Wenn auf dem Tahrir-Platz die Proteste hochkochen, herrscht auf der kleinen, nur wenige hundert Meter entfernten Nil-Insel Zamalek eine friedliche Ruhe. Dort, am Fuße des Kairo-Towers, vor dem Eingangstor des Fußballklubs Al-Ahly steht an diesem Morgen eine Frau. Sie trägt ein Baby auf dem Arm und wartet. Auf Mohamed Aboutreika, den "Prinzen der Herzen", so nennen die Ägypter ihren größten Fußballstar.

Als Aboutreika erscheint, ist er sogleich von Kindern umringt. Der Spieler lächelt, die Frau läuft zu ihm, den Tränen nahe, spricht sie ihn an. Ihr Kind sei krank, sie habe kein Geld. Die Leute aber hätten ihr gesagt: "Geh zu Aboutreika, er hilft dir." Der 35 Jahre alte Mittelfeldspieler ist eine Ikone, ein Volksheld, der sein Geld nicht über Stiftungen verteilt. Aboutreika gilt als einer der größten privaten Wohltäter im Land, auch an diesem Morgen notiert er sich die Telefonnummer der Frau mit dem Baby. Dann steigt er auf ein wartendes Motorrad und düst davon. Im Kairoer Verkehr wäre sein Auto einem anhaltenden Belagerungszustand ausgesetzt.

Aboutreika hat kürzlich beschlossen, seine Karriere zu beenden. Nach der Klub-Weltmeisterschaft, die bis zum 21. Dezember in Marokko stattfindet, soll Schluss sein. Nur noch ein letzter Karrierehöhepunkt ist vorgesehen. Ein Spiel gegen den FC Bayern.

In seinem Büro in den Katakomben des kleinen Trainingsstadions von Al-Ahly möchte Sajed Abdel Hafis, der Direktor der Fußballabteilung, von einem solchen Abschied noch nichts wissen. "Wir haben noch einen Schritt zu gehen", sagt er und meint das Spiel gegen den chinesischen Spitzenklub Guangzhou Evergrande, den asiatischen Champions-League-Sieger. Nein, der frühere Nationalspieler Abdel Hafis spricht lieber über das Erreichte, über das "Wunder". "Wir haben die Champions League zweimal unter nicht normalen Umständen gewonnen", erklärt er. Und aus diesem Satz klingt sein ganzer Stolz auf einen besonderen Verein. So groß die Probleme auch sein mögen, Al-Ahly ist größer. "Der Klub ist ein Held", sagt er.

Knapp zwei Jahre ist es her, dass bei einem Auswärtsspiel Al-Ahlys beim Rivalen Al-Masry in der Hafenstadt Port Said am Suezkanal 74 Menschen starben – eine der größten Tragödien der Fußballgeschichte. Fans wurden von den Al-Masry-Anhängern massakriert, während die Polizei zuschaute. Ein Massenmord als Racheakt an den Al-Ahly-Ultras, einer Fangruppe, die sich bei Kämpfen in der Revolution gegen den früheren ägyptischen Diktator Hosni Mubarak hervorgetan hatte. Der 1. Februar 2012 ist eine Wunde im kollektiven Gedächtnis. Über dem Eingangstor des Klubs hängt ein großes Schild mit den Bildern und Namen aller Toten. Viele von ihnen waren keine zwanzig Jahre alt. Aboutreika hat die Familien der Toten besucht, der "Prinz der Herzen" ist seither auch der "Freund der Märtyrer".

Die Tragödie war der Beginn der "nicht normalen Umstände", von denen Abdel Hafis spricht. Die ägyptische Liga wurde ausgesetzt, Heimspiele in der Champions League fanden nicht in Kairo statt, die Tribünen blieben gesperrt. Trotzdem nahm das Wunder seinen Lauf. Neun Monate später gewann Al-Ahly die afrikanische Champions League. Der Titel, so betonten alle, gehöre den Toten.

Und 2013? "Die Vereine haben große finanzielle Probleme, es fehlen Sponsoren, Prämien. Sie können die Spieler nicht bezahlen", erklärt Abdelrahman Magdi, bis vor Kurzem Mediendirektor der Nationalmannschaft. Eigentlich sei es unmöglich, unter diesen Umständen erfolgreich zu sein. "Sie machen uns so stolz", sagt Magdi. Denn das Team wiederholte das Wunder, als es im November den südafrikanischen Konkurrenten Orlando Pirates schlug – erstmals wieder in Kairo, vor 10.000 Fans und 20.000 Polizisten. Zum achten Mal setzte sich der Klub Afrikas Krone auf. "Die Spieler haben eine große Mentalität, darauf konnten wir zählen", sagt Fußballdirektor Abdel Hafis.

Mönchengladbach war mal da, mit Netzer und mit Vogts

Al-Ahly ist ein Erfolgsgarant, das hat der Verein mit den Bayern gemein. 2000 erhielt er den Titel "Afrikas Klub des Jahrhunderts". Die acht Champions-League-Siege bedeuten Rekord, insgesamt gewann Al-Ahly 95 Titel in fast 110 Jahren Klubgeschichte. Doch dieses eine Spiel gegen den FC Bayern überträfe fast alles. In den Cafés von Kairo schwärmen die Älteren heute noch von den Zeiten, als europäische Topmannschaften in die Stadt kamen, um sich mit Al-Ahly und dem großen Konkurrenten Zamalek SC zu messen. Mönchengladbach sei einmal da gewesen, mit Netzer und Vogts. Und die Jüngeren erinnern sich an das Spiel 2001 gegen Real Madrid, also gegen Figo, Zidane und Raúl. Am Ende gewann Al-Ahly 1:0. Und gegen Bayern spielte man 2012 in einem Freundschaftsspiel in Katar, das die Deutschen knapp 2:1 gewannen.

"Gegen Bayern zu spielen wäre ein besonderes Erlebnis, für die Spieler und den Klub. So einem großen Team zu begegnen, das gibt es nur wenige Male in einer Karriere", meint Kapitän Wael Gomaa. Der 38 Jahre alte Innenverteidiger, ein kahlköpfiger Brecher, wurde von Al-Ahly Verantwortlichen ausgesucht, um der internationalen Presse Interviews zu geben. Er ist ein loyaler Kämpfer, seit zwölf Jahren im Verein. Aboutreika dagegen steht für Gespräche nicht zur Verfügung. Der Klub will es nicht. Aus politischen Gründen, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Denn Politik und Fußball sind seit der Katastrophe von Port Said nur noch schwer voneinander zu trennen.

Darauf jedoch basiere Al-Ahlys Erfolg, erklärt Abdelrahman Magdi: "Sie versuchen möglichst neutral zu sein. Es heißt: Misch dich nicht ein, weder auf dem Feld noch außerhalb." Deshalb wurde der Finaltorschütze gegen die Orlando Pirates, Ahmed Abdel Zaher, suspendiert. Er hatte sein Tor mit dem Zeichen der "Rabaa"-Bewegung der Muslimbruderschaft bejubelt. Und deshalb darf Aboutreika, der ebenso den Muslimbrüdern nahesteht, keine Interviews geben. Erst kürzlich verärgerte er die Militärregierung, als er sich weigerte, aus ihren Händen die Champions-League-Medaille entgegenzunehmen.

Rechtsverteidiger Ahmed Fathi bekäme es mit Franck Ribéry zu tun

Al-Ahly ist ein streng geführter Verein. "Der Klub ist eine Gemeinschaft. Es geht immer um Al-Ahly. Das ist das Wichtigste. Das haben wir hier gelernt und das geben wir an die nächste Generation weiter", erklärt Fußballdirektor Abdel Hafis, der wie auch Vereinspräsident Hassan Hamdi selbst als Spieler das rote Trikot getragen hatte. Die Parallelen zu Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß sind nicht zu übersehen. "Wir haben starke Verbindungen zu den Bayern", sagt denn auch der Präsident. "Sie sind einer der besten Klubs in der Geschichte des Weltfußballs. Vor einigen Jahren haben wir sie in München besucht, haben uns die Organisation des Vereins angeschaut, Training, Marketing, Pressearbeit. Wir haben einiges davon später bei uns eingeführt." Sogar eine gemeinsame Jugendakademie sei in Planung gewesen – dann stoppten die politischen Probleme in Ägypten das Vorhaben.

Nun könnte es zum Wiedersehen in Marokko kommen. Und auf die Bayern wartet eine Mannschaft mit einem Stamm von erfahrenen Spielern. Zum Beispiel Kapitän Wael Gomaa oder Rechtsverteidiger Ahmed Fathi, der schon in der englischen Premier League gespielt hat, jetzt bekäme er es mit Franck Ribéry zu tun. Und es sind Talente dabei, der defensive Mittelfeldspieler Rami Rabia etwa, gerade 20 Jahre alt, groß, technisch versiert und mit einer beeindruckenden Spielübersicht. Rabia steht auf den Wunschzetteln europäischer Spitzenklubs.

Ob er aber so bald wechseln darf, ist fraglich. "Al-Ahly lässt sie nicht gehen, um ihnen eine große Chance zu ermöglichen. Al-Ahly kommt immer zuerst. Der Erfolg gibt ihnen zwar recht, aber sie bringen die Spieler um ihre Karriere. Wenn du ihnen als 18-Jährige Fünf-Jahres-Verträge gibst, sind sie später zu alt für den Sprung nach Europa", kritisiert Abdelrahman Magdi. Fußballdirektor Abdel Hafis widerspricht: "Wir haben kein Problem, im Gegenteil, wir unterstützen sie", sagt er, "aber es müssen Angebote kommen, die Spieler und Verein zufriedenstellen."

Und dann gibt es ja noch Aboutreika. Der Spielmacher ist immer noch fit und torgefährlich. Er führte die ägyptische Nationalmannschaft zu drei Afrika-Cup-Triumphen, Al-Ahly unter anderem zum dritten Platz bei der Klub-WM 2006. "Aboutreikas Abschied wird Al-Ahly hart treffen, ja sogar ganz Ägypten", sagt Wael Gomaa. "Ich hoffe, wir können ihn noch überzeugen, weiterzumachen". Wenn nicht, dann könnte das Match gegen die Bayern das Abschiedsspiel für Aboutreika werden. Und das Motorrad könnte er dann bald wieder gegen ein Auto tauschen.