Sogar mit Stinkbomben warfen Frankfurts Opernbesucher, so empört waren sie über die Ausgrabung. Damals. Tatsächlich hatte Hans Neuenfels, damals 39-jähriger Regisseur, etwas ausgegraben, hatte einem Jungmanager namens Radames einen Spaten in die Hand gedrückt, ihn unterm Büro den Sand Ägyptens finden lassen und die Büste der Aida. Verdis Oper, halb erstickt unter einem Jahrhundert der Ausstattungsorgien, wurde anno 1981 von Neuenfels in eine Gegenwart scharfer Konflikte gerissen. Die Produktion, die als archäologischer Traum begann, war bahnbrechend für ein Musiktheater, das die Brisanz der großen Werke freilegte.

Hans Neuenfels, als einer der Väter des "Regietheaters" längst selbst eine Legende und nun 72 Jahre jung, weiß also, was er tut, wenn er, wiederum in Frankfurt, einen Archäologen einen Fund tun lässt. Diesmal ist es wirklich beinahe eine Ausgrabung. Oedipe, einzige Oper des genialen Rumänen George Enescu, geriet nach ihrer Uraufführung 1936 in Paris in den Schatten des Weltkriegs und kam danach zu spät, um so "modern" zu sein, wie das mächtige Häuflein der Serialisten es vorschrieb. Alle fünfzehn Jahre versuchte es ein Haus. Fast jedes Mal wurde Oedipe als Entdeckung bejubelt, ohne den Sprung ins Repertoire zu schaffen. Der schien nun bevorzustehen. Nachdem vor zwei Jahren die Brüsseler Oper mit einer optisch starken, klanglich glühenden Produktion den Rang des Werkes bestätigt hatte, war das Eisen heiß genug.

Die Oper wurde nicht nur gekürzt, sie wurde regelrecht zusammengesägt

Nun aber liegt da nur noch ein Haufen kalter Schrott, und man fragt sich, wie das geschehen konnte unter den Händen eines Regisseurs, den man ja nicht nur an seiner legendären Aida messen darf. Immer wieder hat er uns, an unterschiedlichsten Werken, Augen und Ohren neu geöffnet. Noch vor drei Jahren gelang ihm mit Aribert Reimanns Lear in Berlin eine Inszenierung, in der die archaische Wucht des Stoffes zu größter Präsenz konzentriert wurde. Ein Konflikt, in dem keine Kurskorrekturen möglich sind – um so etwas geht es auch bei Ödipus, der tragischsten Menschengestalt der Antike, an der sich Komponist Enescu zehn Jahre lang abgearbeitet hat, bis 1931. Doch diese Partitur und ihr Libretto sind bei Neuenfels auf das denkbar größte Misstrauen gestoßen, und es gab keinen Musiker, der ihm das ausgeredet hätte. Im Gegenteil: "Die Musik Enescus ist im besten Sinne ein edles Parfüm", befindet Dirigent Alexander Liebreich über das summum opus nicht nur eines Komponisten, sondern auch eines Pariser Jahrzehnts zwischen den Kriegen. In der Nachglut des 19. Jahrhunderts verschmelzen avancierteste Klangerfindungen zu einer eigenen, dringlichen Sprache. Wenn ein Akkord spüren lassen kann, was es heißt, sich die Augen auszustechen, dann hat ihn George Enescu komponiert. Jeder Ton dieser Geschichte um Bestimmung und Verdrängung, Inzest und Blendung kann einen treffen. Sofern er gespielt wird.

Von rund drei Stunden wurde die Oper auf 90 Minuten heruntergesägt (eine Kürzung kann man das nicht nennen), unter anderem, weil dem Regisseur der vierte Akt nicht gefiel. Der ist in seiner Erlösungsperspektive tatsächlich problematisch, aber welcher Regisseur und Dirigent würde etwa die Festwiese aus Wagners Meistersingern ungespielt lassen, weil ihm das zu nationalistisch ist? Und wer würde diverse Happy Ends der Operngeschichte nicht in ihrer Fadenscheinigkeit produktiv machen, sondern einfach streichen? Glaubt das Frankfurter Team, in George Enescu einen besseren Stehgeiger vor sich zu haben, der mal ein bisschen im großen Genre herumgefingert hat?

Von grotesker Arroganz zeugt es, die französische Lyrik, die zu seiner Musik gehört wie das rumänische Idiom zu ihrer Harmonik, als "reine Zufälligkeit" (Neuenfels) abzutun und hemdsärmelig zu verdeutschen. "Vivante excuse de mon crime" nennt Ödipus die Antigone, die er mit seiner Mutter zeugte, er nimmt seine Tochter und sich damit heraus aus dem eisernen Kreislauf der Schuld. Nun ist sie nur noch "sichtbares Zeichen meiner Taten". Daneben versucht sich Übersetzer Henry Arnold im beflissenen Stilmix zwischen "Hau endlich ab" und hohem Ton, den falsche Betonungen nicht nur da brechen, wo sich einer "aufgeeeeelehnt" hat gegen die Götter.

Auch das schlimmste Schlachtfest nähme man vielleicht in Kauf, hätte der Regisseur dafür irgendeinen stringenten Wahnsinn zu bieten. Hier aber waltet das Unbehagen, von dem auch Neuenfels’ auf die Bühne projizierte Notizen künden: "Ich bin ein Star. Nichts holt mich ein", so ruhmgeil lässt er Ödipus denken. So denkt Neuenfels über sich wohl kaum. Was er sich aber überhaupt gedacht hat, wird nicht klar. Ach ja, der Archäologe. In einer Kultkammer, die Rifail Ajdarpasic aus formelübersäten Schultafeln gefügt hat, wohnt der Forscher den Riten um den neugeborenen Ödipus bei, um dessen weiteres Schicksal selbst auf sich zu nehmen. Doch selbst die Antipsychologen vom Regieteam Fura dels Baus sind ihm in Brüssel persönlich näher gekommen als diese verstaubte Personenführung des Händeringens und Taumelns. Manches ist so unfreiwillig komisch, dass man wünscht, es möge ironisch sein. Vergebens.

Herrliche Details steigen aus dem Orchestergraben – und verwehen

Eine tödliche Pinkelpause und ein royaler Quickie erinnern wie pflichtschuldig an den Drastiker Neuenfels, ein paar Punks erreichen im Formationsmarsch nicht die Gegenwart, sondern eher eine Vitrine im Haus der Geschichte. Dass Simon Neal als baritonaler Titelheld weder Tiefe noch Schmelz hat und an genauen Tönen weniger interessiert ist als an brüllender Präsenz, macht die Sache nicht besser. Vom Chor dieser Choroper sind ein paar Klangwände geblieben, und Dirigent Alexander Liebreich entlockt dem Orchester nicht einmal das ominöse "Parfum", sondern nur einen harschen Soundtrack.

Ab und zu steigt ein Detail (etwa ein herrliches Bratschensolo) aus dem Graben, sucht verzweifelt Anschluss an die Szene und verweht. Ab und zu kündet eine wunderbare Stimme wie die Sphinx von Katharina Magiera von den magischen Abgründen, in die man hätte blicken können. Hier verliert ein Meisterwerk, wie sein Titelheld, sein Augenlicht. Es gibt nicht so wahnsinnig viele Partituren dieser Qualität, als dass uns das egal sein könnte. Es gibt auch nicht so viele Regisseure, von denen man nach so einem Abend noch etwas sehen möchte. Hans Neuenfels zählt unbedingt dazu. Denn aufregen kann einen dieser Mann immer, so viel ist sicher. Sogar, wenn er keine Lust hat.