Matteo Renzi hat es geschafft – und wie! Zweieinhalb Millionen Italiener haben sich an den Wahlen des sozialdemokratischen Partito Democratico für den Parteivorsitz beteiligt. 70 Prozent haben für Renzi gestimmt. Er ist nun der unumstrittene Chef der größten Partei Italiens. Der 38-Jährige gilt seit Jahren als politisches Talent. Jetzt hat der Bürgermeister von Florenz zum ersten Mal wirklich Macht.

Was wird er damit anfangen? Und ist er wirklich der richtige Mann zur richtigen Stunde?

Renzi hat es jedenfalls verstanden, der Sehnsucht der Italiener nach einer fundamentalen Erneuerung eine Stimme zu geben. Er ist als "Verschrotter" (rottamatore) bekannt geworden. Die gesamte alte politische Kaste gehöre auf den Schrotthaufen, das war seine Kernbotschaft.

Es ist dieselbe Botschaft, die auch andere mit Erfolg vertreten haben. Beppe Grillo, der gelernte Komiker, poltert seit Jahren gegen die Politiker. Sie alle müssten weg, rief Grillo auf ungezählten Marktplätzen des Landes. Grillos Fünf-Sterne-Bewegung kam bei den jüngsten Parlamentswahlen im Februar 2013 auf über 25 Prozent.

Und dann gibt es noch einen, der einst einen radikalen Neuanfang versprach: Silvio Berlusconi. Als der Unternehmer 1993 auf die politische Bühne trat, präsentierte er sich als Macher, der nicht aus der Politik kam und nun gegen sie vorzugehen gedachte. Was bei Renzi das "Verschrotten" war, das war bei Berlusconi das Durchschneiden aller "Fesseln und Bänder". Die unternehmerische Kraft Italiens sollte sich frei entfalten können.

Das Muster hat sich bewährt: das Alte zum Teufel wünschen und sich selbst als Verkörperung des Neubeginns präsentieren. Berlusconi, Grillo, Renzi – sie alle hatten damit Erfolg. Es hat funktioniert, weil das alte politische System Italiens tatsächlich verrottet ist. Und weil viele Italiener sich nach einem Mann sehnen, der alles lösen kann. Es ist der "uomo della provvidenza", der Mann der Vorsehung. Das ist eine durchaus problematische politische Sehnsuchtsfigur: der Erlöser.

Inzwischen steht Berlusconi für Korruption und Grillo für Politikverweigerung. Der Ruf nach einer grundsätzlichen Erneuerung aber wird dadurch nicht falsch. Italiens System ist tatsächlich so blockiert, dass es wahrscheinlich nur über einen radikalen Bruch zu reformieren ist.

Die vielen Menschen, die sich an der Wahl Renzis beteiligt haben, sind ein deutliches Zeichen demokratischer Vitalität. Die Italiener glauben an den Wandel, trotz aller Enttäuschungen. Jetzt ist Renzi, der "Verschrotter", dran.

Die Gegenwart spricht für ihn, die Geschichte gegen ihn: Bisher hat keiner der radikalen Erneuerer seine Versprechen gehalten.