Fängt eine Katze eine Maus und frisst sie danach auf, dann war sie zum Nahrungserwerb auf der Jagd. Wenn sie die Beute aber nicht verspeist, sondern sie ein paarmal durch die Luft wirft und später liegen lässt: Hat sie dann auch gejagt? Oder geübt? Oder gespielt?

Für Michael Kuba vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt steht fest: Tiere spielen. Das mag in den Ohren erfahrener Hunde- und Katzenfreunde banal klingen. Unter Wissenschaftlern allerdings sorgt das vermeintliche Spiel von Tieren für Kopfzerbrechen. Ein Hauptproblem besteht laut Kuba darin, ein solches Verhalten abgrenzen zu können: Was ist Spiel, und was gehört zum instinktiven Verhaltensrepertoire?

Der Amerikaner Gordon M. Burghardt, Professor für Psychologie und Evolutionsbiologie an der Universität von Tennessee, hat fünf Kriterien aufgestellt, an denen er Spielverhalten bei Tieren festmacht. Erstens hat es keinen unmittelbaren Nutzen, zweitens entsteht es aus innerem Antrieb, drittens können Aufbau und Zeitspanne variieren. Es ist viertens wiederholbar und passiert stets – fünftens – in einem entspannten Umfeld. Für Burghardt spielt die Katze also mit der Maus.

"Dass wir Spielverhalten immer durch die menschliche Brille betrachten und den Tieren gern menschliche Eigenschaften zuschreiben, macht die Sache zusätzlich schwer", sagt Michael Kuba. "Aber trotz allem Anthropomorphismus: Spiel muss bei Tieren nicht zwingend so aussehen wie beim Menschen." Bei seinen Untersuchungen stellte er teils frappierende Ähnlichkeiten, teils extreme Unterschiede fest. Psychologen haben an Kindern beobachtet, dass sie, konfrontiert mit neuen Objekten, in der ersten Phase das unbekannte Etwas ausgiebig untersuchen. Dann lassen sie den Gegenstand eine Weile links liegen, um später auszuprobieren, was sie damit anstellen können. Nicht anders verhielten sich Kubas Versuchskraken: "Wenn wir ihnen Legosteine ins Wasser warfen, war es genauso. Untersuchen, ignorieren, experimentieren."

Anders würde sich das maritime Getier verhalten, wenn die Spiele komplexer werden. Nehmen wir Fußball. Neben dem Objekt und der Bewegung steht die soziale Auseinandersetzung im Mittelpunkt. Beim Menschen klappt das problemlos, soziale Spiele sind für uns alltäglich. Bei Michael Kubas Kraken sieht die Sache völlig anders aus: "Diese Tiere sind strenge Einzelgänger und würden sich bei Konfrontation umbringen. Oder im besseren Fall paaren." Für sie scheiden soziale Spiele also aus – Fußball wäre nicht ihr Ding.

Ein anderes Beispiel: Das Wettrennen als Form des Bewegungsspiels ist auf Pferde zugeschnitten. Sie galoppieren über Wiesen und spornen sich gegenseitig zu mehr Tempo an. Im Gegensatz dazu zeigen Schildkröten kaum Interesse an Wettrennen. Für Spielforscher wie Kuba heißt das, Untersuchungsmethoden möglichst an die jeweilige Art anzupassen – doch unterschiedliche Methoden erschweren es wiederum, Spielformen im Tierreich generell miteinander zu vergleichen.

Der Psychologe Burghardt versucht es mit einer grundsätzlichen Frage. Unabhängig davon, ob es sich um ein Objektspiel, ein soziales Spiel oder ein Bewegungsspiel handelt: Da es keinen unmittelbaren Nutzen gibt – warum spielen Tiere dann überhaupt? Zumindest bei Jungtieren sind sich die Wissenschaftler weitgehend einig: Das Spiel dient der Vorbereitung auf künftige Begebenheiten. Kampftechniken, das Erkennen einer Niederlage oder zielorientierte Futtersuche sind im späteren Leben wichtig. Erwachsene Tiere spielen aber auch. Bei Wölfen ließ sich beobachten, wie sie vor der Jagd miteinander balgen. "Wir gehen davon aus, dass sie damit ihre sozialen Bindungen im Rudel stärken", sagt der Max-Planck-Forscher Kuba.

Auf der Suche nach weiteren Gründen tierischen Spielens hat er die Sinne im Visier: "Ein Mangel an Sinneseindrücken ist das Schlimmste." Tiere in reizloser Umgebung verletzen sich selbst durch Beißen oder Kratzen. Spiel hingegen fordert Augen, Ohren, Tastorgane. Darum hegt Kuba eine Vermutung: "Spiel hilft gegen Stress und gegen Langeweile, es gleicht den Istzustand aus, und es hält die Tiere beschäftigt."