Die Frage: Max und Ayzet haben sich verliebt. Max würde gerne die Beziehung noch etwas offen lassen, aber das geht nicht. Ayzet ist EU-Ausländerin, sie braucht eine Aufenthaltserlaubnis. Max hat eingesehen, dass er sie heiraten muss. Dann passiert etwas Unvorhersehbares. Ayzet erkrankt an MS. Sie macht jetzt Max dafür verantwortlich. Er habe sie mit seiner Unentschiedenheit so gequält, dass sie krank geworden sei. Ayzet beschimpft ihn, setzt seine Freunde und Geschwister auf die Verteilerliste der Mails mit ihren Anklagen. Sie macht mehrere Male Schluss, aber sie versöhnen sich wieder. Dann fragt Max bei der fünften Trennung, ob sie es diesmal ernst meine, denn dann bliebe es dabei. Er hat schreckliche Schuldgefühle: "Ich lasse sie gehen, aber sie kann bald nicht mehr gehen."

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Wolfgang Schmidbauer antwortet: Die menschliche Psyche ist im Grunde ungeeignet, um entspannt mit den Anforderungen einer Migration umzugehen. Da ist so viel an Kränkungen zu verarbeiten, dass für Krisen kaum Bewältigungskapazitäten frei sind. Ayzets latenter Ärger über die Asymmetrie und die eigene Bedürftigkeit in der Beziehung mit Max verwandelt sich mit der Diagnose der MS in blinde Wut. Bisher war er ihr Engel, jetzt ist er ihr Teufel. Bisher hat sie sich geschämt, dass sie Max brauchte; jetzt soll er sich schämen, dass er sie krank gemacht hat! Solche Schuldzuweisungen halten der Kritik nicht stand. Leider erkranken auch Partner in glücklichen Ehen an MS. Erst wenn sich Ayzet mit ihrem Zustand arrangiert hat, machen Verhandlungen über das weitere Schicksal der Beziehung Sinn.