Was wäre eigentlich in Deutschland los, wenn die Bundesregierung 880 Milliarden Euro an Schulden von Banken auf sich geladen hätte und jetzt die Sozialleistungen kürzen würde, um alles zurückzuzahlen? Diesen Betrag müssten, hochgerechnet auf ihre Bevölkerungszahl, die Deutschen aufbringen, wenn sie Iren wären.

Am Wochenende läuft das Euro-Rettungsprogramm für mein Heimatland aus, die Zeitungen sprechen fröhlich vom E(xit)-Day. Irland, heißt es, kann finanziell wieder auf eigenen Füßen stehen. Angela Merkel freut sich mit, denn der Erfolg der Insel scheint auch ein Erfolg ihrer Euro-Politik zu sein. Fast alle Vorgaben der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) wurden erfüllt, die Wettbewerbsfähigkeit ist wiederhergestellt. Vergangene Woche hat das Forbes Magazine Irland als "Das beste Land der Welt für Business" ausgezeichnet.

Der Preis für die Iren ist allerdings schwindelerregend hoch, er beträgt 64 Milliarden Euro vergemeinschafteter Bankenschulden. Kann Deutschland es sich wirklich leisten, weiterhin einfach nur die Daumen zu drücken und zu hoffen, dass diese Last die Iren am Ende nicht doch noch erdrückt?

Irlands Boom vor der Krise wurde getrieben von einer dynamischen, jungen, optimistischen Bevölkerung. Finanziert aber war der Celtic Tiger auf Pump, und zwar vor allem aus dem Ausland. Kurz nachdem ich das Land verlassen hatte, war so viel billiges Geld im Umlauf, dass man sich mittags nach dem Pausen-Sandwich mal eben und genauso einfach ein Darlehen holen konnte. Immobilienkauf und -verkauf wurden zum Volkssport. Alles lief wie geschmiert, bis im September 2008 die amerikanische Bank Lehman Brothers zusammenbrach.

In einer panischen Reaktion entschied die damalige Regierung, eine Staatsgarantie auf sämtliche Einlagen bei irischen Banken zu gewähren – auch auf die von ausländischen Investoren. Im November 2008 musste das überforderte Irland deshalb die Hilfskredite der EU und des IWF akzeptieren. Die irische Volkswirtschaft entpuppte sich als Schneeballsystem und Immobilienblase zugleich, gesteuert von Maklern, angeheizt aber auch von ausländischen Banken, darunter vielen deutschen.

Die große Mehrheit der Iren wusste sehr wohl, dass die Verantwortung für den Crash im eigenen Land lag. Sie waren bald erschöpft und resigniert. Was für einen Sinn hätte ein flammender Protest gehabt, der Irlands Ruf im Ausland nur noch weiter ramponieren würde? Das Leben ging weiter. Doch die Immobilienbranche ist nach wie vor fragil, Geschäftsleute kommen nur mühsam an Kredite. Die Auswanderung, das alte irische Trauma, gehört wieder zum Alltag, ein Grund, weshalb die Arbeitslosigkeit sinkt. Mit über 13 Prozent bleibt sie dennoch viel zu hoch. Tausende von Iren werden außerdem in den kommenden Jahrzehnten ihres Lebens Kredite für Häuser abbezahlen müssen, die nie gebaut werden. Sie tun das, damit die Gläubigerbanken, auch die deutschen, mit möglichst wenig Verlust davonkommen.

Die Bundesregierung sollte ein politisches Vermächtnis der Krise nicht unterschätzen: Irland ist hellhörig geworden gegenüber Deutschland. Seit 2008 haben the Germans eine Hauptrolle in der irischen Krisenerzählung gespielt. Eine laute Minderheit von Politikern, Journalisten und Ökonomen sieht Berlin als Hauptverantwortlichen für eine einseitige "Austeritätspolitik". Die Folge: eine oft populistische Debatte, in der the Germans the Brits in manchen Kreisen als Projektionsfläche für Frust ersetzt haben.

Für die Iren in Deutschland war es eine große Erleichterung, von der Boulevardpresse nicht wie die Griechen verteufelt zu werden. Trotzdem war es etwas unheimlich, mitanzusehen, wie schnell das komplexe Geschehen vereinfacht wurde: Die Iren haben sich übernommen, tun jetzt Buße, werden als Schuldensünder am Ende rehabilitiert. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sämtliche namhaften deutschen Privat- und Landesbanken ausführlich Gebrauch vom Wildwest-Finanzplatz Irland gemacht haben – oft mit politischem Segen.

Die teure Rechnung aber tragen die Iren allein. Das ist nicht gerecht. Es mag verlockend und einfach sein, uns Iren als demütige Zauberlehrlinge zu sehen, auch und gerade für Angela Merkel. Aber bestünde eine aufrechte Lösung nicht darin, wir würden das Lehrgeld in Höhe von 64 Milliarden Euro gemeinsam abtragen?