Nach wochenlangen Straßenschlachten ist wieder Ruhe in Bangkok eingekehrt, denn am Donnerstag hat der König Geburtstag. Der 86-jährige Bhumibol Adulyadej ist das am längsten dienende Staatsoberhaupt der Welt, und seine Popularität ist ungebrochen. 20 Militärputsche hat er in seiner 57 Jahre währenden Amtszeit schon überlebt und so manchen Streit zwischen den politischen Gruppen geschlichtet. Doch heute ist er zu alt, zu krank, um in das Geschehen einzugreifen. Also muss Thailands erste Frau an der Regierung, Premierministerin Yingluck Shinawatra, ohne die Hilfe des Monarchen um ihr politisches Überleben kämpfen.

Tagelang war ihr Amtssitz von Demonstranten belagert. Sie versuchten ihn einzunehmen, doch Wasserwerfer und Tränengas hielten sie auf. Öffentliche Stellungnahmen gab Shinawatra nur noch im schützenden Polizeihauptquartier ab. Zu Zehntausenden marschierten die Demonstranten in den Straßen von Bangkok auf, stürmten Ministerien und Polizeigebäude. Am Wochenende starben vier Menschen: eine Studentin aus dem Lager der Demonstranten und drei Anhänger der Regierungschefin.

Die meisten Demonstranten kamen mit Bussen aus Südthailand oder mit der S-Bahn aus der Bangkoker Vorstadt. Die sogenannten Gelbhemden repräsentieren die alten königsnahen Eliten der Hauptstadt und Südthailands, die von 1946 bis zur Jahrtausendwende das Land fast durchgehend regierten.

Seit 2001 freie Wahlen eingeführt wurden, gewinnen stets andere: die heute regierende "Für-Thailand-Partei" von Premierministerin Yingluck. Sie vertritt die sogenannten Rothemden, die aufsteigenden Bauernschichten aus dem Nordosten Thailands. Die wollen die Demonstranten unter ihrem Anführer Suthep Thaugsuban nun stürzen.

Der 64-Jährige ist ein harter Gegner. Er studierte in den USA Politik, bevor er im Alter von 30 Jahren ins thailändische Parlament einzog. Er beherrscht seither große Teile Südthailands und ist in zahlreiche Korruptionsaffären verwickelt. 2008 stieg er nach einem Putsch gegen die Rothemden zum Vizepremierminister auf und hielt das Amt bis zum Wahlsieg Yingluck Shinawatras.

Aus dieser Zeit hängt ihm der Vorwurf nach, bei Demonstrationen im Mai 2010 gemeinsam mit dem damaligen Regierungschef den Schießbefehl erteilt zu haben. 90 Rothemden starben durch die Schüsse der Soldaten, 2.000 Menschen wurden verletzt. Schon am 12. Dezember soll Suthep deshalb – angeklagt des Mordes – vor einem Gericht in Bangkok erscheinen. Vielleicht demonstrierte er auch aus Angst vor seinem Prozess.

Neutrale Beobachter sind sich einig, dass Suthep mit seinen Aktionen so viel Chaos wie möglich stiften wolle, um die Armee zum Eingreifen zu zwingen. Um einen Putsch herbeizuführen. Denn nur so könnte er seine politischen Forderungen durchsetzen: Er will keine Neuwahlen, denn die würde seine Seite nur verlieren. Er fordert die Einsetzung eines aus verschiedenen Berufsgruppen rekrutierten Rates als Übergangsregierung. "Demokratie kommt nicht nur von Wahlen", sagte Suthep am Dienstagabend vor seinen Anhängern in Bangkok. Vorher hatte die Polizei aus Hubschraubern Flugblätter mit seinem Haftbefehl über der Stadt verstreut.

Der Auslöser der Proteste war ein inzwischen wieder zu den Akten gelegtes Amnestiegesetz. Es hätte den eigentlichen Kopf der Rothemden, den in Dubai lebenden Unternehmer und Multimilliardär Thaksin Shinawatra, nach Thailand zurückbringen können. Thaksin ist der ältere Bruder der heutigen Regierungschefin und nach wie vor sehr einflussreich. Er war von 2001 bis 2005 selbst Premierminister, wurde dann aber von der Armee abgesetzt und nach einem fragwürdigen Korruptionsprozess 2008 zu zwei Jahren Haft verurteilt. Seither lebt er im Exil. Doch fern ist er nie.

"Thaksin denkt – die Für-Thailand-Partei macht die Arbeit": Mit diesem Wahlspruch gewann seine Partei im Sommer 2011 die letzten Wahlen mit einer klaren absoluten Mehrheit. Damals machte Thaksin, ein chinesischstämmiger Selfmademan mit acht Geschwistern, seine jüngste Schwester Yingluck zur Spitzenkandidatin. Sie führt seit zwei Jahren das Land. "Als Marionette von Thaksin", wie die Demonstranten dieser Tage schrien.

Dabei geht es dem Land unter ihrer Führung nicht schlecht. Die 46-Jährige hat in den USA öffentliche Verwaltung studiert und war vor ihrer Wahl als Chefmanagerin eines Immobilienkonzerns ihres Bruders tätig. Sie hat den Mindestlohn erhöht und den Bauern einen hohen Reispreis garantiert. Die Wirtschaft wächst wieder kräftig, Inflation und Arbeitslosigkeit sind niedrig. Den Eliten aber ist ihre Wirtschaftspolitik verhasst.

Die größte Angst ihrer Gegner ist, den Rückhalt der Armee zu verlieren. Schon sagt man der Premierministerin nach, gute Beziehungen zu den höchsten Generälen zu pflegen. Und tatsächlich: Bis zum Geburtstag des Königs hatte die Armee bei den Wirren auf der Straße nicht mitgemischt. Im Gegenteil: Sie schickte am vergangenen Wochenende sogar tausend unbewaffnete Soldaten zur Unterstützung der Polizei gegen die Demonstranten. Ein Halbzeitsieg für Shinawatra.

Es könnte sein, dass sich der gewiefte Taktiker Suthep diesmal verschätzt hat. Bei den letzten großen Protesten vor drei Jahren gewann er den Kampf auf der Straße – zum Schaden der Armee, die auf das eigene Volk geschossen hatte. In so eine Lage will der damals eingesetzte Armeechef Prayuth Chanocha nicht wieder geraten. Zwar traf er sich kürzlich mit Sutheb zum Reden. Zwar drückte er den Demonstranten, die Tränengas abbekommen hatten, sein "Mitleid" aus. Aber es waren Worte, keine Taten. Am Ende schickte er seine Soldaten an die Seite der Polizisten, die zuletzt bewusst eine Strategie der Deeskalation umsetzten und ihre Schlagstöcke am Gürtel ließen.

Thaksin habe dem Land einen echten Dienst erwiesen, dadurch dass er im Exil geblieben sei, erklärte vor einiger Zeit der thailändische Politologe Thitinan Pongsudhirak. Thaksins Schwester Yingluck sei keine neue Bedrohung, die das Land spalten würde, sondern eine "Brückenbauerin zur Monarchie".

In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob das stimmt. Der Geburtstag des Königs hat dem Land eine Pause verschafft, aber die Proteste werden weitergehen. Suthep will nicht aufhören, bis die Regierungschefin abgetreten ist.

"Vielleicht kann ich auch diesem Konflikt mit einem Frauen-Touch begegnen", sagte Yingluck vor zwei Jahren vor der Asia Society in New York, nachdem sie frisch im Amt gekürt war. Damals sprach sie vom Konflikt mit China im Südchinesischen Meer. Meistert sie die jetzige Krise auch mit Frauen-Touch? Zum Beispiel mit friedlichen Mitteln? Dann brauchte Thailand womöglich bald keinen König als Schlichter mehr.