Bis kommenden Donnerstag läuft der SPD-Mitgliederentscheid zum Koalitionsvertrag. Fast jeden Tag tritt Parteichef Sigmar Gabriel irgendwo im Land auf einer SPD-Versammlung auf, wirbt für die Große Koalition, diskutiert und fordert die Zustimmung der Genossen ein. Aber wie reden die Sozialdemokraten untereinander? Worüber sprechen sie, wenn der Parteichef nicht dabei ist? Und wie versuchen Gegner und Befürworter der Großen Koalition, einander zu überzeugen?

Die ZEIT ist nach Voerde gefahren, nördliches Ruhrgebiet, eine Kleinstadt mit 39 000 Einwohnern, viel Rotklinker, eine Hochburg der Sozialdemokratie – auf 40,9 Prozent kam die SPD hier bei der letzten Bundestagswahl. Im Gasthof Zur Kutsche treffen sich die Mitglieder des SPD-Ortsvereins immer zu ihren Sitzungen. Heute sind vier von ihnen gekommen: Uwe Goemann, 54, der Vorsitzende des Ortsvereins; Gisela Buhren-Goch, 48, nach einem Zwischenspiel bei den Grünen seit 2003 wieder in der Partei; Daniel Siebert, 33, und Bastian Lemm, 27, der ein bisschen wie der junge Gabriel wirkt, aber vieles ganz anders sieht als sein Parteichef.

Bastian Lemm: Ich habe am Wahlabend spät noch mit meiner Schwester telefoniert. Sie ist bei den Grünen, wohnt in Senden, so eine gute Stunde von hier – da drüben sind die Leute schwarz wie die Nacht. Wir haben uns gegenseitig damit aufgezogen, wer jetzt die Arschkarte gezogen hat und in eine Koalition mit Merkel muss. Ich sagte: Macht ihr das doch. Sie sagte: Nee, macht ihr das, ihr habt das doch schon mal hinbekommen. Da ging es nur darum, wer jetzt sein eigenes Wahlprogramm verraten muss. Ich wollte die Große Koalition nicht. Auf keinen Fall.

Gisela Buhren-Goch: Am Wahltag war ich als Wahlhelferin dabei und habe abends noch lange im Wahllokal gesessen. Nach der Auszählung haben wir über dieses miserable Ergebnis diskutiert, und das Grundgefühl bei wirklich allen Sozialdemokraten lautete: Eine Große Koalition wäre ganz großer Mist.

Uwe Goemann: Aber inzwischen hat sich die Stimmung gedreht, auch bei den Leuten, die ich so treffe. Und wenn man sich mal überlegt, was bei diesem miserablen Ergebnis jetzt für uns rüberkommt, dann ist der Koalitionsvertrag doch absolut positiv!

Goemann ist von den vieren am längsten in der SPD, seit 1976 schon. Er stammt aus einer Bergarbeiterfamilie, war selbst Bergmann, hat sich dann in der Gewerkschaft engagiert. Goemann sagt "dat" und "wat", und wenn er von der CDU spricht, dann sagt er: "die Schwatten". Den Ortsverein leitet er seit diesem Jahr.

Daniel Siebert: Mir begegnen auch jetzt noch viele Leute, die mir dringend abraten, mit Ja zu stimmen. Die sagen: Ihr seid eine Arbeiterpartei – das dürft ihr nicht verraten! Und dann muss ich mich doch auch selbst fragen: Warum bin ich eigentlich in die SPD eingetreten? Was ist meine politische Grundüberzeugung?

ZEIT: Und die Antwort?

Siebert: Ich glaube ganz fest daran, dass die kleinen Leuten gestärkt werden müssen. Auf deren Rücken bauen wir doch unseren Wohlstand auf. Diese Leute sollen ihre Familien ernähren können, sie sollen von ihrer eigenen Hände Arbeit leben können, und ihre Kinder sollen es einmal besser haben als sie selbst. Für diese Leute mache ich Politik. Für sie bin ich in diesem Wahlkampf von Haustür zu Haustür gezogen. Für sie habe ich gekämpft. Und für sie bringt dieser Koalitionsvertrag fast nichts.

Goemann: Aber wir haben die Rente mit 63! Und den Mindestlohn!

Siebert: Ach was. Jetzt heißt es überall: Die SPD hat den Mindestlohn durchgesetzt. Aber der Koalitionsvertrag ist total schwammig. Er lässt viele Ausnahmen zu, für den Osten, für bestimmte Branchen. Außerdem können noch neue Tarifverträge unterhalb von 8,50 Euro abgeschlossen werden. Wir haben im Wahlkampf einen flächendeckenden Mindestlohn versprochen, das war unser Zugpferd ...

Lemm: ... mir haben Leute gesagt: Ich wähle Euch nicht, aber die 8,50 Euro, die finde ich gut! ...

Siebert: ... und jetzt kommt der Mindestlohn erst ab 2017. Wenn er überhaupt kommt. So sicher bin ich mir da nicht.

Es sind vor allem die beiden jüngeren Genossen, Siebert und Lemm, die mit dem Koalitionsvertrag hadern. Siebert spricht leise, ganz ruhig. Manchmal überlegt er eine Weile, bevor er redet, und es wirkt, als habe er sich nicht nur mit dem Inhalt des Koalitionsvertrags, sondern sehr lange auch mit seinen genauen Formulierungen beschäftigt. Lemm ist schneller, impulsiver, er feuert seine Kritik heraus.

Goemann: Der Mindestlohn kommt 2015. Und dann gibt es ein paar Übergangsregeln bis 2017, ja. Aber der Arbeitsminister kann einen Tarifvertrag natürlich auch für allgemeinverbindlich erklären, und dann stehen die 8,50 Euro schon früher fest.

Lemm: Aber wir wissen ja noch nicht einmal, wer Arbeitsminister wird! Die Kabinettsliste nennt man uns ja nicht!

Goemann: Natürlich kriegen wir das Arbeitsministerium! Wenn nicht, dann glaube ich an gar nichts mehr.

ZEIT: Ist es wichtig für Sie, zu wissen, wer in der neuen Regierung welchen Posten bekommt? Hängt davon Ihre Zustimmung zum Koalitionsvertrag ab?

Buhren-Goch: Es wäre schon interessant, das zu wissen, meine Entscheidung beeinflusst das aber nicht.