Der erste Schnee liegt seit zwölf Stunden auf den Straßen von Zürich Oerlikon. Rosmarie Huber, ledig, Jahrgang 1939, aus Mägenwil AG, hat sich Romanesco in Brühe gekocht. Auf dem kleinen Holztisch im Wohnzimmer, nahe beim Fenster, liegt das Tischset, das Lätzchen zusammengerollt daneben, Frottee, in den Farben Rosa und Blau.

Die Sonne wird sich erst in einer Stunde durch die Wolkendecke am Berninaplatz wagen, an die Schaffhauserstraße 264, ins zweite Obergeschoss der linken Haushälfte. Sie wird sich durch die Fenster in die Wohnung drängen, und Frau Huber wird die Jalousien runterlassen.

23 Jahre lang lebt Frau Huber jetzt in dieser Zweizimmerwohnung, zwischen Schuhmacher und arabischem Friseur, gegenüber dem Asia-Laden, bei der Tramhaltestelle. Doch in einem Monat ist Schluss. Dann ist Züglete, und Frau Huber wird in ihre letzte Wohnung einziehen. 30 Jahre lang hat Frau Huber in Zürich Steuern gezahlt, "da muss die Stadt nun zu mir schauen". Die 1500 Franken, die nach der Sanierung ihrer alten Wohnung monatlich fällig würden, kann sich Frau Huber nicht leisten. Also zieht sie um, in die Alterssiedlung Felsenrain. 2,5 Zimmer, Wohnküche, 918 Franken inkl. "Und ein Baum vor dem Haus." Vier Jahre hat sie auf diesen Platz gewartet.

Früher fuhr Rosmarie Huber vom Berninaplatz aus zu jeder Tages- und Nachtzeit ins Unispital Zürich, zog die weiße Schürze der Narkoseschwester an, legte den Arm der Patienten fein säuberlich auf die Liege, setzte die Nadel an, kontrollierte den Monitor. "Eine Berufung war das, meine große Liebe. Und ich hätte noch mehr an Zeit und Energie gegeben, wenn nötig. Wenn man liebt, dann liebt man einfach. Ob einen Mann oder einen Beruf, das ist doch egal."

Einen Mann hatte Frau Huber nie. Da war zwar mal einer, kurz, in Amerika, ein Perser. Beide waren sie jung, und beide gingen sie gern spazieren. Doch Rosmarie wollte keine Kinder kriegen, die hätten sie zur Hausfrau gemacht. Ihre Berufung an den Nagel zu hängen, das kam nicht infrage. Die Liebe zum Perser? Rein platonisch, sagt sie.

Wenn Frau Huber jemanden von früher trifft, sagt sie gerne: "Mein Gott, bin ich froh, habe ich meinen Frieden." Außer, sie hätte einen Mann gefunden, der so gewesen wäre wie ihr Vater. "Dann hätte ich ihn wohl geheiratet."

Rosmaries Mutter Alice wurde nur 32 Jahre alt. Rosmarie erinnert sich nicht an ihr Gesicht. Vater Josef blieb allein zurück, mit Rosmarie, ihrem Bruder Hans und ihrer Schwester Marta. Ein Bierfuhrmann bei Feldschlösschen, das Geld war knapp. Mit dem Pferdekarren fuhr er zu den Kunden, belieferte die Aargauer Restaurants. Wenn im Aargau Abstimmung war, musste Vater Josef besonders tüchtig sein. Denn dann tranken die Leute in der Beiz noch mehr als sonst schon.

Mit 15 war sie fertig mit der Schule, Rosmarie verließ Vater und Geschwister

Es ist Anfang Januar. Die Frau von der Spitex ist da. Sie putzt die Küche, taut das Eis von den Wänden des Gefrierfachs. Frau Huber hat ihr eine Gratiszeitung beiseitegelegt, zum Mitnehmen. Das Huhn kocht sie später, wenn die Frau weg ist. Das hat ja noch Zeit. Die kleine rote Uhr auf dem Fernseher im Wohnzimmer ist stehen geblieben, es ist immer zehn Minuten vor zehn. Frau Huber hat eine erste, kleinere Kartonkiste gepackt, an die zwanzig Handtücher. 49 Kisten müssen noch gepackt werden.

Die Spitex-Hilfe saugt Staub, Frau Huber redet weiter. Unter dem Risiko, dass sie keiner hört. Sie redet vom Dreikönigstag und von der Rheumaliga-Einladung und davon, dass sie immer Leserangebote des Time -Magazins bekommt, die sie gar nicht braucht. Irgendwann soll einer mal die Titanplatte in ihrem rechten Oberarm aus der Asche retten, wenn Frau Huber nicht mehr ist. "Ich bin kostbar, wissen Sie", sagt sie lachend und meint: "Das Tierspital könnte die Platte ja vielleicht noch gebrauchen."

Lebensmittelpunkt Zürich Oerlikon. Hier steigt Frau Huber ins Hallenbadwasser, hier isst sie währschaft in der Metzgerhalle, grüßt ihr bekannte Gesichter über die Tische hinweg. Hier stemmt sie die Gewichte, die ihr Rücken noch stemmen mag, hier singt sie ihre Chorlieder.