Der Tod kommt aus Deutschland

Am Tag vor seinem Tod nimmt Gabriel Echeverría seine Mutter in den Arm und sagt, was er immer sagt, wenn er geht: "Bis bald, Mama. Wenn wir uns in diesem Leben nicht mehr sehen, dann im nächsten."

24 Stunden später steht Echeverría, 20, auf der Autobahn, die Mexiko-Stadt mit dem Pazifik verbindet. Es ist der 12. Dezember 2011, Feiertag in Mexiko, die Menschen wollen ans Meer. Echeverría steht ihnen im Weg. Er ist einer von rund 300 jungen Mexikanern, die die Straßen blockieren und Transparente in die Luft halten. Sie sind Studenten einer Hochschule, an der Bauernkinder zu Lehrern ausgebildet werden. Später sollen sie einmal die nächste Generation alphabetisieren und ihr Chancengleichheit bringen. Jetzt demonstrieren sie für mehr Bücher, mehr Studienplätze, mehr Bildung.

Es dauert nur Minuten, bis die Sirenen kreischen. Polizisten springen von Pick-ups, sie tragen kugelsichere Westen, Helme und Schnellfeuergewehre. Tränengasgranaten zischen durch die Luft.

Die Studenten rennen durcheinander, husten. Echeverría wickelt sich einen Pullover um den Kopf, gegen das Gas. "Wir wollen doch nur mit euch reden!", schreit er zu den Polizisten hinüber.

Die Polizisten feuern Schüsse in die Luft. Studenten werfen Stöcke und Steine. Am Straßenrand geht eine Tankstelle in Flammen auf.

Echeverría hält keinen Stein in der Hand und keinen Stock. Er läuft auf die Polizisten zu, fünf, sechs Schritte, Schüsse fallen, Schreie gellen, Echeverría läuft weiter, dann trifft ihn ein Projektil in den Hals. Mit dem Gesicht nach unten bleibt er liegen.

Eine halbe Stunde später melden die Nachrichtenagenturen: 3 Tote, 14 Verletzte, 24 Verhaftete.

Heute, genau zwei Jahre später, lassen sich die Vorfälle jenes Tages mithilfe von Videoaufnahmen, Polizeiakten und Zeugenaussagen rekonstruieren. Sichtet man dieses teilweise unveröffentlichte Material, entsteht eine Verbindung zwischen dem Polizeieinsatz, bei dem der junge Mexikaner Gabriel Echeverría starb, und einem deutschen Unternehmen aus Oberndorf am Neckar.

Deutsche Waffenexporte - "Waffenkontrolle findet nur auf dem Papier statt" Das Schnellfeuergewehr G36 ist eine hochmoderne und profitable Waffe. Hersteller Heckler & Koch darf es nur mit Genehmigung der Regierung ins Ausland verkaufen. Trotzdem taucht es immer wieder in Krisengebieten auf.

In der Nähe von Echeverrías Leiche fanden sich Patronenhülsen des Kalibers 5,56 mal 45 Millimeter, die übliche Gewehrmunition bei den Armeen der Nato-Staaten. Der ZEIT liegen Personalakten von Polizisten vor, die an jenem 12. Dezember 2011 im Einsatz waren. Oben auf den Seiten stehen ihre Namen, Geburtsdaten und Dienstränge, unten ist ihre Bewaffnung aufgeführt. Dort steht: G36.

Das G36 ist die Standardwaffe der Bundeswehr. Militärisch gesprochen, ist es ein Schnellfeuergewehr. Es besteht zu einem großen Teil aus Kunststoff und wiegt nur 3,6 Kilo. Es ist leicht, handlich und kann pro Sekunde zwölf Kugeln abschießen.

Ökonomisch gesehen, ist das G36 das Qualitätsprodukt eines deutschen Mittelständlers, von Fachleuten weltweit bewundert, ähnlich wie Kettensägen von Stihl und Kopfhörer von Sennheiser. Mit dem G36 schießen nicht nur Bundeswehrsoldaten, sondern auch Armee- und Polizeieinheiten der USA, Großbritanniens, Norwegens, Spaniens, Australiens, Portugals und Frankreichs.

Das G36 wird gebaut von der Firma Heckler & Koch in Oberndorf. Auf deren Internetseite heißt es, das Gewehr sei "optimal in der Handhabung, im Gewicht und der Feuerdichte im Nahkampf".

Wie gelangte es nach Mexiko?

Anders als die Hersteller von Kettensägen und Kopfhörern dürfen deutsche Rüstungsunternehmen ihre Produkte nicht ohne Genehmigung der Bundesregierung ins Ausland verkaufen. Besteht der Verdacht, dass die Waffen in Krisengebieten landen oder "zu fortdauernden und systematischen Menschenrechtsverletzungen missbraucht werden", ist die Ausfuhrgenehmigung grundsätzlich zu verweigern. So steht es in den "Politischen Grundsätzen der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern".

Im Jahr 2002 begann Heckler & Koch in Mexiko für seine Produkte zu werben. Der Staat steckte im Krieg gegen die Drogenmafia und wollte Tausende Gewehre kaufen. 2005 wurde ein erster Vertrag zwischen Heckler & Koch und der mexikanischen Regierung geschlossen, berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter des Unternehmens, der heute in den USA lebt. Vorher hatte Heckler & Koch beim Bundeswirtschaftsministerium die Erlaubnis für den Export von G36-Gewehren nach Mexiko beantragt.

Die Bundesregierung stimmte zu, erteilte dem Unternehmen aber eine Auflage: Die Gewehre dürften nicht an Polizeieinheiten aus den mexikanischen Bundesstaaten Chiapas, Chihuahua, Jalisco und Guerrero abgegeben werden. Bürgerrechtler berichten seit Jahren von korrupten Polizisten dort, von willkürlichen Inhaftierungen, Folter und Tötungen.

Das mexikanische Verteidigungsministerium gibt zu, dass heute knapp die Hälfte der rund 10 000 importierten Gewehre in genau diesen vier Krisenprovinzen im Einsatz sind. Die Autobahn, auf der Gabriel Echeverría starb, liegt in Guerrero.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Heckler & Koch

Wie konnte das passieren? Hat die mexikanische Regierung das Unternehmen Heckler & Koch hintergangen? Oder hat Heckler & Koch die Bundesregierung getäuscht?

Was ist das für ein Unternehmen, das nicht nur Schnellfeuergewehre produziert, sondern auch Maschinenpistolen und Scharfschützengewehre und den Großteil davon ins Ausland verkauft? Es gibt Berechnungen von Militärfachleuten, wonach die Produkte von Heckler & Koch bis heute mehr Menschen getötet haben als die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zusammen.

Folgt man den Exportrouten des derzeit wichtigsten Produkts dieses Unternehmens, des Gewehrs G36, führt die Spur dieser Waffe nach Libyen, Georgien und Saudi-Arabien. Am Ende begreift man, wie es kommt, dass moderne Schusswaffen seit Jahren die Kriege und Bürgerkriege in Asien, Afrika und Lateinamerika befeuern.

Oberndorf ist eine kleine Stadt mit 14.000 Einwohnern, zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb an einem Hang gelegen, umgeben von Idylle. Ganz oben, im Stadtteil Lindenhof, am Ende einer Serpentinenstraße, steht eine Fabrik, an der Fassade prangen zwei große rote Buchstaben, ein H und ein K. Heckler & Koch. Auf einer Tafel steht: "Wir bilden aus. Industrie-Mechaniker/in. Industrie-Kauffrau/-mann".

640 Angestellte hat das Unternehmen, im vergangenen Jahr erwirtschaftete es 80 Prozent seines Umsatzes durch den Export. Heckler & Koch gilt als guter Arbeitgeber, der ordentliche Gehälter zahlt. Der Werbeslogan des Unternehmens lautet: "Keine Kompromisse".

Diese Informationen sind öffentlich zugänglich, im Internet, im Geschäftsbericht kann man sie zusammensuchen. Zu einem Gespräch mit der ZEIT ist Heckler & Koch nicht bereit, eine Besichtigung der Fabrik wird nicht gestattet.

Nur die Souvenirs und kleinen Geschenkartikel in der Eingangshalle darf man sich ansehen. Einen goldenen Kugelschreiber "in Patronenoptik" gibt es da zu kaufen, für 19,90 Euro, silberne Anstecker in Form von Maschinenpistolen für drei Euro und ein Mousepad mit aufgedrucktem Gewehr für fünf Euro.

Auch der Bürgermeister zeigt sich zurückhaltend. Er gebe keine Interviews, schreibt er in einer E-Mail. In einer früheren Antwort hat er mitgeteilt, Journalisten hätten "in der Vergangenheit nur tendenziös und klischeehaft über die in unserer Stadt ansässigen wehrtechnischen Unternehmen berichtet".

Die Staatsanwaltschaft durchsucht die Firmenzentrale in Oberndorf

Das Unternehmen Heckler & Koch hat eine lange Vergangenheit. Schon 1812 wurde die Königlich Württembergische Gewehrfabrik in Oberndorf angesiedelt. 60 Jahre später, als anderswo in Deutschland Nähmaschinenmanufakturen und Lokomotivwerkstätten entstanden, gründeten die Brüder Wilhelm und Paul Mauser hier eine Kleinwaffenfabrik, die bald die Werkstätten des Königs kaufte. Oberndorf wuchs, weil Mauser wuchs und Arbeiter brauchte. Die Fabrik belieferte die halbe Welt, auch das Gewehr "Mauser Modell 98", die Standardwaffe der Wehrmacht im "Dritten Reich", kam aus Oberndorf.

Nach dem Krieg gründeten ehemalige Mauser-Ingenieure das Unternehmen Heckler & Koch. Seitdem hat Deutschlands größte Gewehrfabrik einen neuen Namen, die spezielle Beziehung zwischen Oberndorf und den Waffen aber blieb erhalten.

Im März 2010 gehen bei den Ermittlungsbehörden in Stuttgart Hinweise ein, Heckler & Koch habe beim Export der G36-Gewehre nach Mexiko gegen die Auflage der Bundesregierung und damit gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen. Die Staatsanwaltschaft lässt zweimal die Firmenzentrale in Oberndorf durchsuchen. Auch in den Privatwohnungen von Geschäftsführern und leitenden Angestellten des Unternehmens finden Razzien statt. Heckler & Koch weist den Verdacht zurück. Die Mexikaner hätten zugesichert, die Gewehre nicht in die Unruheprovinzen weiterzuverfrachten, von abweichenden Überlegungen habe das Unternehmen nichts gewusst. So lassen es die Geschäftsführer von Heckler & Koch nach der Hausdurchsuchung öffentlich verbreiten.

Es ist eine Argumentation, die nicht zu den Aussagen des ehemaligen Handelsvertreters des Unternehmens in Mexiko passt. Der Mann, ein früherer Bundeswehrsoldat mit Scharfschützenausbildung, der seit Jahren in Mexiko lebt, hatte den Kontakt zwischen dem mexikanischen Verteidigungsministerium und dem deutschen Unternehmen hergestellt. Gegenüber der ZEIT berichtet er, Mitarbeiter von Heckler & Koch hätten mexikanische Polizisten in den vier Krisenprovinzen persönlich mit dem Gebrauch des G36 vertraut gemacht. "Wir wollten sicherstellen, dass die Polizisten sich nicht gleich ins Bein schießen, wenn sie die Waffe bekommen", sagt der ehemalige Handelsvertreter.

Der ZEIT liegt eine Urkunde vor, die den Heckler-&-Koch-Ausbildern als Dank für eine solche Schulung überreicht wurde. Unten stehen das Datum, der 26. November 2008, und der Ort, Guadalajara, die Hauptstadt von Jalisco, einem der vier Bundesstaaten, die von der Exporterlaubnis ausgenommen waren.

Nach der Lieferung der Gewehre stellte Heckler & Koch bei der Bundesregierung den Antrag, auch Ersatzteile für das G36 nach Mexiko liefern zu dürfen. Als Ziel gab das Unternehmen auch die vier verbotenen Provinzen an. Die deutschen Behörden fragten nach, bei Heckler & Koch sprach man von einem Versehen und korrigierte den Antrag. So steht es in einem internen Bericht des Zollkriminalamts, der der ZEIT bekannt ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass G36-Gewehre in Krisengebieten auftauchen.

Im Jahr 2008 führt Georgien Krieg gegen Russland, auf Fotos von den Kämpfen sind georgische Spezialeinheiten mit G36-Gewehren zu erkennen. Als Angela Merkel zwei Jahre später in der Hauptstadt Tbilissi zu Besuch ist, wird sie von georgischen Sicherheitskräften bewacht, auch sie sind laut Zeugenaussagen mit G36-Gewehren bewaffnet. Das Merkwürdige daran: Die Bundesregierung hat für den Export nach Georgien nie eine Genehmigung erteilt.

Im Jahr 2011 finden libysche Rebellen in den Depots des Diktators Muammar al-Gaddafi zahlreiche G36-Gewehre, noch originalverpackt von Heckler & Koch. Hocherfreut über die Beute, benutzen sie die modernen Waffen beim Sturm auf die Hauptstadt Tripolis. Auch für Gewehrexporte nach Libyen gab es keine Genehmigung der Bundesregierung.

G36 wird nicht nur in Oberndorf gebaut

Man habe Georgien und Libyen nie beliefert, so lautet die Antwort von Heckler & Koch. Auch bei dem Geschäft mit Mexiko habe man selbstverständlich die Auflage eingehalten, keine Gewehre in die vier Unruheprovinzen zu exportieren. "Heckler & Koch ist ein Unternehmen, das sich an Recht und Gesetz der Bundesrepublik Deutschland hält." Das ist über Jahre die Reaktion des Unternehmens auf jegliche Anschuldigung – bis zu diesem Frühjahr.

Ein saudisches Unternehmen produziert das deutsche Schnellfeuergewehr

Am 24. April 2013 hängt plötzlich ein Schreiben am Schwarzen Brett der Firma in Oberndorf, unterzeichnet von den beiden Geschäftsführern. Vielleicht wissen sie zu diesem Zeitpunkt schon, dass in Mexiko unschuldige Menschen durch Gewehre von Heckler & Koch getötet worden sein könnten. Vielleicht wird ihnen der Druck zu groß. Bei einer Unterredung zwischen der Geschäftsführung, dem Betriebsrat und den Anwälten von Heckler & Koch fällt der Satz, die Existenz des Unternehmens stehe auf dem Spiel. So geht es aus einer Mitschrift hervor.

In dem Aushang am Schwarzen Brett, der der ZEIT vorliegt, ist zu lesen, es bestehe "der dringende Tatverdacht gegen zwei langjährige Mitarbeiter, Waffenlieferungen in nicht genehmigungsfähige mexikanische Bundesstaaten im Zusammenwirken mit einem Handelsvertreter in Mexiko veranlasst zu haben. Dies erfolgte durch die beiden Mitarbeiter eigenmächtig und ohne Wissen und Wollen anderer Personen im Unternehmen."

Kurz gesagt, die Geschäftsführung hat damit nichts zu tun.

Weiter heißt es: "Die Heckler & Koch GmbH hat die Mitarbeiter mit sofortiger Wirkung freigestellt."

Die beiden Angestellten, einer von ihnen der für Mexiko zuständige Vertriebsleiter in Oberndorf, wollten die Kündigung nicht akzeptieren und reichten Klage ein. Vergangene Woche wurde der Fall vor dem Arbeitsgericht in Villingen-Schwenningen verhandelt. Unvermittelt tat sich ein Spalt auf, der der Öffentlichkeit einen kurzen Einblick in ein verschwiegenes Gewerbe ermöglichte.

Vor Gericht blieb der ehemalige Vertriebsleiter für Mexiko auch auf Nachfragen dabei, er habe die Geschäftsführung in E-Mails über die Details der Exporte informiert. Auch sonst habe er sich mehrmals direkt an die Geschäftsführung gewandt, "besonders, wenn es schnell gehen sollte". Der Anwalt von Heckler & Koch räumte ein, dass ein ehemaliger Geschäftsführer wohl tatsächlich darüber Bescheid wusste, dass die Gewehre auch in die Unruheprovinzen exportiert wurden. Mitte Januar wird das Arbeitsgericht sein Urteil verkünden.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Heckler & Koch dauern an. Der Anwalt des Unternehmens sagt, er gehe davon aus, dass die Strafverfolger Anfang kommenden Jahres Anklage wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz erheben werden. Wenn es so kommt, könnte man sagen, die Bundesrepublik Deutschland wehrt sich gegen Heckler & Koch.

Auf der einen Seite ein Staat mit moralischen Grundsätzen, auf der anderen ein Unternehmen, das diese unterläuft. Dies ist das Bild, das hier entstünde, wäre da nicht eine Szene, die Anfang dieses Jahres in einer riesigen Messehalle in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, zu betrachten war.

Mit Orden behängte Offiziere der Armeen Jordaniens, Ägyptens, des Irans, Omans, Katars und anderer Staaten des Nahen und Mittleren Ostens stehen in Ausgehuniform in einer Schlange und warten darauf, ein G36 in den Händen zu halten.

Um die Männer herum sind Panzer und Panzerabwehrraketen aufgereiht, kugelsichere Westen und Projektile, die auch Schutzwesten durchschlagen, Tellerminen und Minensuchgeräte. Hostessen überreichen Broschüren, und draußen vor der Halle hetzen Soldaten durch den Wüstensand und verschießen Platzpatronen.

Die International Defence Exhibition & Conference, kurz Idex, ist die größte Waffenmesse im Nahen Osten, alle zwei Jahre findet sie statt, zuletzt wurde sie im Februar 2013 abgehalten. Rüstungsunternehmen aus der ganzen Welt zeigen hier, auf neue Kunden hoffend, ihre Produkte. Auch deutsche Firmen sind dabei.

Die G36-Gewehre aber sind nicht nur am Stand von Heckler & Koch ausgestellt. Die Warteschlange der herausgeputzten Offiziere, sie hat sich vor dem Stand des Rüstungsunternehmens Military Industries Corporation (MIC) aus Saudi-Arabien gebildet. Hier steht das G36 auf polierten Glasplatten, von unten beleuchtet, links die Standardversion, rechts die Variante mit kürzerem Lauf, besonders geeignet für den Häuserkampf. Daneben sitzt ein Mann im weißen Kaftan, ein Mitarbeiter des Rüstungsunternehmens.

Das G36 wird nicht nur in Oberndorf gebaut. Seit zwei Jahren läuft es auch in einer gigantischen Fabrik in der Wüstenstadt Al-Khardsch in Saudi-Arabien vom Band, eines der ersten Exemplare bekam ein saudischer Prinz geschenkt. Das ist keine dreiste Art der Produktpiraterie, sondern eine spezielle Form des Rüstungsexports.

MIC hat von Heckler & Koch die Lizenz erworben, das G36 nachzubauen, und dem deutschen Unternehmen die nötigen Baupläne und Spezialmaschinen abgekauft. In Oberndorf bildete Heckler & Koch arabische Arbeiter aus, die Betriebskantine passte ihren Speiseplan den Bedürfnissen der muslimischen Gäste an.

Die Bundesregierung hat das Geschäft genehmigt. Und das, obwohl sie selbst in ihrem alle zwei Jahre erscheinenden Bericht zur Menschenrechtspolitik über Saudi-Arabien schreibt: "Körperstrafen wie z. B. das Auspeitschen werden regelmäßig vollzogen. Dissidenten werden inhaftiert, Geständnisse erzwungen. Freie Meinungsäußerung ist nur teilweise möglich. Die Religionsausübung ist für nicht-muslimische Religionen verboten, die schiitische Minderheit im Osten des Landes wird diskriminiert."

Anders gesagt: Die Wahrscheinlichkeit, dass die G36-Gewehre in Saudi-Arabien zu fortdauernden und systematischen Menschenrechtsverletzungen missbraucht werden, ist nicht gering.

Deutschland hat keine Kontrolle mehr über die Produktion deutscher Gewehre

Die Bundesregierung kommentierte die Rüstungsgeschäfte mit den Saudis mit dem Satz: "Das Königreich Saudi-Arabien ist für Deutschland ein wichtiger Partner, politisch wie wirtschaftlich sowie bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus. Saudi-Arabien nimmt eine zentrale Rolle bei der Lösung regionaler Konflikte ein." Und Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte vor zwei Jahren in einer Grundsatzrede vor Sicherheitsexperten: "Wir müssen die Staaten, die bereit sind, sich zu engagieren, auch dazu befähigen. Ich sage ausdrücklich: Das schließt auch den Export von Waffen mit ein – dies selbstverständlich nur nach klaren und weithin anerkannten Prinzipien."

Als Ausdruck dieser Prinzipien hat die Regierung auch das Geschäft mit Saudi-Arabien mit einer Auflage versehen. Die Saudis bekommen die Lizenz zum Nachbau des G36 nur, wenn sie sich verpflichten, die Gewehre nicht in andere Länder zu exportieren. Das war die Bedingung.

Die Saudis stimmten zu – bieten die Gewehre jetzt aber auf internationalen Waffenmessen an. Bis vor Kurzem wurde das G36 auch auf der MIC-Internetseite präsentiert. Unter einem Bild des Gewehrs stand der Hinweis, dass dem Kunden jeweils neun Gewehre in einer Holzkiste geliefert würden, jedes verpackt in einem eigenen Karton. Nach Medienberichten in Deutschland verschwand die Seite aus dem Netz.

Offiziell kann die Bundesrepublik dem Kunden Saudi-Arabien die Lizenz zum Nachbau des G36 jederzeit wieder entziehen. Die Saudis können das Gewehr dann nicht mehr bauen, auch nicht illegal, weil sie weiterhin spezielle Ersatzteile aus Deutschland brauchen. Das ist die offizielle Position der Bundesregierung und von Heckler & Koch.

Ein ehemaliger hochrangiger Manager des Unternehmens aber sagt gegenüber der ZEIT: "Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Saudi-Arabien für die Produktion des G36 unbedingt deutsche Teile braucht." Die Fabrik sei ja errichtet, die Maschinen seien justiert, die Ingenieure und Arbeiter eingewiesen, die Saudis könnten alles selbst produzieren.

Heckler & Koch und die Bundesregierung haben demnach keinen Einfluss mehr auf die Produktion des G36 in Saudi-Arabien. Die Gewehre laufen vom Band, solange die Saudis das wollen. Deutschland hat keine Kontrolle mehr über die Produktion deutscher Gewehre.

Es ist, als ob sich die Geschichte wiederholt.

Der Vorgänger des G36 war das G3. Es ist fast anderthalb Kilo schwerer als das G36 und feuert zehn Schuss pro Sekunde ab, nicht zwölf. Als es Ende der Fünfziger auf den Markt kam, war es eines der besten und modernsten Gewehre der Welt, entwickelt und produziert von Heckler & Koch.

Heute gibt es mindestens sieben Millionen G3-Gewehre auf der Welt. Obwohl Heckler & Koch die Waffe seit Jahren nicht mehr baut, kommen jeden Tag neue dazu, zusammengeschraubt in Pakistan, dem Iran und anderen Staaten.

Anders als das G36 hatte Heckler & Koch das G3 speziell für die neu entstandene Bundeswehr entwickelt, finanziert vom Verteidigungsministerium. Deshalb liegen die Lizenzrechte für das G3 bei der Bundesrepublik Deutschland.

Zwischen 1961 und 1981 verkaufte und verschenkte die wechselweise von Union und SPD geführte Bundesregierung die Lizenzen zur Produktion des G3 an mehr als ein Dutzend Länder, zur Stärkung echter oder vermeintlicher Verbündeter.

Eine der ersten Lizenzen erwarb Anfang der sechziger Jahre der damalige portugiesische Diktator António de Oliveira Salazar, der dann Tausende G3-Gewehre an das südafrikanische Apartheidregime weiterverkaufte. Später erhielt der Schah von Persien die Lizenz, der als Partner des Westens galt, ähnlich wie heute der saudische König Abdullah. Nach dem Sturz des Schahs errichtete der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini einen neuen Staat, die Gewehre ließ er weiter produzieren – und verkaufte sie an verbündete Staaten und Terrororganisationen. Noch heute laufen die G3-Gewehre im Iran vom Fließband.

Auch Pakistan (1963), die Türkei (1967), Saudi-Arabien (1969), Thailand (1971), Brasilien (1976), Griechenland (1977), Mexiko (1979) und Myanmar (1981) erhielten Lizenzen. Mit der Folge, dass das G3 nach dem russischen AK-47, der Kalaschnikow, das am weitesten verbreitete Gewehr der Welt ist.

Mit dem G3 feuerten türkische Truppen auf kurdische Zivilisten, Hisbollah-Kämpfer auf die israelische Armee und Iraner auf Iraker. Mit dem G3 schießen auch syrische Rebellen, somalische Piraten und afghanische Taliban. Manchmal treffen sie deutsche Soldaten.

In den vergangenen 50 Jahren gab es wenige Kriege auf der Welt, in denen dieses Gewehr nicht im Einsatz war. Militärisch gesprochen, ist auch das G3 ein Schnellfeuergewehr. Ökonomisch gesehen, ist es eines der erfolgreichsten Produkte, die die Bundesrepublik Deutschland hervorgebracht hat.

Es gibt einen Mann, der mit Hunderten von Menschen in Afrika und der Türkei gesprochen hat, die das G3 verwundet, verstümmelt, zu Waisen gemacht hat. Er heißt Jürgen Grässlin, ist 56 Jahre alt und Realschullehrer in Freiburg im Breisgau.

Grässlin unterrichtet Deutsch, Erdkunde und Kunst. Daneben hat er noch einen zweiten Beruf. Grässlin ist Rüstungsgegner.

Seit drei Jahrzehnten arbeitet er daran, die Republik von den Waffen abzubringen. Grässlin verteilt Flugblätter vor der Zentrale von Heckler & Koch und vor so ziemlich jeder anderen Militärfabrik in Deutschland. Er hält Reden auf den Hauptversammlungen von Rüstungskonzernen, bis ihm die Veranstalter das Wort entziehen. Beim Frühstück liest er Waffen- und Söldnermagazine, weil dort oft zuerst steht, welches neue Gewehr, welche Granate in welchem Land im Einsatz ist. Grässlin ist Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft – und damit so etwas wie Deutschlands oberster Pazifist.

Grässlin war es, der wegen des Mexiko-Geschäfts Strafanzeige gegen Heckler & Koch erstattet hat, durch ihn kamen die Dinge ins Rollen. Sollte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einstellen, will er auch gegen die Beamten vorgehen, wegen Strafvereitelung im Amt.

Jetzt sitzt er zwischen Yucca-Palme und Altar im Evangelischen Gemeindezentrum im mecklenburgischen Bad Kleinen, um sein neues Buch vorzustellen. Es heißt Schwarzbuch Waffenhandel und beschreibt auf 624 Seiten die Geschäfte deutscher Rüstungsunternehmen.

Zu Hause in Baden-Württemberg sind gerade Herbstferien. Grässlin ist auf Lesereise. Doch Bad Kleinen ist nicht groß, nur 15 Zuhörer sind gekommen, die meisten haben graue Haare.

Am Anfang seines Buches zeigt Grässlin das Foto eines apathisch blickenden Mannes mit einer Delle im Kopf. Darunter steht: "Mohamed Jama aus Berbera (Nordsomaliland) erhielt bei einem mit G3-Gewehren verübten Massaker einen Kopfschuss. Er wird zeitlebens geistig behindert sein."

Heckler & Koch steht wirtschaftlich unter Druck

Grässlin sagt, das G36 sei die kommende Waffe der Kindersoldaten dieser Welt, weil es so leicht ist.

Als er seinen Vortrag beendet hat, fragt ein Mann, wem dieses Unternehmen eigentlich gehöre, diese Fabrik, die all die Gewehre und Maschinenpistolen produziert.

Grässlin schaut kurz in die Runde, dann fragt er zurück: "Kennen Sie Andreas Heeschen?"

London, Young Street, ein schmales Geschäftshaus aus viel Glas und Marmor. Hier hat Heeschen sein Büro, ein Firmenschild hat er nicht. Andreas Heeschen, 53, ist seit elf Jahren Haupteigentümer der Muttergesellschaft von Heckler & Koch.

Auch Heeschen spricht nicht mit der ZEIT. Auch über ihn ist aber einiges bekannt, anderes erfährt man von Leuten, die ihn kennen.

Heeschen stammt aus Nordhorn in Niedersachsen. Er besuchte das Internat Schloss Neubeuern in Bayern, dem er hin und wieder etwas spendiert. Später wurde er Investmentbanker, verdiente viel Geld, ehe er anfing, Firmen zu kaufen.

Heeschen ist kein Rüstungsunternehmer, kein Waffenliebhaber. Er ist Finanzinvestor. Er handelt mit Unternehmen wie andere Leute mit Flohmarktplunder. Früher gehörte ihm ein Waschmittelunternehmen, dann eine Firma, die Rasenmäher baut. Als im Jahr 2002 das Unternehmen Heckler & Koch günstig zu haben war, griff er zu.

Heeschen geht es nicht um das Produkt, sondern ums Geld. Er kauft ein Unternehmen billig und verkauft es teuer, das ist sein Geschäft. Einen hohen Verkaufspreis aber erzielt er nur, wenn das Unternehmen einen hohen Gewinn einfährt.

Ein ehemaliger Manager von Heckler & Koch sagt gegenüber der ZEIT, seit Heeschen das Unternehmen besitze, würden alle moralischen Grundsätze des Rüstungsgeschäfts der Rendite untergeordnet.

Trotzdem steht Heckler & Koch wirtschaftlich unter Druck. Die Industrienationen müssen sparen. Sie kürzen ihre Verteidigungsetats, kaufen weniger Gewehre. Für Andreas Heeschen bedeutet das: weniger Einnahmen. In einem seiner wenigen Interviews sagte er, die Finanzkrise sei "eine echte Horrorzeit" gewesen. Laut Zeitungsberichten hat er sein Anwesen auf der Karibikinsel Mustique zum Verkauf angeboten – für 9,3 Millionen Pfund, umgerechnet 11,1 Millionen Euro. Angeblich zu einem Zeitpunkt, als Michael und Carole Middleton, die Eltern von Prinzessin Kate, genau ein solches Objekt suchten.

Was Heckler & Koch jetzt braucht, wie jedes Unternehmen, dessen Märkte schwinden, ist eine Innovation, ein neues, nie da gewesenes Produkt. Eine Waffe, die auch jene zum Kaufen bringt, die eigentlich sparen wollen.

Das XM25 könnte so eine Erfindung sein. Als Prototyp existiert es schon, die amerikanische Armee hat es in Afghanistan eingesetzt.

Das XM25 sieht aus wie ein Gewehr, ist aber ein Granatwerfer. Es ist die Antwort auf ein Problem, das so alt ist wie die Erfindung der Schusswaffe: Gewehre können nicht um die Ecke schießen. Das XM25 kann es.

Angenommen, der Feind versteckt sich an einer Straßenecke hinter einem Haus. Mit einem Schnellfeuergewehr wie dem G36 ist er nicht zu treffen. Mit dem neuen Granatwerfer von Heckler & Koch aber visiert der Soldat die Straßenecke an, ein kleiner Computer im Inneren der Waffe errechnet automatisch die Entfernung. Der Soldat drückt ab, eine daumengroße Granate rast auf das Haus zu und explodiert an der Straßenecke, direkt neben dem Feind. Der Mann ist tot.

In jedem seiner Vorträge spricht Jürgen Grässlin das liebste Argument all derer an, die an Waffen nichts Schlimmes finden. Es lautet: Nicht die Waffe ist böse, sondern der Mensch, denn streng genommen ist fast alles eine Waffe, auch eine Gabel kann töten.

Jürgen Grässlin sagt: "Stimmt. Aber Hunderte, Tausende Menschen zu ergabeln ist ziemlich schwierig." Dann hebt er die Arme an, als halte er ein G36 in der Hand. Er sagt: "So ist es viel einfacher." Er schwenkt das imaginäre Gewehr von links nach rechts und macht ein knatterndes Geräusch. Rattattattatta!

Mitarbeit: John F. Jungclaussen, Carlos A. Pérez Ricart