Unsere Leserin Maria Gotthelf aus 10033 Christkönig möchte von uns wissen, ob der Mensch ein Auslaufmodell ist. "Der Mensch repariert nur noch, was er vorher kaputt gemacht hat, und bekommt dafür noch eins auf die Mütze. Mein Mann Joseph und ich schleppen Sandsäcke gegen die Sturmflut, und prompt fällt uns ein Dachziegel auf den Kopf. Wo bleibt da der Sinn des Lebens?" Liebe Frau Gotthelf, wir können Sie beruhigen: Bald gibt es Abhilfe. Forscher entwickeln gerade einen Roboter, der uns Menschen in der widrigen Außenwelt liebevoll vertritt. Das geht so: Der Originalmensch bleibt zu Hause schön kuschelig am Computer sitzen. Währenddessen ist sein Gehirn mit einem Roboter verbunden, der für ihn in der rauen Wirklichkeit die lästigen Geschäfte erledigt: umgestürzte Bäume aus dem Weg räumen, Sandsäcke schleppen, Kinder bespielen und vieles mehr. Ein Menschenvertretungs-Roboter kann so aussehen wie ein Mensch, er muss es aber nicht. Auf Wunsch spricht er ohne Aufpreis absolut menschenähnlich und ohne rumzumeckern. Das Wort "Demokratie" ist serienmäßig aus seinem Wortschatz gestrichen und kann nicht nachgerüstet werden. Auch sonst verhält sich der Menschenvertretungs-Roboter vorbildlich und schreit weder nach einer Lebensleistungsrente noch nach einem Mindestlohn. Im Ernstfall lässt er sich sogar so programmieren, dass er schlagstockartig Demonstrationen auflöst, auf denen Menschen einen Mindestlohn fordern, obwohl diese zur bekannten Gruppe der Minderleister gehören. Wie eben gemeldet wird, haben Theologen dem Menschenvertretungs-Roboter bereits ihren Segen gespendet. Nicht einmal Gott persönlich habe sich seinerzeit auf die Erde gewagt und stattdessen seinen Sohn als Stellvertreter geschickt. "Gott kannte seine Pappenheimer und blieb lieber zu Hause im Himmel", schreibt die weltbekannte Diözese Limburg in goldenen Worten. Leider tritt bei Prototypen des Menschenvertretungs-Roboters noch ein winziges Problem auf: Stolpert ein Hund (oder wahlweise ein Kleinkind) über das Verbindungskabel, kommt es zu optischen Wahrnehmungsstörungen. Der Roboter, der eben noch sanftmütig Muttis Gummibaum gegossen hat, verwandelt sich in ein Monster. Er verwechselt naturbelassene Altmenschen mit Einbrechern und dreht ihnen den Hals um. "Es gab im Labor bereits Schwerverletzte", beichtet ein Forscher, "doch eine Lösung ist schon in Sicht." Liebe Frau Gotthelf, freuen wir uns auf das neue Christkind. Süßer die Glocken nie klingen!

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