Alain Finkielkraut serviert den Kaffee für den Gast in einem Wegwerfbecher. Dabei ist er bei sich zu Hause, hier, in einem vornehmen Pariser Appartement am Jardin du Luxembourg. Überall liegen seine Bücher und Papiere aufgestapelt, auch auf dem großen, schwarzen Esstisch, wo es seine Frau, eine Rechtsanwältin, nur ungern duldet. Doch Finkielkraut liebt es, sich auszubreiten. Wo der 64-Jährige auftritt, beherrscht er mit Wortgewalt die Szene. So kennen ihn die Franzosen seit 30 Jahren, in denen der ehemalige Maoist und 68er jeden Samstag eine durch ihn berühmt gewordene Kultursendung im Radio moderiert. Außerdem ist er als – mittlerweile konservativer – Philosoph, Literaturhistoriker und Polemiker im Fernsehen bekannt.

Schon immer war Alain Finkielkraut im französischen Geistesleben allgegenwärtig, aber so omnipräsent wie heute war er wohl noch nie: Überall ist er zu sehen, zu hören, zu lesen. Den Anlass bietet sein neues Buch Die unglückliche Identität (Éditions Stock), eine politisch-philosophische Streitschrift, von der seit ihrem Erscheinen Anfang Oktober bereits 80.000 Exemplare in sieben Auflagen gedruckt wurden. Damit führt das Buch mit Abstand die Bestsellerlisten seiner Gattung an. Finkielkraut begleitet den Erfolg seines Buches in zahllosen Fernseh- und Radiosendungen; ein Pariser Boulevardblatt preist ihn auf einer ganzen Seite, viele Blogger und Twitterer huldigen ihm. Den Autor selbst scheint das alles keineswegs zu überraschen. Denn trotz allem Unglück, das er in seinem Buch über das eigene Land einbrechen sieht, ist er stolz auf seine Rolle: "Die Intellektuellen nehmen in Frankreich immer noch eine gewisse Stellung ein."

Doch eigentlich dürfte ein derart furioser Erfolg, wie der Autor ihn gerade erlebt, in dem Frankreich, von dem Die unglückliche Identität erzählt, gar nicht möglich sein. Darin nämlich führen Philosophen wie er ein ausgesprochen tristes Dasein, keiner hört ihnen mehr zu. Damit ergeht es ihnen wie den französischen Lehrern in den Immigrantenschulen der Pariser Vorstädte, die von ihren islamischen Schülern als "Drecksfranzosen" beschimpft werden. Längst habe sich in Frankreich "ein antifranzösisches Ressentiment" verbreitet, schreibt Finkielkraut, längst sei das Land voller "verlorener Gebiete", weil in ihnen kein französischer Geist mehr herrsche. "Je größer die Einwanderung, desto zersplitterter das Land", stellt er resigniert fest. Doch der "nationale Zerfall" beschränke sich nicht nur auf die Immigrantenviertel, für Finkielkraut ist er vielmehr ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, ein Produkt der modernen Demokratie.

Diese Demokratie lässt sich in seinen Augen als Herrschaft einer politischen Korrektheit beschreiben, die alle Identitäten dulde, nur die eigene, die nationale, nicht. Diese Demokratie feiere die "Vielfältigkeit" der Gesellschaft, ihre Jugend fröne ihrer Überlegenheit im Cyberspace, während sie Alte – wie zum Beispiel den Autor – zur "Umerziehung" zwinge. Für Finkielkraut geht damit die französische Zivilisation verloren. "Die Wörter Assimilation oder Integration verlieren sämtliche Bedeutung", schreibt er: "Die demokratische Gesellschaft verlangt die Anerkennung eines jeden durch jeden." Wichtiger wäre es laut Finkielkraut, sich auf die Traditionen zu besinnen, die alte Literatur wiederzuentdecken, Voltaire und Rousseau zu lesen.

Tatsächlich handelt Finkielkrauts Buch über weite Strecken von dem, was allmählich verloren geht: von den guten Sitten der französischen Aristokratie genauso wie von den universalistischen Ansprüchen der Republikaner, die auch – obwohl nie ganz verwirklicht – zum französischen Geisteserbe gehören. Das ist Finkielkrauts Klagelied: "Wir erleben die Stunde der Entnationalisierung. Selbst wenn man mit Takt und Vorsicht von der nationalen Identität spricht, wird man sofort verdächtigt."

Damit kommt Finkielkraut sofort zur Sache. Man muss ihn gar nicht danach fragen. Er selbst weiß, unter welch ungeheuerlichen Verdacht er plötzlich geraten ist – ausgerechnet er, der Sohn eines polnischen Juden, der Auschwitz überlebt hatte, der Enkel eines Großvaters, der in Auschwitz sterben musste. Finkielkraut steht im Verdacht des Rechtsradikalismus. "Man sieht in mir einen Reaktionär, einen Anhänger des Front National und Bewunderer Marine Le Pens."

Und er hat recht. "Bezieht Finkielkraut die Betten für den Front National?", fragt die linke Tageszeitung Libération. "Der Schriftsteller wird des Rassismus bezichtigt", stellt die rechte Tageszeitung Le Parisien nüchtern fest. Das passt zum erstaunlichen Umfragen-Hoch der Rechtsaußen-Partei Front National unter ihrer populären Führerin Marine Le Pen. Natürlich wehrt sich Finkielkraut. Doch was er nicht erwähnt: Erst der Verdacht gegen ihn macht aus seinem Buch das literarische Ereignis des Herbstes.

Jean Birnbaum, ein alter Finkielkraut-Verehrer, kann es immer noch nicht fassen. Der Literaturchef der linksliberalen Pariser Tageszeitung Le Monde sitzt vier U-Bahn-Stationen von Finkielkrauts Appartement entfernt im Glasturm seiner Zeitung, umgeben von genauso vielen Büchern wie der von ihm bewunderte Philosoph. "Noch nie, seit ich hier vor 15 Jahren angefangen habe", sagt Birnbaum über das neue Werk Finkielkrauts, "hat ein Buch so ein Medienbombardement ausgelöst".