Adam Thirlwell ist erst 35 Jahre alt; aber er hat schon zweimal den Preis für den besten jungen Romancier erhalten, seine Romane wurden in dreißig Sprachen übersetzt, und er war als Fellow in Oxford tätig; er liest Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch. Falls es einen Vertreter von Weltliteratur in jenem emphatischen Sinn gibt, den Goethe meinte, dann bestimmt ihn. Wenn er also einen Multiplen Roman ankündigt, so darf man sehr gespannt sein, was sich dahinter verbirgt: Wird es ein Roman werden? Eine philologische Arbeit? Ein Essay? Oder irgendetwas dazwischen?

Es ist gar nicht so leicht, zu bestimmen, was Thirlwell da geliefert hat. Nicht weniger hat er sich vorgenommen, als ein Buch über den Roman überhaupt zu schreiben, nicht über ein paar einzelne Exemplare, sondern darüber, wie dieses fantastische Wesen über die Jahrhunderte möglich war. Doch wie lässt sich darüber sprechen, wo man es mit solch irrsinnigen Mengen Texten zu tun hat, bei denen jede Verallgemeinerung und jedes charakteristische Zitat sich in einem Ozean von Buchstaben verliert? Eigentlich kann man hier nur mit der – immer privatisierenden – Liebe etwas ausrichten. Nicht auf die Nadel im Heuhaufen darf es ihm ankommen, nach dem Heu selbst ist er süchtig; nur so erklärt sich seine märchenhafte Geduld mit den Massen.

So ist es gewiss das Beste, was sich von Adam Thirlwells Buch sagen lässt: dass er es als ein Leser geschrieben hat, als ein Mensch also, der sich außerstande sieht, das Unordentliche auf geordnete Weise zu loben. Es besitzt die Kohärenz des Liebesbriefs: sprunghaft im Einzelnen und scheinbar voller Abschweifungen, den Sinn dabei jedoch unverwandt auf das geliebte Objekt gerichtet und darum von einer höheren Einheit erfüllt. Thirlwell scheut sich nicht vor dem in der Wissenschaft ungern gesehenen Pronomen "ich", auch nicht in dessen allerverpöntesten Verwendungsweisen, "ich meine", "ich finde" und so weiter, gedeckt durch nichts als die Hellsicht eines Gefühls. Sogar ein "du" kommt vor, gerichtet an den anderen Leser, den dieses Buchs – jenen durchaus geneigten Leser, den sich zeitgenössische Autoren sonst nur selten vorauszusetzen trauen.

Sofern Thirlwell eine These aufstellt, ist sie so allgemein gehalten, dass man ihr nicht widersprechen mag. "Multipel" sei der Roman allerorts und zu allen Zeiten, wobei die Multiplizität sich teils in der Übersetzbarkeit, teils in der Möglichkeit verschiedener Lektüren, teils in der Entwicklung von Traditionslinien äußert. Sein Buch hat überschwängliche Reaktionen ausgelöst. Alle heben den Charakterzug der unsystematischen Fülle hervor: Ein "Abenteuer" sei das, ein "Schatz". Abenteuer wollen erlebt, Schätze gehoben werden, die Mittätigkeit des Lesers ist unentbehrlich. Vielerlei kann man hier wichtig finden, aber unmöglich sich alles merken. Man muss sich schon so darauf einlassen, wie es der Autor selbst bei seiner Romanlektüre tat, nämlich per Kopfsprung, überzeugt davon, dass, egal, wo man eintaucht, das Wasser überall tief genug ist, um es zu riskieren.

Was wäre besonders hervorzuheben? Man kann zum Beispiel betonen, dass Thirlwell es niemals darauf anlegt, recht zu behalten: Er behandelt Werk und Autor (da unterscheidet er wenig) notfalls mit dem einfühlsamen Takt, den man einem irrenden Freund schuldet. Dass er irrt, selbst wo er es mit Verbohrtheit tut, ist nicht schlimm, Freund bleibt er trotzdem. Wie hoch Thirlwell Vladimir Nabokov schätzt, sagt er nicht ausdrücklich, aber er lässt es den Leser spüren in der zarten Insistenz, mit der er die Widersprüche in dessen Gedanken zur Übersetzung herausarbeitet – nur um nachzuweisen, dass Nabokov hüben wie drüben doch eigentlich recht hat, teilweise wenigstens. Thirlwell bedauert es, dass Bohumil Hrabal angefeindet wurde, weil er die Charta 77 gegen die kommunistischen Machthaber nicht unterschrieb, sondern lieber daheim mit seinen Katzen spielte; und er betont dagegen, wie aufrichtig dieser tschechische Autor das Erlebnis der Demütigung und Beschämung durch die Staatsorgane geschildert hat. Ja, Hrabal hat den Kollegen X verleugnet, um nach Griechenland in Urlaub fahren zu dürfen. Dann aber nimmt Thirlwell ihn tröstend in die Arme: Mag er sich auch der Verleugnung schuldig gemacht haben, so doch nicht der Verleumdung – und jene kann dann doch verziehen werden.

Nach all dem begreift man, dass Thirlwells Buch kaum taugt, um sich Bildung zu holen. Es ist ein geistvolles, nicht ein geistreiches Werk geworden. Thirlwell spricht zum Leser wie über Leute, die man gemeinsam kennt, und das ist die Bedingung, um solche Mitteilungen interessant zu finden. Wer vom Italiener Gadda noch nichts gelesen hat, tritt ihm hier nicht notwendig näher; und wer Joyce nicht mag, wird ihn auch nach der Lektüre von Thirlwell wahrscheinlich nicht mögen.

Thirlwell gesteht es den Romanen zu, als wären sie Menschen, dass sie sich im Lauf der Zeit verändern, und zwar oft durch Umstände, für die sie nichts können. Das erstaunt, denn steht auf den Seiten eines Buchs nicht immer derselbe Wortlaut, ob jetzt oder nach hundert Jahren? Nicht unbedingt! Vor vierhundert Jahren etwa war es, wie Thirlwell im Anschluss an Borges vermerkt, kaum mehr als eine rhetorische Figur, wenn Cervantes im Don Quijote von der Historie sagt, sie sei "Nebenbuhlerin der Zeit, Archiv aller Taten, Zeugin des Verflossenen, Vorbild und Anzeige des Gegenwärtigen, Hinweis auf das Künftige". Welche relativierende Tiefe ist diesem Ausspruch seither zugewachsen! Erst das 20. Jahrhundert ist reif für die Einsicht geworden, dass Geschichte nicht die historische Wahrheit bedeutet, sondern unser Urteil über das Geschehene.