Als Kevin Systrom 20 Jahre alt war, studierte er Kunstgeschichte in Florenz. Er wollte Restaurator werden und hatte sich eine Dauerkarte für sein Lieblingsmuseum gekauft, die Uffizien, um es jederzeit besuchen zu können. Stundenlang betrachtete er Bilder wie das berühmte Gemälde Primavera des Renaissancemalers Sandro Botticelli. Und er besuchte Fotografiekurse an der Universität. "Ich habe dort vor allem mit Schwarz-Weiß-Filmen gearbeitet, die man in der Dunkelkammer mit Chemikalien bearbeiten muss, wenn man sie einfärben will", sagt Systrom. Und eines Tages fragte er sich: Wie wäre es, wenn man das digital machen würde? So ist er also auf eine Idee gekommen, die die Art, wie wir die Welt betrachten, verändert hat.

Neun Jahre später. Ein Donnerstagvormittag im Herbst 2013, im ehemaligen Postbahnhof am Gleisdreieck in Berlin. Hier soll am Abend die abc eröffnet werden, eine Messe für Gegenwartskunst. Unter den wenigen Besuchern, die schon einige Stunden vor der Eröffnung in die Hallen dürfen, ist auch Kevin Systrom, 29 Jahre alt, aufgewachsen in der Nähe von Boston, Gründer und Chef der Firma Instagram. Er will sich umsehen, vielleicht etwas kaufen, mit Galeristen reden.

Gestern war er in London, am nächsten Tag geht es weiter nach München. Er ist in Europa unterwegs, um über seine Erfindung zu reden, auf die er in der Dunkelkammer in Florenz gekommen ist: Instagram, ein Fotoprogramm für Smartphones, das von 150 Millionen Menschen weltweit täglich genutzt wird. Mit Instagram dokumentieren sie ihr Leben und teilen ihre Bilder mit Freunden. Mit der Instagram-App können Fotos auch unterwegs mühelos bearbeitet und eingefärbt werden, beispielsweise mit nostalgisch anmutenden Sepiatönen.

150 Millionen Menschen. Dabei ist Instagram erst drei Jahre alt. Facebook-Chef Mark Zuckerberg war im vergangenen Jahr bereit, eine Milliarde Dollar zu zahlen, als er Instagram gekauft hat. Es war eine der spektakulärsten Nachrichten in der internationalen Start-up-Szene, die spektakuläre Nachrichten gewohnt ist. (Am Ende wurden etwas mehr als 700 Millionen Dollar gezahlt, da ein Teil der Summe aus Facebook-Aktien bestand, deren Wert zwischenzeitlich gesunken war.)

Seitdem ist Kevin Systrom ein sehr reicher Mann, ihm gehören mehrere Hundert Millionen Dollar. Und er weiß, dass alle Welt weiß, wie reich er ist. Als er beim Betreten der Messehalle in Berlin mehrere auf den Boden gedruckte 500-Euro-Scheine entdeckt, ein Kunstwerk, bleibt er stehen und sagt: "Es wäre wohl nicht so gut, wenn ich einfach darüberlaufen würde." Also macht er, bevor er seinen Rundgang zu den Kunstwerken beginnt, einen Bogen um die Scheine.

Geld mache nicht glücklich, heißt es, aber es beruhige ungemein. Stimmt das? "Ja", sagt Systrom. "Ab einer bestimmten Einkommenshöhe machst du dir keine Gedanken mehr, ob du deine Rechnungen bezahlen kannst. Das macht zwar nicht unbedingt glücklich, aber beruhigend ist es schon."

Kevin Systrom, 1,95 Meter groß, schwarze Haare, dunkelgrünes Sakko, hellblaues Hemd, dunkelblaue Jeans und braune Lederschuhe, ist nicht allein zur Kunstmesse gekommen. Eine kleine Gruppe von Mitarbeitern folgt ihm, mit etwas Abstand, bei seinem Rundgang. Mit dabei ist auch der Fotograf vom ZEITmagazin. "Ist das eine Digitalkamera?", fragt Systrom ihn. – "Nein, Film." – "Oh, wie schön. Welchen verwenden Sie?" – "Kodak Portra 160." – "Fantastisch, alte Schule. Ich mag das."

Alte Schule. Ausgerechnet ein begeisterter Hobbyfotograf, der das Analoge liebt, ist auf die Idee für eine der erfolgreichsten Erfindungen des digitalen Zeitalters gekommen. "Wir haben zwei Dinge kombiniert: die große Lust vieler Menschen am Fotografieren und die besondere Begeisterung für analoge Fotografie", sagt Kevin Systrom. "Dieses nostalgische Gefühl hat einen großen Anteil am Erfolg von Instagram." Hat er keine Angst davor, dass die nachwachsende Generation diese Nostalgie schon nicht mehr kennen wird? "Natürlich wächst die heutige Jugend komplett digital auf", sagt er, "aber die Sehnsucht nach den Gefühlen von früher wird nicht verschwinden." Auf diese Sehnsucht setzt Instagram auch mit dem Design seines Logos: Es ist angelehnt an das Logo der klassischen Sofortbildmarke, Polaroid.

Firmen wie Kodak und Polaroid, die einst die Welt der Fotografie beherrschten, waren nicht in der Lage, sich digital neu zu erfinden. Warum eigentlich nicht? Ein ehemaliger Polaroid-Manager hat der New York Times vor einer Weile eine Antwort darauf gegeben. Hätte jemand bei Polaroid eine kostenlose iPhone-Foto-App vorgestellt, wäre sie wohl nie auf den Markt gebracht worden – denn die Polaroid-Manager hätten eingewandt: Wie sollen wir denn damit Geld verdienen?

Kevin Systrom hat früh erkannt, dass es um etwas anderes geht als um Filmmaterial, das man verkaufen muss. "Der Wert von Instagram besteht aus der Community, die sich gebildet hat", sagt er, also aus den 150 Millionen Nutzern. Eines Tages soll Instagram durch Werbung für diese Zielgruppe Geld verdienen, nach dem Vorbild von Facebook. Erste Versuche finden gerade statt, die Reaktionen der Nutzer sind gemischt.