Ich war 16 Jahre alt, als ich Das fünfte Element zum ersten Mal schrieb – nicht als Drehbuch, sondern als Roman. Er war 200 Seiten lang, ich warf sie alle weg. Ich fand das Buch nicht gut genug. Ich schrieb noch einmal 200 Seiten. Und warf auch die weg. Dann schrieb ich 400 Seiten. Als die fertig waren, war ich 18. Ich hatte damals zu Hause nichts anderes zu tun. Wir lebten auf dem Land, zehn Kilometer entfernt von Coulommiers, der nächsten Stadt. Die Gegend ist eine bekannte französische Käseregion. Solange man nicht davon träumt, Filme zu machen, ist es wundervoll in Coulommiers.

Aber als ich in der Schule davon erzählte, dass ich Filme machen wolle, haben mich alle ausgelacht. Sie konnten sich das noch nicht einmal vorstellen. Man hielt mich für einen Sonderling. Nachmittags saß ich zu Hause am Fenster und betrachtete die Kühe auf der Weide. Dieser Anblick war alles, was ich hatte. Mein Stiefvater lehnte es ab, einen Fernseher zu kaufen. Musik lehnte er ebenfalls ab. Wir hatten auch keinen Plattenspieler. Also nahm ich den Stift in die Hand. Ich wollte keine Kühe mehr beobachten. Ich wollte ein Taxifahrer sein, der mit seinem Wagen zwischen den New Yorker Wolkenkratzern hindurchflog, genauso, wie es dann später im Film Das fünfte Element zu sehen war. Ich wollte mir eine Welt erschaffen, in die ich flüchten konnte.

Wenn ich zum Abendessen von meinen Reisen zurückkam, tat ich nur so, als wäre ich anwesend. Bei Tisch wurde ohnehin kein Wort gesprochen. Mein Stiefvater arbeitete hart und brachte seine Probleme mit nach Hause. Meine Mutter versuchte, es ihm recht zu machen. Niemand interessierte sich dafür, was ich zu sagen gehabt hätte. Trotzdem würde ich von einer glücklichen Kindheit sprechen. Ich hatte Nahrung und Kleidung und die Zuneigung meiner Mutter. Wurde mir zu jener Zeit die Aufmerksamkeit zuteil, die ich in diesem Alter gebraucht hätte? Nein. Wenn ein 15-Jähriger jeden Tag fünf Stunden Tennis spielt, denkt jeder: Vielleicht wird er ein Champion. Wenn ein Teenager ein Jahr lang jeden Tag sagt: "Ich möchte mir eine Filmkamera kaufen", und dann noch immer keine hat, darf sich niemand wundern, wenn er sein Moped verkauft, um sich von dem Geld endlich die Kamera besorgen zu können.

Eine Weile später ging ich zum ersten Mal auf einen Filmset. Ich verliebte mich sofort in die Atmosphäre. Als ich nach Hause kam, fragte mich meine Mutter, wie es gewesen sei. Ich sagte: "Magisch. Und auch ich werde Filme drehen." Sie sagte: "Okay." Ich sagte: "Ich reise morgen ab." Sie sagte, ich solle erst die Schule fertig machen. Ich sagte: "Ich fahre nach Paris und suche mir einen Job. Ich reise morgen ab." Sie weinte, sie schrie, sie schlug mich. Am nächsten Morgen kam ich mit meinem Koffer aus meinem Zimmer. "Wohin willst du?", fragte sie mich, und ich antwortete: "Nach Paris, das habe ich dir doch gesagt. Kannst du mich zum Bahnhof fahren?" Sie sagte Nein. Also ging ich die zehn Kilometer mit meinem Koffer zu Fuß. Ich hatte 15 Franc in der Tasche. Aber ich ging.

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