Als die Rente mit 67 eingeführt wurde, tobte das Land. Die Gewerkschaften liefen Sturm, bei der folgenden Bundestagswahl stürzte die SPD ab. So sah sie aus, die Rache der Alten. Nun will die künftige Regierung wieder an die Rente, aber andersherum, diesmal soll es mehr geben: Die SPD will die Rente mit 67 für viele wieder abschaffen und langjährig Versicherte schon mit 63 abschlagsfrei in den Ruhestand schicken. Die Union verspricht Müttern, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, 6,5 Milliarden Euro mehr – im Jahr. Der Koalitionsvertrag ist eine Verheißung für die Alten und, ja, eine kleine Verschwörung gegen die Jungen.

Und was passiert? Ein paar halbjunge CDU-Politiker verfassen, vor Mut zitternd, ein Papierchen. Darin finden sich zwei Seiten Lob und Hudel für Angela Merkel, dann die Feststellung, die CDU sei "gut und breit aufgestellt", schließlich der Aufstand in den Grenzen der Bravheit: "Die Sorge, dass das vereinbarte Rentenpaket (...) die Erfolge der Rentenpolitik (...) gefährden könnte, bleibt." Das also ist die Revolte der Jugend, ein Papierflieger auf dem Weg ins Kanzleramt. Verglichen mit der Wut, die die Rente mit 67 entfachte – ein Witz.

Die Jungen sollen noch mehr zahlen – und später noch weniger bekommen

Man könnte jetzt auch noch auf Schulden, Umwelt, Demografie zu sprechen kommen. Die Jungen erben Schulden in Billionenhöhe, die ihnen die reichsten Eltern aller Zeiten hinterlassen. Man könnte das Klima thematisieren, auf dessen Kosten sich Vorgenerationen den Wohlstand gesichert haben und weiter sichern. Doch die Rente soll jetzt mal genügen, an ihr allein wird schon deutlich, in welchem Maße die Politik das Wohl der Alten im Auge hat.

Nun kann man sagen, das sei in einer alternden Gesellschaft ganz natürlich. Die Demokratie passt sich der Demografie an. Sie nützt jenen am meisten, von denen es die meisten gibt. Und die Alten sind bald in der Mehrheit. Deutschland ist schon ein Land der Grauhaarigen: 20 Millionen Rentner, jeder dritte Wähler älter als 60. Doch die Herrschaft der Alten über die Jungen wäre die Herrschaft der Pensionäre über die, die malochen. Eine Rentnerdemokratie wäre das Ende der Solidargemeinschaft.

Der Generationenvertrag gründet darauf, dass die jüngere Generation für die ältere sorgt. Wer heute arbeitet, zahlt für den, der bereits Rentner ist. Das hat lange gut funktioniert. Wer aber heute eine Arbeit aufnimmt, weiß, dass er von der gesetzlichen Rente im Alter nicht viel erwarten kann. Die Jungen haben akzeptiert, dass sie selbst vorsorgen müssen. Sie sparen privat fürs Alter, gleichzeitig finanzieren sie die heutigen Rentner – und sollen jetzt noch mehr zahlen, obwohl sie später noch weniger bekommen? So geht’s nicht.

Das Ziel vergangener Reformen war es gerade, das Rentensystem für eine alternde Gesellschaft stabil zu machen. Das Rentenniveau wurde abgesenkt, die private Vorsorge erfunden, die Rente mit 67 eingeführt. Die Reformen sollten die Beiträge bezahlbar halten und verhindern, dass das System kollabiert, in dem immer weniger Beitragszahler immer mehr Rentner versorgen müssen. Wer lange lebt, muss länger arbeiten: Das hatte man in Deutschland endlich begriffen. Doch Union und SPD wollen davon heute nichts mehr wissen. Mit ihren Plänen sorgen sie dafür, dass die Reserven der Rentenkasse in wenigen Jahren aufgebraucht sein werden. Statt dass die Beiträge heute sinken, werden sie dann wohl steigen.

Die Koalition will die Rente gerechter machen und macht sie ungerechter. Die Mütterrente soll eine Gerechtigkeitslücke schließen, indem sie Mütter von älteren Kindern jenen mit jüngeren Kindern schrittweise gleichstellt. Normalerweise gilt jede Sozialleistung ab einem bestimmten Stichtag, ohne dass alle, die davor leer ausgegangen sind, nachträglich entschädigt würden. Das Betreuungsgeld etwa wird auch nicht rückwirkend an Eltern gezahlt, die ihre Kinder bisher zu Hause betreut haben. So viel Gerechtigkeit gibt es eben nur – für Rentner.

Das eigentliche Problem bei der Rente ist die Altersarmut, die Millionen von Rentnern in Zukunft droht. Doch dagegen hilft die Mütterrente nicht, weil von ihr vor allem Frauen profitieren würden, die auf die 28 Euro mehr im Monat gar nicht angewiesen sind. Die Bekämpfung der Altersarmut darf auch nicht nur denjenigen aufgebürdet werden, die heute in die Rentenkasse einzahlen. Sie ist eine Aufgabe der ganzen Gesellschaft, zu der alle Steuerzahler, also auch Beamte und Selbstständige, beitragen müssen. Schließlich ist die Rente keine fürsorgliche Leistung des Staates, sondern ein von den Beitragszahlern erarbeitetes Einkommen.

Sind die Rentner egoistisch? Denken sie nicht an ihre Kinder und Enkel?

Der Generationenvertrag ist richtig, aber er gilt auch umgekehrt: Nicht nur die Jungen sorgen für die Alten, auch die Alten vermeiden es, die Jungen über die Maßen zu strapazieren.

Erscheint dieser Gedanke den Rentnerinnen und Rentnern nicht plausibel? Sind sie wirklich so egoistisch? Kann die Politik also gar nicht anders, als dem demografischen Druck demokratisch nachzugeben? Keineswegs, die Alten haben schließlich Kinder und Enkelkinder, sie können auch nach anderen Kriterien wählen als nach ihren eigenen materiellen Interessen. Doch dafür muss die Politik die andere, die der Jugend zugewandte Seite der Alten ansprechen. Das muss man der neuen Großen Koalition wirklich vorwerfen: Sie zieht sich mit ihren Rentengeschenken den egoistischen Rentner erst heran, vor dessen Wählermacht sie anschließend zurückweichen muss.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio