Wer war Odysseus? Ein schlauer Fuchs mit durchaus starkem Arm. Nicht nur das Trojanische Pferd hat er ersonnen, sondern auch die schändlichen Freier daheim in Ithaka Mores gelehrt. So das gängige, vom Wohlwollen Homers geprägte Bild. Und tatsächlich war das hölzerne Pferd ja eine gute Idee. Anders als der Krieg, das zehnjährige Gemetzel um verletzte Ehre und eine schöne Frau. Aber ging es wirklich darum? Sándor Márai deutet in seinem 1952 erstmals veröffentlichten Roman Die Frauen von Ithaka eine andere Lesart an: Es könnten auch wirtschaftliche Gründe gewesen sein, die Menelaos, Agamemnon und Odysseus vor die Stadt des Priamos gebracht haben, Kämpfe um Seewege und Ressourcen.

Unstreitig ist inzwischen, dass die Ökonomie einen großen Einfluss auf das ursprüngliche Epos hatte: Es waren Händler, vor allem von Euböa, die um 1000 vor unserer Zeit auch das westliche Mittelmeer zu erkunden begannen. Ihren Berichten verdankt Homer zahlreiche Anregungen für sein Epos, ja man kann sogar vermuten, dass die ganze Odyssee im Grunde ein Entdeckungsbericht ist, wie ihn später erst wieder Kolumbus schreiben wird: Er handelt von der Entdeckung und Eroberung einer neuen Welt, namentlich Siziliens.

War Odysseus also in Wahrheit ein Händler? In Sándor Márais Roman zumindest wird er zu einem. Statt eines stolzen Kriegers, sagt Penelope da, sei einer nach Hause gekommen, der nur noch schnöde das Geld zähle.

Penelope ist eine der titelgebenden Frauen von Ithaka, wobei die anderen nach und nach von Odysseus ebenso umgebracht werden wie die Freier, mit denen sie angeblich in Techtelmechtel verwickelt gewesen waren. Das Töten sei bei ihm zur Zwangshandlung geworden, behauptet Penelope, die in einem Monolog, der das erste Drittel des Buches einnimmt, von ihrem Mann berichtet, einem Mann, der ihr selbst noch lange nach seinem Tod Rätsel aufgibt. Annäherung an Odysseus hätte Márais Roman eigentlich heißen müssen, denn um eine Annäherung und Umkreisung des Listenreichen geht es auch in den beiden folgenden Berichten, denen seiner Söhne Telemachos und Telegonos.

Telegonos mag vielen nicht so vertraut sein wie der Spross, den Odysseus mit Penelope zeugte. Er entsprang, so kann man es bei Hesiod nachlesen, Odysseus’ Verbindung mit Kirke. Nur ein einziges Mal bekommt er seinen Vater zu Gesicht, und zwar wenige Augenblicke bevor er ihn tötet. Denn dass Odysseus friedlich auf Ithaka verscheidet, ist lediglich die gängige Vorstellung von seinem Tod. Der ödipale Vatermord allerdings scheint seiner Geschichte, liest man Márai, viel eher zu entsprechen.

Für Márai ist Odysseus eine durch und durch gebrochene Gestalt, opak und ungreifbar. Er ist der erste Individualist in einer noch mit sich selbst versöhnten Welt. Götter und Menschen leben vor ihm in einer Eintracht, die es nach ihm nicht mehr geben wird. Er ist ein Mensch auf der Schwelle, eine Schlüsselfigur zwischen archaischer und moderner Welt, zwischen Mythos und Geschichte, weder von der einen noch von der anderen Seite aus ganz zu verstehen.

Dabei hat Márai, das große Unterhaltungsgenie, einen alles andere als schwierigen Roman geschrieben, ganz im Gegenteil, mit leichter Hand entfaltet er das Tableau der griechischen Welt. Da wird Telegonos von einer Nichte der Sirenen nach allen Regeln der Kunst entjungfert, Telemachos dagegen, auf der Suche nach Spuren seines betrügerischen Vaters, von den für dumm verkauften Phäaken fast gelyncht. Odysseus lebe noch im Abenteuer, heißt es da mit dem für Márai typischen Witz, "die Menschheit hingegen hat genug davon: Jetzt kommen farblosere, nützlichere Zeiten, vielleicht die Eisenzeit ..."

Der König von Ithaka ist zugleich der letzte Mensch einer unklaren Vorzeit wie der erste Mensch einer überdeutlichen Neuzeit, einer, der sich mit Monopolgeschäften befasst, einer auch, der die Ermordung der Frauen von Ithaka als "Säuberung" auffasst und diese methodisch durchführt, "ohne Zorn oder eine Gefühlsregung zu zeigen, wie ein guter Gärtner, der im Frühjahr die Raupen in den Obstbäumen ausrottet". Sándor Márai schrieb dies im Exil, sieben Jahre nach Ende des "Dritten Reiches", vier nach der Gleichschaltung in Ungarn. Es ist der wohl vielgestaltigste seiner Romane.