Eine leicht zugängliche Krankenversicherung für Millionen Amerikaner – das war das Ziel der Gesundheitsreform, die Obamacare genannt wird. Doch die Reform richtete jetzt erst einmal Chaos an. Das zeigt die Geschichte mit dem Hund: Wegen der komplizierten Online-Anmeldung erhielt ein 14 Jahre alter Yorkshireterrier mit dem Namen Baxter eine Krankenversicherung – statt seines überraschten Besitzers. Das Missverständnis, offenbar durch verwirrende Sicherheitsfragen entstanden, konnte immerhin rasch geklärt werden. Von vielen anderen Problemen bei Obamacare lässt sich das nicht sagen.

Am 1. Oktober gingen neue Onlineversicherungsmärkte an den Start. Sie sind der Kern der Reform. Über die Internetseiten sollen bis zu 14 Millionen US-Bürger bezahlbare Krankenversicherungen bekommen. Eine Police abzuschließen soll damit so einfach sein wie Bestellen bei Amazon. Das hat Obama selbst wiederholt erklärt.

Stattdessen wurde die zentrale Website des ganzen Projekts – healthcare.gov – zum Desaster. Sie brach gleich unter dem ersten Ansturm zusammen. Seitdem wurden fast täglich neue Fehler bekannt. Erst vergangene Woche gestand der zuständige Behördenleiter, dass zentrale Teile des Systems wie etwa die Buchung von Prämien, die ab 1. Januar benötigt werden, nicht fertig sind.

Die Zahlen zu den bisher eingegangenen Anmeldungen schocken sogar Pessimisten: In den ersten Wochen haben sich über healthcare.gov gerade mal 27.000 Amerikaner angemeldet. Angepeilt waren 500.000. Den Fehlschlag konnten auch 79.000 Anmeldungen auf den Websites verschiedener Bundesstaaten nicht kaschieren. Der Start ist gründlich misslungen.

Noch schwerer als die technischen Mängel wiegt ein Vertrauensverlust, den Obama zu verantworten hat. Immer wieder versprach er, wer zufrieden sei mit seiner bestehenden Police, dürfe diese behalten. Doch nun flattert Millionen Versicherten die Kündigung ins Haus. Der Grund: Ihre Policen erfüllen bestimmte Vorgaben von Obamacare nicht.

Die Kündigungswelle war bereits absehbar, als das Gesetz verabschiedet wurde. Das Kalkül von Obamas Team war, dass die Gekündigten über den Onlineversicherungsmarkt eine neue, bessere Police finden würden. Doch die Website blieb für viele bisher unerreichbar, andere sehen sich mit weit höheren Prämien konfrontiert. Inzwischen erlaubte der Präsident, die strittigen Policen noch ein Jahr zu verlängern – was zu weiteren Komplikationen führt. Denn die Krankenversicherer hatten die Prämien für Obamacare unter der Annahme kalkuliert, dass Millionen Versicherte, deren alte Policen zwangsweise storniert würden, in die neuen Verträge wechseln würden. Jetzt müssen womöglich die Prämien neu kalkuliert werden. Sie könnten deutlich teurer werden.

Das Team des Präsidenten hat die Aufgabe offenbar völlig unterschätzt. Mangelnde Koordination, fehlende Kommunikation und schlicht Schlamperei haben ausgerechnet das Projekt torpediert, mit dem der Präsident sein "Smart Government" als Erfolgsrezept für das 21. Jahrhundert vorführen wollte.

Klar, dass die Republikaner, die Obamacare mit allen Mitteln bekämpfen, die Reform nun als gescheitert darstellen. Doch das ist eine Fehleinschätzung. Obamacare hat Amerika bereits nachhaltig positiv verändert. Erstmals haben viele Amerikaner ihr System mit dem anderer Länder verglichen. Medien und Politiker wurden nicht müde, die Gesundheitssysteme von Kanada, Frankreich oder Großbritannien entweder als Modell zu loben oder als abschreckendes Beispiel zu verdammen.

Für viele Amerikaner, die es gewohnt waren, alle Probleme aus einer US-Binnensicht zu betrachten, war das ein Aha-Erlebnis. Nicht zuletzt, weil sie feststellen mussten, dass andere Länder ihren Bürgern bessere Versorgung bei geringeren Kosten bieten. Seither wird häufiger über die eigenen Grenzen hinausgeschaut. So ist es sicher auch kein Zufall, dass das duale Ausbildungssystem Deutschlands in den USA immer prominenter geworden ist und der Gouverneur von Ohio es explizit als Vorbild nennt.

Obamacare zeigt, dass es möglich ist, in einer Demokratie fundamentale Veränderungen in Gang zu bringen. Und die Reform hat eine Diskussion um die Frage ausgelöst, wie weit die USA in Zukunft eine Solidargesellschaft sein wollen – und wie viel die Bürger bereit sind, dafür zu zahlen. Die Auseinandersetzung mit dieser Frage wird bleiben, egal, was aus Obamacare wird.