Auch damals war Advent. Es dunkelte zeitig. Im Dämmer seines Arbeitszimmers in Berlin-Grünau erzählte der Hausherr sein überreiches Leben, beginnend in Chemnitz, wo vor nunmehr hundert Jahren der jüdische Kaufmannssohn Helmut Flieg zur Welt gekommen war. Mit 18 flog er vom Gymnasium, wegen eines pazifistischen Gedichts. Mit 20 sah er den Fackelzug der Nazis durchs Brandenburger Tor. Er floh nach Prag, dann emigrierte er in die USA. Nach Deutschland kehrte er als amerikanischer Offizier zurück. Er wurde zum listigsten Schriftsteller der DDR. In Ost und West publizierte er macht- und menschenkundige Romane. Ahasver, Radek, Der König David Bericht konterkarieren jegliche Ideologie.

Zum Abschied schenkte mir der alte Herr ein Buch und signierte es mit goldenem Stift: "Alles Gute im neuen Jahrtausend! Stefan Heym, 13.12.99". 2001 starb Stefan Heym. Nachruf bleibt sein großartigstes Werk: Autobiografie als Chronik des fürchterlichen 20. Jahrhunderts. 1994 war der jüdische Emigrant Alterspräsident des Deutschen Bundestags geworden, als Abgeordneter der PDS. Jüngst lud die Linkspartei zum Gedenken an Heyms Eröffnungsrede. Welch nobler Text, fernab parteilicher Enge für alle Deutschen gesprochen. Und, wie die Kamera bezeugte, welch mäßiges Publikum. Die Union verweigerte den Beifall, auf Geheiß des süffisant grienenden Helmut Kohl. Gescheitert war ein Versuch, Heym als Stasi-IM anzuzinken. Die SPD positionierte sich, wie üblich, zwischen Baum und Borke. Reglos starrte Wolfgang Thierse, Markus Meckel applaudierte.

Jetzt endlich erlebte ich auch CDU-Applaus für ideologieferne Literatur. Die Konrad-Adenauer-Stiftung ehrte Reiner Kunze, der kürzlich 80 wurde. Auch er ein Sachse, auch er außer Landes getrieben – von der DDR, der anfangs die sozialistische Hoffnung des SED-Genossen Kunze galt. Dann, 1968, rollten die Panzer in Prag. Kunze entschied sich für die Wahrhaftigkeit der Kunst. Wer wissen will, was und wie die DDR gewesen ist, der lese Kunzes Prosa-Miniaturen Die wunderbaren Jahre. Kurz sind auch seine smaragdisch geschliffenen Gedichte. Ein Dutzend trug er vor, von Rudern zwei bis Fern kann er nicht mehr sein, der Tod.

Und dann, am 4. Dezember, huldigte die Adenauer-Stiftung einem dritten großen Sachsen. Der greise Kurt Masur empfing ihren Kunstpreis: den Porzellankopf Konrad Adenauers. Größer schien die Freude des Beschenkten über spanische Tänze und seine geliebte argentinische Bandoneonmusik. Ohne die Vermittlung des Gewandhaus-Kapellmeisters Masur hätte am 9. Oktober 1989 die Friedliche Revolution wohl als Leipziger Blutbad geendet. Heym, Kunze, Masur – ich ehre sie alle, ungeachtet der Parteien, die sich mit ihnen schmücken wollen.