Seit Mitte September arbeiten vier hochrangige Beschäftigte der Deutschen Bank unter bizarren Bedingungen. Im Februar wurden sie entlassen, Mitte September zwang das Frankfurter Arbeitsgericht die Bank, sie wieder einzustellen. Nun haben die Gefeuerten wieder hoch bezahlte Jobs und verantwortungsvolle Aufgaben, das haben sie mit einem Prozess erzwungen. In den Gerichtsakten können sie allerdings auch nachlesen, was ihr alter und neuer Arbeitgeber von ihnen hält: "Absurd", "lächerlich" oder auch "scheinheilig" seien die Argumente der Entlassenen für ihre Wiedereinstellung, schreiben die Anwälte der Kanzlei Hengeler Mueller im Auftrag der Deutschen Bank. Was einer der entlassenen Mitarbeiter zu seiner Verteidigung vortrage, sei "nicht nur falsch, sondern unverschämt", heißt es in einem der Schriftsätze.

Wie ernst meint es die Deutsche Bank mit dem angekündigten Kulturwandel? Ausgerechnet ein Arbeitsgerichtsprozess trägt dazu bei, dass sich diese Frage seit Kurzem etwas genauer beantworten lässt.

Die Prozessakten, die der ZEIT vorliegen, zeigen, wie selbstverständlich Zinsmanipulationen im größten deutschen Geldhaus offenbar für kundige Mitarbeiter waren – und sie wecken Zweifel an den Behauptungen der Bankchefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen, wonach es lediglich Einzeltäter waren, die Zinssätze manipulierten, und zwar ohne stillschweigende Duldung von oben.

Die meisten belastenden Dokumente hat die Deutsche Bank mit großem Aufwand selbst zusammengestellt. Mehr als 43 Millionen "Kommunikationsdokumente" habe man gesammelt und untersucht, schreiben die Anwälte der Bank. Einen Teil dieser Mails hat das Institut dem Gericht vorgelegt, um zu belegen, dass die vier Mitarbeiter tatsächlich Zinssätze manipulierten. Die Verteidigung hatte das bis zuletzt bestritten. "Werde Fixing niedrig halten – okay für Dich?", schrieben die Mitarbeiter, oder auch: "Klar, Kumpel, wir versuchen unser Bestes hier."

Das Beweismaterial ist so erschlagend, dass die Arbeitsrichterin Annika Gey in diesem Punkt der Bank folgt. Es gebe "Anhaltspunkte" dafür, dass die vier Entlassenen "in unzulässiger Weise kommuniziert haben", heißt es in ihrer Urteilsbegründung.

Bei der entscheidenden Frage ist die Richterin aber anderer Auffassung als die Anwälte der Deutschen Bank: Es seien eben nicht nur Einzeltäter für die Zinsmanipulationen verantwortlich gewesen, verantwortlich sei eher ein System organisierter Unverantwortlichkeit. Eigentlich hätte die Bank dafür sorgen müssen, dass Händler, die mit Devisengeschäften Umsatz erwirtschaften, keinen Einfluss nehmen können auf diejenigen, die Empfehlungen für Zinssätze formulieren, heißt es in der 25-seitigen Urteilsbegründung.

Stattdessen beanstande die Deutsche Bank "ein Verhalten, welches sie selbst ermöglicht hat". Sie werfe den gefeuerten Mitarbeitern Kommunikation mit den Händlern vor, habe "aber andererseits selbst eine Verzahnung zwischen ihren Händlern und den Ermittlern der Referenzzinssätze herbeigeführt". Außerdem hätte die Bank "durch (interne) Kontrollen sicherstellen müssen, dass die von ihr selbst geforderte strikte Trennung von Ermittlern der Referenzzinssätze und Händlern auch praktiziert und durchgesetzt wird".

So hat das Arbeitsgerichtsverfahren letztlich beide Seiten beschädigt – die Kläger wie die Verteidiger. Die vier Händler stehen da als Banker, die Geschäfte zulasten der Allgemeinheit gemacht haben. Von der Höhe der Zinssätze Libor und Euribor hängen weltweit Finanzgeschäfte im Wert von Hunderten Billionen Euro ab. Wegen der Bedeutung für die internationalen Finanzmärkte hatte EZB-Direktor Jörg Asmussen am Wochenende sogar gefordert, künftig müsse der Staat diese Zinssätze festlegen.

Der Deutschen Bank wiederum wird es nun noch schwerer fallen, den Ruf als Zockerbude loszuwerden. Die Anwälte der vier Mitarbeiter werfen dem Geldhaus vor, dass es für die Kündigungen einen "ausschließlich politisch motivierten Hintergrund" gegeben habe. Mit anderen Worten: Die vier Mitarbeiter seien als Bauernopfer gedacht gewesen, um die Spitze des Hauses zu entlasten. Dem hat das Arbeitsgericht zumindest nicht widersprochen.

Die Finanzaufsichtsbehörde BaFin hat die Unterlagen des Arbeitsgerichtes angefordert, um ihre eigenen Untersuchungen zum Libor-Skandal zu ergänzen. Das Frankfurter Urteil vom September sorgt für zusätzlichen Druck auf die Kontrolleure, genau hinzuschauen. Die Deutsche Bank hat ihrerseits Berufung eingelegt.

Umso lustiger wirkt die Behauptung der Anwälte der Gefeuerten, die Banker könnten weiter beschäftigt werden, weil das Vertrauen zu ihrem Arbeitgeber nicht gestört sei. Damit das so bleibe, habe man sich bemüht, die Schriftsätze besonders höflich zu formulieren. Nur wegen des Wunsches ihrer Mandanten, weiterbeschäftigt zu werden, so die Juristen, "sollen hier deutlichere Worte zu dem Vorgehen der Beklagten (der Deutschen Bank, Anm. d. Red.) unterbleiben".