Wer sich dieser Tage ins Bundeshaus nach Bern begibt, dem kann es passieren, dass ihm jemand unter den in Stein gehauenen drei Eidgenossen auf die Schulter tippt. Man dreht sich um und hat einen Spitzenbeamten vor sich, der ungefragt auf einen einredet.

Der mächtige Mann, ansonsten ein Mahnmal an Gelassenheit, ist erregt. Er spricht von den kommenden Abstimmungen, von der Masseneinwanderungsinitiative der SVP Anfang Februar, von der Ausweitung der Personenfreizügigkeit auf Kroatien im Herbst und von der Ecopop-Initiative, die wohl 2015 zur Abstimmung kommt. Die Adjektive, die der Mann, dem manche nachsagen, er sei wichtiger als sein Bundesrat, am häufigsten verwendet, lauten "verworren", "unvorhersehbar" und "katastrophal". Am Ende des Gesprächs liegt etwas Flehendes in seiner Stimme, als sich sein Körper nach vorn beugt und er zwei Sätze sagt: "Unterstützen Sie unsere Regierung, bekämpfen Sie sie nicht! Sie können sich nicht vorstellen, wie einsam der Bundesrat ist." Dann flitzt er von dannen – und lässt einen ungläubigen Journalisten zurück. Weil der Mann so offen gesprochen hat und weil er die bedrohliche Stimmungslage des Landes auf den Punkt gebracht hat.

Hat die Schweiz eine einsame Regierung? Ja, sie ist einsamer denn je. Ihr Führungsanspruch, der angesichts der vielen anstehenden Großreformen wie Altersvorsorge, Energiewende, Ausbau des Eisenbahnnetzes und der Beziehungen zur EU sehr nötig wäre, wird ihr madig gemacht. Zerrieben zwischen Parlament und Volk, steht sie nackt da, zerzaust, ein Blättchen im Herbstwind. Und das in Zeiten, in denen die Schweiz in einer stillen Revolution begriffen ist. Das alte Geschäftsmodell ist zerbrochen, zentrale Werte wie Neutralität, Souveränität, Freiheit haben an Inhalt verloren und müssen als Säulen des Systems in frischen Beton gegossen werden. Das Land muss wieder eine Idee von sich selbst bekommen.

Das aber haben die wenigsten begriffen. Die Parteien machen, was ihnen gerade zu dienen scheint. Über 30 Volksinitiativen drohen dem Stimmvolk, so viele wie noch nie. Und diese wurden oft ohne Rücksicht auf Sinn, Verstand und Relevanz entworfen – sondern aus dem einzigen Beweggrund, der eigenen Popularität auf die Sprünge zu helfen. Leidtragende sind oft die Ausländer, auf deren Rücken es sich so medienwirksam tanzen lässt. Die SP hat gar schon im Internet abstimmen lassen, welche Volksinitiative man als nächste von der Leine lassen soll. Wichtige Vorhaben des Bundesrates wie das Konsolidierungs- und Aufgabenüberprüfungspaket (KAP) lassen die Polparteien im Parlament aus ideologischen Gründen scheitern – und erlauben damit Sparübungen mit dem Rasenmäher.

Es brauchte einen Bundesrat, der sich auch mal gegen die vox populi stellt

Und das Volk, unberechenbarer denn je, unterschreibt fleißig jeden Unsinn. Es wird dazu fast genötigt, weil immer mehr Interessengruppen für jede ergatterte Unterschrift ein paar Fränkli kredenzen. Jede Abstimmung wird zu einem Votum über Sein oder Nichtsein des Landes. Selbst vor einer Vorlage wie der 1 : 12-Initiative, die früher ohne jede Chance gewesen wäre, zittern heute Politik und Wirtschaft. Und der Bundesrat weiß in diesem Vielfrontenkrieg nicht mehr, wo ihm der überhitzte Kopf steht. Jetzt rächt sich, dass dem Schweizer System eine schwache Regierung immanent ist. Es ist eine Führung, in deren Jobbeschrieb die Fähigkeit zur Selbstverleugnung an erster Stelle steht. Das Land aber brauchte dringender denn je einen Bundesrat, der sich auch mal gegen die vermutete vox populi stellt.

In dieser schon fast verzweifelten Verfassung begibt sich das Land in sein Schicksalsjahr. 2014 müssen die Schweizerinnen und Schweizer die Gretchenfrage beantworten: Wie halte ich es mit Europa? Sagt das Volk Ja zur Masseneinwanderungsinitiative, bedeutet dies einen Bruch mit der EU, weil es ein Nein zur Personenfreizügigkeit bedeutete. Die Europäische Union müsste die Guillotineklausel anwenden, die Bilateralen Verträge würden nichtig – dies als eine Katastrophe zu bezeichnen wäre eine Untertreibung. Ob es so weit kommt, weiß allerdings niemand.

Was wir aber wissen, sind zwei Dinge. Politik und Wirtschaft müssen eine glaubwürdige Haltung zur Einwanderung finden, allein weil dies eine Frage ist, welche die Menschen bewegt – und weil zu viele hausgemachte Probleme diesem Sündenbock aufgebürdet werden. Das aber ist leichter geschrieben als getan. Denn eine eindeutige Position kann es bei diesem Thema gar nicht geben, da mögen die Populisten noch so sehr schreien. Es ist ein klassisches Dilemma, welches die Verantwortlichen wohl am besten offensiv benennen würden: Wir brauchen die Einwanderung, müssen aber auch unsere Regeln durchsetzen. Es darf zum Beispiel nicht sein, dass die Behörden einem EU-Einwanderer von sich aus ein Jahr Zeit geben, eine Arbeitsstelle zu finden – anstatt der gesetzlich festgeschriebenen drei Monate.

Und, zweitens, steht die direkte Demokratie mehr denn je auf dem Prüfstand. Das Volk muss sich ihrer würdig erweisen. Dies kann es nur, indem es nicht jeder Bratwurst nachsabbert, die ihm Parteien, Lobbyisten und Wirtschaftsvertreter vor die Nase halten. Wenn der Satz, dass das Volk weise ist, je richtig war, dann wird er in den nächsten Jahren einer verschärften Beurteilung standhalten müssen. Es ist jedenfalls einfacher, in politisch und wirtschaftlich sicheren Zeiten weise zu sein als heute, da die Unsicherheit zur Konstanten geworden ist. Möge das Volk seine Zweifler Lügen strafen.