Jetzt, am Ende des zweiten Teils von Peter Jacksons Hobbit-Trilogie, sieht es für den Zauberer Gandalf ziemlich übel aus, und wir können es kaum ertragen, noch ein Jahr warten zu müssen, bis der dritte Teil hoffentlich Entwarnung gibt.

Smaugs Einöde heißt der deutsche Titel, und das ist eine etwas unbeholfene Übersetzung von The Desolation of Smaug, was so viel wie Trostlosigkeit, Einsamkeit bedeutet. Smaug ist ein Drache, der den gewaltigen unterirdischen Palast der Zwerge in seine Gewalt gebracht hat. Dort schläft er zwischen Bergen von goldenen Talern. Wenn Dagobert Duck das hätte sehen müssen! Doch Smaug hat es nicht mir vier dummen Panzerknackern zu tun, sondern mit dreizehn listigen Hobbits, darunter Bilbo Beutlin. Er besitzt den magischen Ring, dessen bösartige Macht hier allerdings erst im Entstehen ist. Natürlich wird Bilbo den Drachen besiegen, aber das werden wir erst an Weihnachten 2014 erleben dürfen. Dass Gandalf (wiederum verkörpert von Ian McKellen) davonkommen wird, können wir schon deshalb leicht erraten, weil er im Herrn der Ringe eine Hauptrolle spielt. Der Hobbit handelt von dem, was davor geschah.

Der englische Schriftsteller und Gelehrte J. R. R. Tolkien erzählte diese Geschichten Anfang der dreißiger Jahre seinen Kindern und machte daraus ein kunterbuntes Abenteuerbuch. Wenn es eine Zitrone wäre, hätte es der neuseeländische Filmregisseur Peter Jackson nicht gründlicher ausquetschen können. Wir halten jetzt auf Seite 275 der ersten Übersetzung von 1957, die Der kleine Hobbit hieß. Für die dritte Folge sind nur noch 74 Seiten übrig. Doch Jackson wird es zweifellos gelingen, daraus abermals einen abendfüllenden Film zu basteln, indem er allerlei Gestalten aus dem Herrn der Ringe herüberholt und neue dazuerfindet. In Smaugs Einöde gibt es eine hübsche Elbenamazone, die unversehens einen Hauch weiblicher Erotik in die finstere Männerwelt bringt. Der schöne Legolas, man glaubt es kaum, scheint verliebt zu sein. Wenn Tolkien das hätte sehen müssen!

Der Film gleicht einem Weihnachtsstollen, in den Jackson alles, was fett und lecker ist, hineingestopft hat. Die Orks rasen grässlicher denn je, die Zweikämpfe sind noch fantastischer geworden, die unterirdischen Paläste noch labyrinthischer. Der Drache reißt im 3D-Effekt derart seinen Rachen auf, dass sich der Zuschauer im Sessel duckt, und wenn Monsterhummeln ihm entgegensummen, reißt er den Arm vor die Augen. Schön die Stadt am See mit ihren Brücken und Kanälen. Hier wohnen Menschen mit treuherzig-niederländischen Gesichtern, als hätte Vermeer sie gemalt. Schön sind viele Ausstattungsdetails, und der Drache ist ein Wunderwerk digitaler Animation. Aber all das ist ohne Maß. Tolkien hat den Stoff erst zwanzig Jahre später zu seiner menschheitskritischen Mythologie entfaltet. Der Hobbit ist ein Episodenroman, bei dem es letztlich nur darum geht, dass die goldgeilen Zwerge ihren Schatz wiederkriegen. Der endzeitliche Kampf zwischen Gut und Böse wird erst im Herrn der Ringe stattfinden. Hier erst erzählt Tolkien die geschichtsphilosophisch überhöhte Heldensage vom Kampf um Mittelerde, an dessen Ende nur das Mittelmaß der Menschen mit ihren gemischten Eigenschaften und Motiven übrig bleibt.

Den Hobbit erzählt Tolkien spielerisch, mit leichter Hand. Peter Jackson jedoch lässt die Muskeln spielen und knirscht dabei mit den Zähnen. Er überfrachtet den Film mit dem Pathos der Bedeutung. Weil die Geschichte das nicht hergibt, donnert er mit Effekten und schüttet die Wundertüte digitaler Technik über uns aus. Die drei Teile sollen fast eine halbe Milliarde Euro gekosten. Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich.