Setzen wir mal ganz oben an: "Und Gott schied das Licht von der Finsternis, und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht ..." Um jetzt die Sache ein wenig herunterzubrechen: Vera Lutter ist nicht der liebe Gott. Tatsache ist aber, dass die gebürtige Deutsche, Jahrgang 1960, eine Idee hatte, wie Licht und Dunkel neu zu sortieren seien. Zum Beispiel mit dieser Arbeit Fulton Ferry Landing – Brooklyn, New York. Keineswegs ein Negativ, wie man es noch aus der Analogfotografie kennt. Dafür ist das Blatt mit 43,5 mal 55,5 Zentimetern zu groß. Außerdem sieht es zwar hyperrealistisch aus, zeigt den New Yorker Fähranleger unter der weltberühmten Brücke aber seitenverkehrt. Hier war keine übliche Kamera am Werk, und mit Digitalfotografie hat das Blatt auch nichts zu tun.

Vera Lutter, seit Langem in New York lebend, hat sich immer wieder einer alten Technik bedient, die bereits Aristoteles beschrieben hat: der Camera obscura. In Zeiten der Digitalfotografie ist das Steinzeit pur. Vera Lutter baut begehbare Gehäuse, mitunter sitzt sie selbst darin. Durch ein winziges Loch fällt Licht in diesen abgedunkelten Raum und projiziert ein auf dem Kopf stehendes, seitenverkehrtes Abbild der Außenwelt. Manchmal dauert es Tage, ja Wochen, bis das lichtsensible Trägerpapier so beschienen worden ist, dass die Camera-Frau zufrieden ist. Eine genaue Dauer dieses komplexen Prozesses gibt die Künstlerin nicht an, mitunter wird allerdings ein Datum genannt, im Fall der Brooklyn-Fähre war es der 16. Juli 1996. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Magie und Präzision – und eine melancholische Reflexion über Ort und Zeit, die hier eine skurrile Verbindung eingegangen sind. Solch eine Camera obscura hat Lutter schon an etlichen Orten aufgebaut, zum Beispiel in Venedig (sieht auf ihren Drucken aus wie Spitzenstoff), vor ägyptischen Pyramiden und in einem Hangar auf dem Frankfurter Flughafen, wo ein Jumbo zu einer Art Haifisch mutiert. Zu der magischen Atmosphäre trägt bei, dass ihre Szenerien menschenleer sind, ja wie unbewohnt aussehen. Vertraute Umrisse und Formen gewinnen etwas traumhaft Fremdartiges. Aufwachen, diesmal: Das Traumstück ist bereits perdu, denn soeben wanderte es im Frankfurter Auktionshaus Arnold für 1600 Euro in andere Hände.