Ich habe mir zwei Regeln gesetzt: so oft wie möglich raus aus Kabul. Und so wenig wie möglich riskieren. Meistens ist das ein Widerspruch.

Entsprechend überschaubar ist die Liste der Orte, die ich bisher gesehen habe: eine Woche in Faisabad, Wandern in Badachschan, ein Ausflug nach Masar-i-Scharif, Minenfelder fotografieren in Parwan, eine Pressereise nach Daikundi, ein Abend in Bamian, vier Tage in Kundus.

Jedes Mal, wenn ich von einer Reise zurückkomme, sagen meine afghanischen Freunde: "Band-i-Amir! Da musst du mal hin." Sechs türkisfarbene Seen mitten in den Bergen Bamians, der erste Nationalpark des Landes. "Sie glitzern wie Juwelen aus einer anderen Welt", steht im Lonely Planet Afghanistan. Im Sommer kommen Touristen zum Tretbootfahren, im Winter zum Langlaufen auf dem Eis. Freitags ist Band-i-Amir ein beliebter Ort fürs Familienpicknick.

An einem Dienstag im Dezember fahre ich hin. Niemand ist zu sehen außer meinen Begleitern und mir. Neben dem Ufer sind Schwanen-Tretboote gestapelt. Es liegt Schnee, aber das Wasser ist noch nicht gefroren. "Im Sommer kann man hier zelten", sagt ein Freund. "Du grillst abends den Fisch, den du tagsüber gefangen hast. Dann wickelst du dich in eine warme Decke und schläfst. Die Nächte hier sind wahnsinnig ruhig." – "Hast du das schon mal gemacht?" – "Nee, ist mir zu gefährlich."

Der Legende nach wurden die sechs Seen von Ali geschaffen, dem Mann, den Schiiten und Aleviten als rechtmäßigen Nachfolger des Propheten Mohammed sehen. Der erste war Band-i-Haibat, der mit den Schwanen-Tretbooten – "See des Zorns".

Alis Zorn galt einem Fürsten, der ihn und seinen Diener gefangen nehmen wollte. Es folgten: der See des Schwertes, des Dieners, des Käses, der Sklaven und der Minze. Nach dem letzten See betrachtete Ali sein Werk. Und wenn sich seither nichts geändert hat, muss er gesehen haben, dass es gut war.

Dort, wo Ali damals stand, steht heute ein Schrein. Ein alter Mann sitzt davor. "Es ist wunderschön hier", sage ich. "Du solltest das mal im Sommer sehen, wenn alles grün ist", antwortet er. "Arbeiten Sie hier?" – "Nein, ich hüte Schafe und hab ein bisschen Land. Den Schrein bewache ich nur jeden elften Tag. Wir Männer im Dorf wechseln uns ab." – "Sind Sie gern hier? – "Ja, sehr." – "Warum?" – "Wegen der Fremden, die herkommen. Mich interessiert ihre Kultur, wie sie leben, welche Kleider sie tragen. Einmal waren Taucher hier, mit Sauerstoff-Flaschen. Ich hab sie gefragt: ›Wie sieht der Boden aus?‹ Aber die haben es nicht bis nach unten geschafft. Keiner weiß, wie tief dieser See ist."

Wir reden noch ein bisschen. Der Mann erzählt, dass er 70 Jahre alt ist und Mohammad heißt. 1984 sei er in den Iran geflohen und vor neun Jahren zurückgekommen in das Dorf, in dem er geboren sei.

"An welche Zeit erinnern Sie sich am liebsten?" – "Als wir noch einen König hatten. Ich hatte damals Arbeit, und ich habe heute Arbeit. Trotzdem war alles anders, damals war es sicher. Die Probleme haben mit den Russen angefangen: Sie sind in unsere Dörfer gekommen und haben uns ausgeraubt."

Eine Träne schlüpft aus seinem linken Auge. "Weißt du, es kommen jetzt schon weniger Leute. Die Straße von Kabul hierher ist nicht mehr sicher."

"Was denken Sie über die Zukunft?", frage ich. Der Mann sagt nur zwei Wörter: "Khoda hafez." Das heißt: "Gott schütze dich." Man sagt es zum Abschied.