Das Spionieren scheint Frauen zu liegen. In der Filmgeschichte jedenfalls hat es schon immer mehr Agentinnen und Informantinnen gegeben als Bankdirektorinnen oder Chirurginnen. In den letzten Jahren ist es den Frauen dann auch gelungen, höhere Managementposten im Spionagethriller zu erobern – ohne die merkelhafte Mütterlichkeit der "M" aus den Bond-Filmen und weit jenseits von Mata Haris Erotik-Tricks.

Konsequent durchfeminisiert präsentiert sich das Genre in The East und Shadow Dancer, zwei am Rand des Mainstreams angesiedelten angelsächsischen Filmen, die ihr Potenzial im Kino nicht ausgeschöpft haben und jetzt gleichzeitig auf DVD erscheinen. An aufgeräumten Schreibtischen in den Schaltzentralen der Macht, top gepflegt und geföhnt, sitzen hier mit Patricia Clarkson und Gillian Anderson gewiefte Nebendarstellerinnen, die allein mit einer hochgezogenen Augenbraue eine Aura von Kompetenz erzeugen können. An der Front, dort, wo eine Geste, ein Wort, ein Telefonat zur falschen Zeit verhängnisvoll sein kann, kämpfen die talentierten, ungeschminkten Newcomerinnen Brit Marling und Andrea Riseborough ums Überleben.

Die Motive und die Machart der Filme könnten kaum unterschiedlicher sein. Marling ist in Zal Batmanglijs The East ein Profi: Ihre Sarah war schon Agentin beim FBI, jetzt will sie richtig Karriere machen und schleicht sich als Angestellte einer privaten US-Geheimdienstfirma bei einer Gruppe junger Ökoterroristen ein. Riseborough wird in James Marshs Shadow Dancer vom englischen MI5 gezwungen, ihre Familie und die Nachbarschaft im Belfast des Jahres 1993 auszuspionieren; die alleinerziehende Collette hat für die IRA, in die sie hineingewachsen ist, eine Bombe transportiert und ist erwischt worden, jetzt drohen ihr der Knast und der Verlust des kleinen Sohnes.

The East ist flott inszeniert, schön fotografiert, offensiv liberal und setzt viel Vertrauen in seine sympathische Heldin, die irgendwann beginnt, sich mit den politischen Zielen, wenn auch nicht den Methoden des Öko-Widerstands zu identifizieren. Shadow Dancer ist ein anderes Kaliber: langsam und hypnotisch, von herbem Realismus. Beide Filme wissen, was sie an ihre Heldin haben; sie richten intensiv interessierte Blicke auf ihr blasses, schönes Gesicht und erlauben es ihnen, Szenen auch dann zu dominieren, wenn sie nichts zu sagen haben. In Shadow Dancer erfahren wir freilich nie so recht, was die großartige Andrea Riseborough (Collette)denkt und fühlt. Der Zuschauer muss sich ihre Beweggründe aus den Umständen, der sozialen Lage erklären – das macht den Film stärker.

Strukturell ähnlich sind die Probleme, die sich für die Heldinnen aus den fintenreichen Windungen der Thrillerhandlungen ergeben. Wem vertrauen, was glauben, für wen Partei ergreifen? Mimikry üben in erdfarbenen Strickjacken, die in den amerikanischen Wäldern nicht auffallen, oder mit einem feuerwehrroten Mantel ein Zeichen setzen in der tristen, graugrünbeigen irischen Küstenlandschaft? Und natürlich stellt sich auch die Frage: Wohin mit den Gefühlen für die Männer, die da im Spiel sind – der charismatische Politsektenführer (Alexander Skarsgård) in The East, Clive Owen als erschöpfter Verbindungsoffizier in Shadow Dancer.

Früher hätten sich die Spioninnen aus Liebe geopfert; sie hätten sich ein letztes Mal die Lippen nachgezogen, die Strumpfnaht gerichtet und wären für ihren Mann kalt lächelnd vors Erschießungskommando getreten. Heute läuft das anders. Denn die wirklich interessanten Konflikte, die zwischen den Klassen, dem privaten und dem öffentlichen Interesse, der Macht und der Moral, da sind sich der modische Öko- und der "historische" IRA-Thriller einig, werden von den Frauen repräsentiert und ausgetragen: denen hinter den Schreibtischen und denen under cover. Schwer, sich da nicht die Hände schmutzig zu machen.

The East (Fox), Shadow Dancer (Koch Media)