Es gibt Figuren, die nirgendwoher zu kommen scheinen. Plötzlich sind sie einfach da, gekommen, um die kulturelle Landschaft, nun ja, zu bereichern, und wenn sie dies nur lange und hartnäckig genug tun, werden sie Kult, ohne dass je klar wird, wieso eigentlich.

Warum Heino?, fragt Arte zum 75. Geburtstag des erfolgreichsten Schlager- und Volksmusiksängers Deutschlands und sendet aus diesem Anlass ein im besten Sinne merkwürdiges Stück Fernsehen. Heino – Made in Germany (14. Dezember, 21.35 Uhr) ist das Dokument einer Verwunderung. Darüber, dass die Lösung tatsächlich verstörend einfach zu sein scheint: Heino ist Deutscher. Das ist sein ganzes Geheimnis.

"Wie so ’n Verkehrsschild, jedes Kind kann sich dieses Ding merken", versucht Norbert Hähnel, ein selbst weißblond geschopfter Heino-Experte im grellen Hawaiihemd, eine Erklärung. Statt der Stimme aus dem Off lassen die Filmemacher Oliver Schwabe und Jörg Daiber Akteure wie ihn das Phänomen durchdringen. Wegbegleiter, Fans, Verabscheuer, alle kommen zu Wort. "Deutsch psycho", urteilt Entertainer Rocko Schamoni, der schmerzverzerrt den Plattenspieler abschalten muss, weil er Karneval in Rio einfach nicht erträgt. "Ich hab mich ja nie beirren lassen", freut Heino selbst sich, der auch nicht recht versteht, wie die simple Kombination Blond, Brille, Bariton zu einer derartigen Obsession der Deutschen werden konnte.

Mit wunderbarem Archivmaterial folgt Arte dem Mythos bis zu den Wurzeln: Was Anfang der Sechziger als ästhetisches Maskottchen der frühen Bundesrepublik begann, wurde schnell grundsätzlich. Terror, Chiffre, Urgestein – je nachdem, wen man fragt, war Heino über all die Jahre jedenfalls eines nie: egal. Andächtig sitzt Guildo Horn vor dem Tonband, "Ich hab Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren", singt es, "blau, blau, blau blüht der Enzian", dazu sieht man die Massen toben, im Olympiastadion in München ebenso wie in Hofbräuhäusern in Los Angeles.

"What? is? this?!", ruft dort Jello Biafra, einstiger Leadsänger der US-Punkband Dead Kennedys, sich an sein Erweckungserlebnis mit Heino, das Muttertagsalbum von 1971, erinnernd, das ein bizarres Foto des jungen Sängers mit Rosenstrauß schmückt. Ein morbider Held der Subkultur, das war und ist Heino allerdings nicht allein in den USA. Nur ganz kurz, in den allerersten Aufnahmen, hat Heino etwas, das man durchschnittlich nennen könnte. 1959, als er noch Heinz Georg Kramm hieß und als Bäckerlehrling arbeitete. Zart, androgyn, ein blasser, schüchterner Junge aus Düsseldorf, so sah Heino vor seinem Erfolg aus, ein schmächtiger Körper, aus dem eigentümlich asynchron die tiefe Altherrenstimme erklang. "Pump dich auf wie ein Maikäfer!", ruft Entdecker und Produzent Ralf Bendix im Studio – der Beginn der Mutation. Was folgt, sind die Brille, die Schlaghosen, die Schäferhunde, das Equipment eines roboterartig steif anmutenden, plötzlich wie artifiziell gefertigt wirkenden Wesens, als das Heino bekannt werden soll.

Und doch steht gerade die übertriebene Skurrilität seiner Physis nicht für reinen Personenkult. Wie eine nahezu leere Hülle erscheint Heino in diesem Film oft, eine unbeirrbar umherwandelnde Projektionsfläche, die zielsicher Signaltöne ("Halli, hallo", "Ruckizucki", "Karambo Karacho") ausstößt – ein singender Avatar des Deutschen, der sich extremer Reaktionen gewiss sein kann.

Heino, das zeigt dieser filmische Streifzug, ist vor allem ein funktionaler Star. Eine Karte, die gespielt, eine Provokation, die gesetzt wird. Einer leicht gruseligen Puppe gleich wird er immer wieder aus dem Schrank geholt, es ist, als zwinge gerade die Grobheit seines urdeutschen Schlüsselreizes – blond – das Land immer wieder dazu, seine Identität in dieser Figur zu suchen, sich seiner selbst zu versichern, sich aufs Tiefste zu verabscheuen und sich stetig neu zu überschreiben.

Er sei der "Sänger der schweigenden Mehrheit", sagt Heino darüber im Interview, im Alter wirkt er besonnen. Die Mundpartie erinnert an Robert Redford, seine Selbstsicherheit an Dieter Bohlen, neben seiner dritten Frau Hannelore ähnelt der Sänger dem Fernsehmillionär Robert Geiss. Die Rollen jedenfalls, die man ihm zuteilte, scheinen Heino bis heute alle recht zu sein. Die des Unbekümmerten, der mit Titeln wie Kein schöner Land in der Nachkriegszeit im wahrsten Sinne schambefreit daherkam. "Die Lieder können doch nichts dafür" – wie kein anderer bediente er mit solchen Statements die Sehnsucht nach historischer Kontextlosigkeit. Bei Heino gab es kein angestautes Verdrängen, munter durfte weitergeschunkelt werden, als sei nichts gewesen.

"Das Vergangene steht semmelblond vor uns und singt die alten Lieder", wurde gegen ihn in der DDR-Fernsehsendung Der schwarze Kanal gewettert, im Osten blieb Heino verboten und wurde gerade deshalb zum heimlichen Held des Undergrounds. Überhaupt, die Subversion: Auch die westdeutsche Punkbewegung, so zeigt die Arte-Dokumentation, machte Heino zum düsteren Star. Als maximaler Feind gefeiert, waren seine Lieder als ironische Zitate stets willkommen; einmal zu oft gespielt, kippte die Stimmung bei Konzerten allerdings schnell in Zertrümmerungsorgien.

Und so gibt es ihn am Ende gar nicht, den einen Heino, der nun sein Jubiläum feiert. Heino, das wird höchst unterhaltsam vorgeführt, ist am wenigsten realer Mensch, sondern vielmehr ein historisches Sammelbecken, ein personifizierter Knotenpunkt der Geschichte, durch den sämtliche Dekaden der Bundesrepublik bis heute dialektisch wirken. Erst im letzten Jahr ließen massenhafte Downloads junger Hörer sein Cover-Album Mit freundlichen Grüßen zu einem Nummer-eins-Erfolg werden, ein Kult des Campstyles, der ambivalenten neuen Liebe zum Schlager. Heino als These, die ihren Gegenpol immer gleich mit bedient: Traum und Albtraum. Made in Germany.