Das Leben danach

Es geschieht dort, wo der Stadtpark in den Marktplatz übergeht. Ich halte den Stadtplan in der Hand, den ich gerade gekauft habe, neben mir steht meine Großtante, einige Schritte vor uns schultert meine Großmutter ihren Lederrucksack. Da kommt der Mann auf uns zu. Er ist mittleren Alters, sein Gesicht ist zerfurcht, seine Kleidung abgewetzt. Er hat die demütige Körperhaltung von Menschen, die oft Fremde um etwas bitten müssen. "Eine Krone?", fragt er, seine offenen Handflächen zu einer Schüssel vor der Brust geformt. Meine Großmutter wendet sich um, sieht ihre Schwester an. "Gib ihm was, Helga", sagte Liese, meine Großtante. Meine Großmutter greift in ihren Rucksack, fischt eine Euro-Münze heraus und drückt sie dem Mann in die Hand. "Wie schön es ist, ausgerechnet jemandem aus Theresienstadt einen Euro zu geben", sagt Liese.

Wir sind in Theresienstadt. Helga und Liese haben hier zwei Jahre ihres Lebens verbracht, als sie Kinder waren und die kleine Garnisonsstadt ein Ghetto und Konzentrationslager war. Heute heißt Theresienstadt, das rund 60 Kilometer nordwestlich von Prag liegt, wieder Terezín, eine Kleinstadt mit Pizzeria und Lebensmittelläden, 3000 Menschen leben hier. Damals waren es bis zu 53.000. Juden aus Böhmen und Mähren, Deutschland, Österreich, den Niederlanden. Die meisten kehrten nie in ihre Heimat zurück, starben an der Kälte, dem Hunger, in Vernichtungslagern. Helga war vierzehn, Liese sieben Jahre alt, als sie im Frühjahr 1943 gemeinsam mit ihrer Mutter aus Wien nach Theresienstadt deportiert wurden. Sie überlebten.

Als Enkelin von vier Menschen, von denen die Nationalsozialisten drei zu Waisen machten, ist mir unsere Familienvergangenheit allgegenwärtig. Ich weiß, dass mein Großvater einen Bruder gehabt hat, den niemand von uns kennenlernte, weil er mit 15 Jahren vergast worden ist. Ich weiß, dass mein Urgroßvater zu den wenigen Überlebenden von Auschwitz zählt und dass ihn diese Erfahrung schwer traumatisiert zurückließ. Und ich weiß, dass meine Großmutter und ihre Schwester einen Teil ihrer Jugend in einem Konzentrationslager verbracht haben. Wie aber dieses Grauen sie geprägt haben könnte, darüber habe ich mir selten Gedanken gemacht. Ich bin mit ihren Persönlichkeiten groß geworden, ohne diese zu hinterfragen.

Meine Großmutter und meine Großtante besuchen oft Schulen, als Zeitzeuginnen, es ist die einzige ganz offensichtliche Spur, die der Holocaust in ihrem Leben hinterlassen hat. Zumindest dachte ich das immer. Im Erzählen ihrer Geschichte sind sie routiniert, sie sprechen sachlich darüber, gelegentlich sogar mit Humor. Aber was heute in ihren Leben geschieht, steht ihnen näher. Und es geschieht einiges: Meine Großmutter Helga, 84 Jahre alt, betreut als Ärztin für Innere Medizin eine Handvoll Patienten, die sie zu Hause und in Krankenhäusern besucht. Meine Großtante Liese, 77 Jahre alt, leitet die kleine Filmproduktionsfirma ihres 90-jährigen Ehemannes. Liese war die Erste in der Familie, die sich ein iPad kaufte. Auf Facebook teilt sie gerne Posts gegen Fremdenhass, kommentiert die Fotos ihrer Freunde und lädt Bilder von ihren Hunden Samy und Goia hoch. Früher holte sie meine Cousine und mich oft aus der Grundschule ab, dann gingen wir in die kleine türkische Bäckerei um die Ecke, wir durften uns Süßigkeiten aussuchen, während sich Liese bei der Besitzerin nach dem Befinden ihrer Familie erkundigte. Auf der Heimfahrt in ihrem knallroten Golf aßen wir auf dem Rücksitz Börek und Gummibärchen durcheinander, obwohl uns zu Hause ein Mittagessen erwartete. Helga, ihre ältere Schwester, hätte das nicht gutgeheißen. Sie achtet bis heute auf ihre Figur und trainiert mehrmals in der Woche im Fitnesscenter. Als ich letzten Winter Zumba, eine lateinamerikanische Mischung aus Aerobic und Tanzen, ausprobierte und ihr davon berichtete, kannte sie es längst. Sie nimmt Klavierunterricht, verbessert ihr Französisch und geht oft ins Kino. Sie freut sich wie ein Kind auf ihren Geburtstag und die Geschenke, und sie feiert ihn am liebsten gleich mehrmals mit ihren verschiedenen Freundeskreisen.

Im Alter drängen bei Überlebenden oft schmerzhafte Erinnerungen und Traumata hoch. Nicht aber bei Helga und Liese.

Wie ist es deiner Großtante und deiner Großmutter gelungen, sich ihre Freude am Leben zu bewahren und sich nicht in der Dunkelheit der Vergangenheit zu verlieren? Das fragten mich vor Kurzem meine Studienkollegen, als ich in einem Radioworkshop einen Beitrag über die Erlebnisse der beiden präsentierte. Ich hatte keine Antwort. Ich weiß, dass viele Überlebende des Holocausts an Symptomen leiden, die heute unter dem Begriff der posttraumatischen Belastungsstörungen zusammengefasst werden – von Schuldgefühlen und Schwierigkeiten mit menschlichen Bindungen bis zu Schlafstörungen und Depressionen. Im Alter, liest man, wenn mehr Zeit zum Nachdenken bleibt, drängen bei Überlebenden oft schmerzhafte Erinnerungen und Traumata hoch. Wie etwa bei der 2011 verstorbenen Tosia Reich-Ranicki, die spät im Leben unter Depressionen litt, oder bei Primo Levi, der sich mit 67 Jahren das Leben nahm.

Nicht aber bei Helga und Liese. Obwohl sie sich bei ihren Zeitzeugengesprächen oft mit ihrer Vergangenheit konfrontieren, wirken sie auf mich lebensfroh. Vielleicht, dachte ich, muss man die Distanz ändern, um zu begreifen, warum das so ist. Siebzig Jahre nach ihrer Zugfahrt von Wien ins 400 Kilometer entfernte Theresienstadt bitte ich die beiden, mit mir die Reise noch einmal zu machen.

Wie können sie diesem Ort mit Gelassenheit begegnen?

Das größte Hindernis: Zeit für die Reise zu finden. Als ich Helga anrufe, sagt sie zwar sofort zu, gibt aber zu bedenken, dass der Zeitpunkt mit ihren Patientenbesuchen vereinbar sein müsse. Auf ihre Aerobic-Stunde sei sie aber bereit zu verzichten, wenn es nicht anders gehe. Meiner Großtante schicke ich eine Nachricht auf Facebook, sie ruft mich am nächsten Tag an. Auch sie ist einverstanden, muss die Reise aber mit einigen Terminen für eine Interviewserie, an der sie gerade arbeitet, koordinieren und eine Betreuung für ihren Ehemann finden. Meine Cousine meldet sich und sagt, dass sie uns gerne begleiten möchte. Helga und Liese sind begeistert, dass diese sehr besondere Reise zu einem Familienausflug wird.

"Warst du nach dem Krieg so, wie du davor warst?", frage ich meine Großmutter am Tag vor der Abreise. "Nein", ist ihre schlichte Antwort. Nach dem Krieg habe sie sich erwachsener gefühlt als andere Jugendliche. Vor ihrer Deportation sei sie ein normales Kind gewesen. Eines, das wie viele andere auch schwere Zeiten erlebte. In die Schule ging sie nur bis kurz nach ihrem zwölften Geburtstag, dann wurde jüdischen Kindern der Schulbesuch verboten. Ihr Vater befand sich zu dieser Zeit schon in einem Internierungslager in Italien. Er hatte über Genua nach Shanghai ausreisen wollen, die Schiffskarten hatten sich aber als Fälschung herausgestellt.

Helga musste arbeiten, um ihre Mutter und ihre Schwester zu unterstützen, sie half einer Modezeichnerin beim Anfertigen von Skizzen. Um einer sogenannten Aushebung zu entgehen, bei der Juden aus ihren überfüllten Sammelwohnungen zur Deportation abgeholt wurden, konnten alle drei sich bei Helgas Arbeitgeberin verstecken. "Wir haben zwei Tage bei ihr geschlafen, und sie hat uns verpflegt", sagt Helga. "Als wir nach Hause zurückkamen, waren wir allein in der Wohnung."

Es war ein Leben als Mensch zweiter Klasse. Einmal, erzählt Helga, als sie auf der Straße ging, den Judenstern auf der Jacke, gab ihr eine Frau eine Ohrfeige und beschimpfte sie als "Judensau". Dann erzählt sie von einem anderen Tag, als sie auf derselben Straße unterwegs war und eine Frau ihr drei Orangen zusteckte. "Das gehört zusammen", sagt Helga.

Ihre Mutter galt nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten als "Mischling", weil sie nur einen jüdischen Vater hatte. Helga trug erst den Status der Mutter. Doch von ihrem 14. Geburtstag an, im Februar 1943, war sie wegen ihres jüdischen Vaters "Volljüdin". So schrieben es die Nürnberger Gesetze vor: Jeder, der mindestens drei jüdische Großeltern hatte, galt als Jude. Wenige Wochen nach ihrem Geburtstag erhielt Helga die Aufforderung zur Deportation. Allein, mit unbekanntem Ziel. Meine Urgroßmutter entschied, zusammen mit Liese mitzukommen. Sie wollte ihre Tochter nicht alleine ins Ungewisse fahren lassen.

Siebzig Jahre später stehen die Schwestern in einem ruhigen Hof, in dem ein paar Autos geparkt sind, Unkraut sprießt zwischen den Betonplatten. Auf einer Seite steht eine Mauer, auf der anderen ein zweistöckiges, graues, in einem Halbkreis angelegtes Gebäude. Ein kleiner, dicker Hund läuft bellend auf uns zu. Helga blickt sich um. "Ich hab ein echtes Déjà-vu", sagt sie. In diesem Gebäude, der Sudetenkaserne, nur wenige Hundert Meter vom Marktplatz entfernt, wurden Helga, Liese und ihrer Mutter bei ihrer Ankunft im April 1943 Schlafplätze im Dachboden zugeteilt, Latrinen und Waschräume befanden sich unten.

Ich frage, ob sich die Latrinen im Hof, wo heute Autowerkstätten sind, oder im Inneren des Gebäudes befanden. Helga und Liese erinnern sich nicht mehr daran. Sie debattieren sachlich über beide Möglichkeiten, als handle es sich um einen vollkommen normalen ehemaligen Wohnort. Ihre sichtbare Freude, als sie Details wiedererkennen wie die markanten halbrunden Fenster der Kaserne, die mit Sprossen vergittert sind, verblüfft mich. Wie können sie diesem Ort mit einer solchen Gelassenheit begegnen? Ist es ein menschlicher Drang, Lücken in der eigenen Erinnerung zu schließen, egal, wie schmerzhaft diese ist? Oder haben sie mit ihrer Vergangenheit Frieden geschlossen?

In Theresienstadt starben mehr als 35.000 Menschen, für etwa 88.000 Menschen war das Ghetto eine Zwischenstation in die Vernichtungslager, aus denen sie nicht zurückkehrten. Auch Helga stand im Oktober 1944 auf einer Transportliste. Sie hatte keine Angst, denn wie alle dachte sie, es gehe in ein Arbeitslager. "Ich hab eigentlich nichts dagegen gehabt, mitzufahren", sagt sie, "alle meine Freundinnen waren dort." Die Verladung der Menschen in den Zug dauerte mehrere Stunden. Helga trug einen großen Rucksack, sie musste lange warten, weil sie eine hohe Transportnummer bekommen hatte. Sie wurde müde, legte sich in ein leeres Zimmer der Kaserne, die als Abfahrthalle genutzt wurde. Dort schlief sie ein. Als sie aufwachte, war der Transport weg. "Es tut mir natürlich leid, dass jemand statt mir gefahren ist", sagt sie leise.

Diese Kaserne steht heute noch, ein wuchtiges, gelbes Gebäude nahe der südlichen Stadtmauer. Die Gleise, die in der NS-Zeit bis zum Vorplatz gingen, sind entfernt worden. Nur ein paar Meter sind geblieben, als Erinnerung. Genau vor dieses kleine Gleisstück, das für so viele der Anfang einer Reise in den Tod war, stellt sich Helga für ein Foto. Die Sonne scheint, es weht ein leichter Wind. Sie sieht plötzlich sehr klein und verletzlich aus. Ich frage mich, was sie gerade denkt. An ihrem Gesicht kann ich es nicht ablesen.

Meine Großmutter hat es dem Leiter der Lagerlandwirtschaft, einem Tschechen, zu verdanken, dass sie überlebte. Er schrieb ihr aus gutem Willen einen Befreiungsschein, dass sie als Arbeiterin gebraucht werde. Für weitere Transporte in die Vernichtungslager wurde sie nicht mehr gelistet. Diese Geschichte hat Helga schon oft erzählt. Vielleicht bleibt ihre Stimme deshalb die gleiche – bestimmt, aber sanft und ruhig –, mit der sie als Ärztin ihre Patienten nach ihrem Befinden fragt und uns elf Enkelkindern früher vorlas. Manchmal frage ich mich, ob ihr bewusst ist, wie unglaublich ihre Vergangenheit auf jene wirkt, die davon zum ersten Mal hören. Vielleicht ist die Unaufgeregtheit ihre Art, damit umzugehen.

Doch es gibt Momente, in denen meine ausgeglichene Großmutter, die sich selbst immer als unsentimental bezeichnet, auch emotional in die Vergangenheit zurückzureisen scheint. Ich frage sie nach ihrer Arbeit auf den Feldern, die außerhalb der Stadtmauern lagen. Anderthalb Jahre schuftete sie dort, im Sommer und im Winter, in dünner Kleidung. Die Arbeit war hart, aber dennoch begehrt, weil man auf dem Feld heimlich Obst und Gemüse essen konnte. Sie lacht kurz auf, als sie sich erinnert, wie sie Rüben und Kartoffeln roh aß, "wir müssen damals Mägen gehabt haben!" Dann wird sie ernst. Sie betont jede Silbe: "Ich kann mich nicht erinnern, dass ich bis zur Befreiung je satt war. Oder dass es einen Moment gab, in dem ich mir gedacht habe: Jetzt ist es okay."

Als Sechsjährige beäugte ich misstrauisch Duschen in Hotels

Meine Großmutter erinnert sich genau an die Menschen, die ihr zu essen gaben: die Modezeichnerin, die Mutter einer Schulfreundin, der Emailleur, bei dem sie auch arbeitete und der ihr sein Gabelfrühstück, Schmalzbrot und Tee, gab. Später schickte er Essenspakete nach Theresienstadt, unter falschem Absender, weil seine Frau und die erwachsenen Söhne Nationalsozialisten waren. Helga hat die Namen ihrer Helfer nicht vergessen, sie kennt sogar noch ihre Adressen in Wien. Sie ist stolz auf ihre scharfe Erinnerung. Aber den sogenannten Wäschereigarten kann sie während unseres Besuchs in Terezín nicht mehr finden. Sie musste dort Tomaten, Bohnen, Gurken und Äpfel anbauen. Doch durch welches der Stadttore kam man dorthin?

Das Archiv, in dem Helga eine Antwort finden will, liegt außerhalb der Stadtmauern, in der sogenannten Kleinen Festung, die während der NS-Zeit hauptsächlich als Gefängnis für tschechische Widerstandskämpfer diente. Heute ist es eine Gedenkstätte, mit Souvenirladen und einem düsteren Café. Die Archivarin breitet eine handgezeichnete, etwa einen Quadratmeter große Karte auf ihrem Schreibtisch aus. "Wirtschaftsplan – Landwirtschaft Theresienstadt" steht darauf, angefertigt im März 1944. Helga strahlt, als sie sich über das vergilbte Papier beugt, auf dem die nationalsozialistische Lagerleitung mit bunter Tinte eingezeichnet hatte, welches Obst und Gemüse auf den Feldern rund um die Stadtmauern angebaut werden sollte. Schnell findet sie auf halber Strecke zwischen Kleiner Festung und Garnisonsstadt den Wäschereigarten, der so hieß, weil er sich direkt neben der Wäscherei für die Lagerleitung befand. Wir fahren mit dem Taxi hin, sehen Kleingärten und ein Bürogebäude, "dort muss es gewesen sein", meint Helga. Sie erzählt, wie sie und die anderen Feldarbeiter sich Rüben und Äpfel mit Tüchern um den Oberschenkel banden oder in die Büstenhalter stopften, um sie ins Lager zu schmuggeln. Helga teilte die Schätze mit ihrer Mutter und der Schwester. Liese vergaß das nie. "Meine Schwester hat die komplette Macht über mich, immer schon", sagt sie, "weil sie mich beschützt hat. Sie hat für mich Essen gestohlen. Ich hatte immer dieses Gefühl, dass mir nichts passieren wird, wenn Helga da ist. Sie ist bis heute diejenige, die ich rufen würde, wenn mir etwas passiert. Und ich krieg echte Panik, wenn ich mir vorstelle, Helga passiert etwas."

Als Sechsjährige beäugte ich misstrauisch Duschen in Hotels. Ich wusste, dass Gaskammern als Duschen getarnt worden waren.

Liese hat nur bruchstückhafte Erinnerungen an die zwei Jahre, die sie in Theresienstadt verbrachte. Doch eines weiß sie noch genau: "Das Furchtbarste war, alleingelassen zu werden." Erst verbrachte sie viel Zeit alleine auf dem Dachboden der Kaserne, während Mutter und Schwester arbeiteten. Dann wurde sie in einem Kinderheim untergebracht, sie schlief in einem Raum mit einer Gruppe geistig und körperlich behinderter Kinder aus Berlin. Als sie eines Morgens aufwachte, war der Schlafsaal leer. Die Kinder waren in ein Vernichtungslager deportiert worden.

Ich bin jetzt 24 Jahre alt, und ich kann mich an keinen Zeitpunkt in meinem Leben erinnern, an dem ich nicht vom Holocaust wusste. Mein Verhältnis zu diesem Wissen über die Vergangenheit meiner Familie änderte sich oft. Als Sechsjährige beäugte ich misstrauisch Duschen in Hotels. Ich wusste, dass Gaskammern als Duschen getarnt worden waren, um darin meine Vorfahren zu ermorden. Wieso sollte diese Gefahr nicht auch in einem Salzburger Skiresort bestehen? Später las ich das Tagebuch der Anne Frank, die Geschichte der Malka Mai, die als Siebenjährige alleine in Polen überlebte, und die Biografie des Pädagogen Janusz Korczak, der seine Zöglinge aus dem Warschauer Waisenhaus bis in den Tod begleitete. Auch die Erlebnisse meiner Großmutter und meiner Großtante hörte ich damals, im Grundschulalter, auf den Autofahrten zur Schule zum ersten Mal. Sie waren spannend wie meine Bücher und lösten ein wohliges Schauern in mir aus. Erst einige Jahre später verloren diese Geschichten das Abstrakte. Ich begann die Dimension der Verbrechen zu begreifen und mich mit den Opfern zu identifizieren. Mich quälte die Frage, wie es mir während der Shoah ergangen wäre. Vor allem nachts. Alle paar Wochen schreckte ich aus meinen Träumen hoch, mein Herz pochte, weil gerade mein Versteck in einem Schrank von einem Nazi entdeckt worden war oder ich meine Familienmitglieder in einer Gaskammer verschwinden sah. Die Träume ließen mich machtlos und wütend zurück. Ich hörte auf, mich mit dem Holocaust zu beschäftigen. Jede Berührung mit dem Thema tat weh, weil ich nicht wusste, an welchen Gedanken ich mich klammern konnte, um zu verkraften, dass meine Albträume die Lebensrealität meiner Familie gewesen waren.

Viele Helfer für eine Überlebende

Diese Träume wurden seltener, als ich älter wurde. Ich zog zum Studium nach England und später in die USA. Obwohl Religion in meiner Erziehung keine Rolle gespielt hatte, fand ich es angenehm, nicht mehr die einzige Jüdin im Klassenraum zu sein. Es war eine Erleichterung, nicht erklären zu müssen, warum ich kein Weihnachten feiere. Nicht die Frage zu hören, ob der kleine Stern, den ich um den Hals trage, eine Bedeutung hat. Mit Gleichaltrigen zusammen zu sein, für die der Holocaust mehr bedeutete als Prüfungsstoff im Geschichtsunterricht.

Theresienstadt wurde im Mai 1945 von russischen Truppen befreit. Helga arbeitete gerade bei Gewächshäusern außerhalb der Stadtmauer, als sie plötzlich Erdhügel bemerkte, die zuvor nicht da gewesen waren. Dahinter tauchten Köpfe auf, mit Mützen, auf denen Sowjetsterne prangten. Im Juli kehrte die Familie nach Wien zurück, schon im Herbst waren Helga und Liese, inzwischen elf und sechzehn Jahre alt, zurück in der Schule. "Ich hatte den strengen Befehl von zu Hause: Du redest nicht darüber, was mit dir geschehen ist. Du sagst niemandem, dass du eine Jüdin bist", sagt Liese, meine Großtante. Ihre Stimme klingt bitter.

Ich will wissen, wie es den beiden gelang, sich in eine Gesellschaft zu integrieren, die sie erst verstoßen hatte und dann nichts von ihrer Vergangenheit wissen wollte. Vielleicht, denke ich, liegen hier die entscheidenden Momente, die ihnen halfen, Lebensfreude einer Vergangenheit entgegenzusetzen, die mir immer noch manchmal Albträume bereitet. Vielleicht konnten sie in der neuen, alten Heimat das Trauma verarbeiten. Und vielleicht erklärt das die Freude darüber, dem bettelnden Mann in Terezín Geld zu geben.

Ein Leben zusammen mit einem traumatisierten Vater

Aber als ich frage, wie es sich anfühlte, wieder in Wien zu sein, glaube ich zunächst, auf der falschen Fährte zu sein. Ich erlebe bei Helga, deren Selbstbewusstsein andere bisweilen einschüchtert, einen seltenen Moment von ehrlicher Abscheu gegenüber sich selbst. Nach dem Krieg sei sie hasserfüllt und voller Rachegedanken gewesen: "Ich wollte an jedem Laternenpfahl einen hängen sehen." Sie meint die Nazis. Und dann erwähnt sie etwas, worüber sie nicht gerne spricht: das Wiedersehen mit ihrem Vater. Er war aus dem italienischen Internierungslager nach Auschwitz deportiert worden, wo er nach elf Monaten im Januar 1945 von russischen Truppen befreit wurde. Wir wissen kaum, was ihm dort widerfahren ist. Und die Schwestern wollen nicht darüber reden, wie es für sie und ihre Mutter war, mit dem depressiven, traumatisierten Vater und Mann zu leben. Es dauerte, bis sie sich wieder aneinander gewöhnten. "Ich war so sehr dazu bereit, ihn zu lieben, aber ich war nicht dazu imstande", sagt Helga über die ersten Jahre nach dem Krieg. Dann wechselt sie das Thema. Sie erzählt, wie die Mutter sich politisch engagierte beim Bund sozialistischer Juden in Wien und dass sie Jugendfreizeiten für jüdische Kinder organisierte. Sie selbst, Helga, holte in anderthalb Jahren ihren Schulabschluss nach und begann, Medizin zu studieren. Bei ihrem Examen war sie erst 23 Jahre alt und eine von wenigen Frauen. Sie lernte meinen Großvater kennen, der den Holocaust als Einziger in seiner Familie überlebt hatte, versteckt in einer Wohnung in Wien von einem befreundeten, nicht jüdischen Arzt, der ihn nach dem Krieg adoptierte.

Meine Großtante Liese begann eine Tanzausbildung und wurde mit 19 Jahren Ensemblemitglied im Ballett der Wiener Volksoper. Sie erinnert sich an eine lustige Zeit, an das Stricken und Schachspielen in der Kantine, während man auf Auftritte wartete, und an das Ausgehen nach den Vorstellungen. Beide Schwestern fanden auf ihre Weise Ablenkungen von ihrer Vergangenheit, der Enttäuschung über ihren fragilen Vater und den Zerstörungen in Wien, an das sie sich in Theresienstadt immer als schöne Heimatstadt erinnert hatten.

Der Tag in Terezín ist anstrengend, im Café der Gedenkstätte machen wir eine Pause. Liese scherzt, als sie ein eingeschweißtes trockenes Sandwich aus weißem Toastbrot kauft und hineinbeißt: Sie habe an diesem Ort noch nie so gut gegessen! Dann sagt sie: "In Wirklichkeit ist das hier eine Mörderstadt." Helga verzieht keine Miene. Nur ihre Schultern hebt sie leicht. "Es sind ja nicht dieselben Leute", erwidert sie erschöpft.

Sie klingt, als ob sie diese Diskussion leid ist. Vielleicht hat sie sie schon oft mit sich selbst geführt. Liese gibt nicht auf: "Die tschechischen Wächter waren die unfreundlichsten." – "Sie waren sehr unterschiedlich", entgegnet Helga. Sie, die Ältere, hat wie so oft das letzte Wort. Als sie dies sagt, ergibt auf einmal alles Sinn. Was mir die beiden bisher erzählt haben, läuft vor mir ab wie ein Film, den man vorspult. Die Frau mit den Orangen, die Mutter der Schulfreundin, die Modezeichnerin, der Emailleur, der Leiter der Landwirtschaft.

Ich habe das Gefühl, diese Menschen fast lebendig vor mir zu sehen. Schließlich haben Helga und Liese sie mir so präzise beschrieben, dass ich oft die Augen verdrehte, weil es kein Ende zu geben schien in dieser Reihe scheinbar unwichtiger Details, die auf mich einprasselten.

Doch nun verstehe ich, warum ihnen diese Details so wichtig sind: Aus ihrer Sicht verdanken sie ihr Leben Menschen, die ihnen halfen und sie beschützten. Die ihnen zeigten, dass das Leben es wert war, weiterzumachen. Glück und Zufall tragen natürlich dazu bei, dass sich Schicksale voneinander unterscheiden. Doch die Schwestern wissen aus ihrer eigenen Vergangenheit, dass eine andere Kraft viel mehr bewirken kann: das Handeln im Hier und Jetzt. Andere Menschen boten ihnen rettende Nischen in einem mörderischen System, dem gegenüber sich viele machtlos fühlten. Und wer glaubt, dass er sein eigenes Überleben dem Mut und der Selbstlosigkeit anderer verdankt, der kann wohl nicht anders, als einem Mann, der in Terezín um Kleingeld bittet, etwas zu geben.

Ich will eine letzte Frage an meine Großmutter loswerden: Was ist mit all den Menschen, die dazu beitrugen, dass das verbrecherische System der Nazis funktionierte? "Erinnerst du dich an mehr gute oder schlechte Erlebnisse mit anderen Menschen?", frage ich sie.

"Schau", sagt meine Großmutter, "es kommt darauf an, was du dir merkst."

In der gedruckten Version des Texts steht fälschlicherweise, dass das KZ Theresienstadt durch die russischen Truppen in April 1945 befreit worden sei. Korrekt ist aber, dass die Befreiung am 8. Mai 1945 stattfand. Wir haben den Fehler online korrigiert und bitten ihn zu entschuldigen.