ZEITmagazin: Herr Obrist, Sie leiten die renommierte Serpentine Gallery in London und sind einer der einflussreichsten Kuratoren der Kunstwelt. Angefangen haben Sie in Ihrer Wohnküche.

Hans Ulrich Obrist: Ja, 1991 habe ich in der Küche meiner Wohnung in St. Gallen meine erste Ausstellung veranstaltet. Auf die Idee, Kunst an einem Ort zu zeigen, wo sie normalerweise nicht zu sehen ist, hatten mich die Künstler Peter Fischli und David Weiss und auch Christian Boltanski gebracht.

ZEITmagazin: Jetzt kuratieren Sie eine Art Dauerausstellung auf Instagram. Wie sind Sie darauf gekommen?

Obrist: Vor einem Jahr habe ich in Los Angeles den jungen Künstler Ryan Trecartin in seinem Atelier besucht. Trecartin hat ein offenes Haus, in dem auch andere Künstler wohnen, unter anderem der Schriftsteller Kevin McGarry. Wir haben zusammen gefrühstückt, dann kam die Rede auf Instagram, das beide, Ryan und McGarry, intensiv nutzen. Sie haben überhaupt nicht verstanden, warum ich nicht auf Instagram bin. Ryan hat einfach mein iPhone genommen, mir die App heruntergeladen und auf seinem eigenen Instagram-Account geschrieben: Hans Ulrich Obrist ist jetzt auf Instagram. Viele folgen Ryan auf Instagram, und so hatte ich auch gleich viele Follower.

ZEITmagazin: Sie veröffentlichen Bilder von Ausstellungen, die Sie besuchen.

Obrist: In meinen Anfangsjahren haben mich die Erzählungen des Schweizer Schriftstellers Robert Walser dazu inspiriert, die Spaziergänge in Appenzell und im Rheintal, die er in seinen Büchern beschreibt, nachzugehen. Und Instagram ist für mich nichts anderes als digitales Spazierengehen.

ZEITmagazin: Sie haben für Ihre Instagram-Seite ein besonderes Thema entdeckt: Sie dokumentieren die Handschriften von Künstlern, Schriftstellern, Wissenschaftlern und Musikern. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Obrist: Durch Umberto Eco. Er hatte in einem Artikel im Guardian beklagt, dass Teenager kaum noch mit der Hand schreiben und dass die Handschrift immer mehr verschwindet. Ich dachte mir, anstatt sich zu beklagen, dass diese Kulturtechnik verschwindet, könnte man einen Versuch starten, sie zurückzubringen – indem man Handschriften im Internet zelebriert. Ich treffe ja oft Künstler, und am Ende der Begegnung bitte ich sie jetzt immer um einen handschriftlichen Satz, fotografiere ihn ab und poste ihn auf Instagram.

ZEITmagazin: Wenn man Ihnen auf Instagram folgt, merkt man, dass Sie vieles, was dort üblich ist, nicht machen.

Obrist: Wo ich im Urlaub bin oder was ich esse – solche Dinge sind doch für niemanden interessant. Aber Instagram zu nutzen, um eine positiv gestimmte Protestbewegung gegen das Verschwinden der Handschrift zu begründen, das gefällt mir sehr gut. Am Ende wird daraus natürlich ein schönes, auf Papier gedrucktes Buch werden.

ZEITmagazin: Schreiben Sie eigentlich selbst gerne mit der Hand?

Obrist: Oh, ja, ich schreibe auch immer wieder handschriftliche E-Mails.

ZEITmagazin: Wie bitte?

Obrist: Ja, ich schreibe einen Brief mit der Hand, scanne ihn ein und maile ihn. Das ist mein kleiner Beitrag dazu, dass der handschriftliche Brief nicht aus unserem Alltag verschwindet.