu Recht den Eindruck hat, dass hier zwei gemeinsame Sache zulasten des Publikums machen.

Insofern war das Interview eine wohltuende Ausnahme, es war ein echtes Gespräch, wenn auch ein missglücktes. Es war zugleich eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen der Vorhang der Inszenierung aufriss. Man sah zum einen: die ungeheure Wut, die sich bei vielen Politikern gegen "die Medien" aufgestaut hat, die sie immer mehr als Feinde anstatt als natürliche Gegenspieler sehen. Zum Wutbürger hat sich der Wutpolitiker gesellt. Das aber ist gefährlich, nicht für Journalisten, sondern für die Demokratie.

Man sah zum anderen: die dunkle Seite des künftigen Vizekanzlers, der aus dem Disziplinmodus, den er sich seit der Wahl verordnet hat, auf Kampf umgeschaltet hat. Es war wie bei Peer Steinbrücks Stinkefinger: So wie dort nicht die Geste das Problem war, so sind es hier nicht die Worte "Blödsinn" oder "Quatsch". Es ist der Habitus, das Gesicht dazu. Da war ein Bild zu sehen, das man lieber nicht gesehen hätte, weil es nicht zur Rolle des zweitwichtigsten Mannes der Republik passt. Man bekam eine Ahnung, worin die Verführung der Großen Koalition für ihre Vertreter liegt: darin, sich zu sehr breitzumachen, kritische Fragen abzuwehren, nicht beim vierten Nachhaken, sondern gleich von vornherein, prinzipiell. Den richtigen oder besser gesagt falschen Drive bekommt Gabriels Pose des "Jetzt geben wir es euch zurück" jedoch erst durch die Intervention von Horst Seehofer. Der schrieb einen Beschwerdebrief an das ZDF, in dessen Verwaltungsrat er sitzt. Vor dem Verfassungsgericht wird gerade verhandelt, ob der politische Einfluss bei dem Sender zu groß ist.

Erinnert sich noch jemand daran, wie groß die Aufregung war, als Christian Wulff einen Wutanfall auf der Mailbox des Bild- Chefredakteurs hinterließ? Von Gefährdung der Pressefreiheit war damals die Rede. Nein, wir sollten nicht den gleichen Fehler noch einmal machen und uns in eine künstliche Erregung manövrieren. Die Pressefreiheit war damals so wenig gefährdet, wie sie es heute ist, auch wenn Seehofers Vorgehen deutlich dreister ist. Gefährdet ist die politische Öffentlichkeit, durch Journalisten, die sich dümmer stellen, als sie sind, und Politiker, die feiger und unehrlicher reden, als sie es müssten. Darüber sollten wir sprechen: wie wir wieder mehr Gegner werden können, ohne Feinde zu sein. Wie wir die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz finden.

In der Großen Koalition müssen Journalisten Oppositionelle sein, mehr denn je, mit Kritik und ohne Häme. Das muss die Politik aushalten, das müssen wir Medien hinbekommen.

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