Nicht einmal in Einzelfällen gelang es Grünwinklern, ihr Stigma abzustreifen, selbst wenn sie vor dem Nationalsozialismus KPÖ- oder SPÖ-Mitglieder gewesen waren oder wenn sie wegen Delikten verhaftet worden waren, die im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus standen. Einer von ihnen war der Wiener Georg Binder. Der 49-jährige Schlosser wurde im März 1939 verhaftet, weil er einen Funktionär der NSDAP geohrfeigt hatte. Er überlebte Mauthausen mit dem grünen Winkel der Kriminellen und schrieb noch im Juni 1945 seinen Lebenslauf, um als politisch Verfolgter anerkannt zu werden. Er habe die Dogge Lord vergiftet – den berüchtigten Hund des Schutzhaftlagerführers Georg Bachmayer – und sich als Kapo der Waffenmeisterei im April 1945 heimlich mit den spanischen Häftlingen bewaffnet, um die SS zu überwältigen. Binder nannte dem Bund der politisch Verfolgten 30 Zeugen: Österreicher, Tschechen und Spanier, Politische und Kriminelle, die all dies bezeugen könnten. Doch den Opferverband interessierte das nicht. Ein auf den 7. Dezember 1946 datierter "Bericht" schließt: "Gemäß der bisherigen Gepflogenheit des Ehrenrates, kriminelle KZler als Mitglieder des KZ-Verbandes nicht anzuerkennen, habe ich auf die Einvernahme der Zeugen verzichtet und empfehle, Georg Binder, geb. 17.10.1890, als Mitglied für den KZ-Verband als untragbar zu erklären." Binders Makel: Er hatte zwischen 1914 und 1935 fünf Haftstrafen wegen Diebstahls abgesessen. Das wog für den KZ-Verband schwerer, als die Beteiligung am bewaffneten Widerstand im KZ.

Die geschilderten Schicksale sind keine typischen Fälle. Sie sind aber auch keine Einzelfälle. In den Kriminellen der Konzentrationslager die letzte vergessene Opfergruppe auszumachen, greift ebenso zu kurz, wie sie pauschal als verlängerten Arm der SS zu verdächtigen. Sie sind vielmehr die personifizierte Ambivalenz der Konzentrationslager, die wahrscheinlich widersprüchlichste aller Gruppen, in der man von der Kollaboration bis zum Widerstand, von Egoismus und Mord bis zur Solidarität alle Verhaltensweisen vertreten findet. Sie steht wie kaum eine andere Gruppe für das, was der Schriftsteller Primo Levi, der Auschwitz überlebt hatte, als die "Grauzone" der Lager bezeichnete – einen Bereich mit unscharfen Konturen und fließenden Übergängen.

Wissenschaft und Gesellschaft haben sich mit der Gruppe der kriminellen KZ-Häftlinge kaum beschäftigt – mit ihrer Zusammensetzung, ihrer Herkunft, ihrem Weiterleben. Der gesellschaftliche Umgang mit ihnen – vor, während und auch nach dem Nationalsozialismus – blieb beschränkt, wenn nicht sogar ein Tabu. Tausende und Abertausende dieser Kriminellen blieben, abgestempelt und ausgegrenzt, weiterhin in der Grauzone der Nachkriegsgesellschaft. Was passierte mit den 7.000 überlebenden Kriminellen von Mauthausen nach dem 5. Mai 1945? Wohin gingen sie, wie lebten sie, wie verarbeiteten sie ihre Haft? Sie sprachen nicht über ihre Zeit im Lager – weder in Schulen noch mit ihren Kindern –, konnten sich ihre Haft nicht auf ihre Pensionszeiten anrechnen lassen, fanden sich in keiner Erzählung wieder. Sie lebten vielmehr mit den NS-Stigmata der Asozialen und Kriminellen weiter.

So auch Marie Nenning aus Amstetten, die Mitte 1944 ins Visier der Polizei geraten war. Damals hatte sie einen Wachtmeister tätlich angegriffen. "Die Nenning wurde sogleich renitent", schrieb der Polizist an das Landesgericht in der Kreishauptstadt St. Pölten, "und schlug mit den Händen gegen den Kopf des Pol. Beamten und versuchte ihn zu kratzen, was aber durch Mithilfe des Funk abgewehrt werden konnte." Nenning wurde im April 1945 ins Konzentrationslager Mauthausen eingewiesen – mitten ins Chaos der letzten Wochen, in denen Tausende ermordet wurden, an den Folgen der Haft, der systematischen Aushungerung und der miserablen Unterbringung im überfüllten Konzentrationslager starben. Noch am Tag der Befreiung des KZs Mauthausen brach die Frau auf, zu Fuß in ihren Heimatort Amstetten. Auf dem Weg holte sie ihren Sohn ab, der ihre unzähligen Wutausbrüche ebenso wie ihre plötzliche Verhaftung miterlebt hatte und daher bei Pflegeeltern untergebracht worden war. Marie Nenning, geborene Fritzl, hatte 1935 Josef auf die Welt gebracht.

Es gibt keinen direkten Konnex zwischen der KZ-Haft von Maria Nenning und dem Fall Josef Fritzl. Mit dem Wegschauen und Weghören hatte die österreichische Nachkriegsgesellschaft allerdings Anteil am Schicksal der gescheiterten Existenzen, an der gesellschaftlichen Isolation der devianten und renitenten kriminellen Ex-Häftlinge. Die Geschichte ihrer Isolation, der unglaublichen Gewalt und Brutalität, die im Hause Fritzl Normalfall gewesen sein dürfte und gesellschaftlich niemanden interessierte, hat nicht nur eine individuelle psychiatrische, sondern auch eine historische, eine kollektiv soziologische Dimension. Wie Nenning waren Tausende in die Nachkriegsgesellschaft entlassen worden, in der sie ausgegrenzt und ignoriert wurden. Sie galten als Monster, die von sich aus handelten, ohne Gesellschaft und Geschichte. Kaum jemand kümmerte und kümmert sich um sie, um ihre Geschichten, kaum jemand, nicht einmal die Opferverbände, blickte in ihre Familien. Und in ihre Keller.