"Der Kapitalismus tötet", lehrt der neue Papst. Das Kommentariat nimmt es kopfnickend auf. Stellen wir uns vor, Franziskus oder eine andere Respektsperson hätte doziert: "Der Sozialismus tötet", oder gar: "Die Religion tötet." Solche Sätze hätten eine Empörungswelle in den Gazetten ausgelöst. Dabei wären sie nicht einmal falsch.

Kommt er in der Kopplung mit "Real-" oder "National-" daher, hat der Sozialismus in der Tat getötet – Abermillionen wie unter Stalin, Mao und Hitler. Die Religionskriege im Namen des wahren Gottes haben im 16. und 17. Jahrhundert die Bevölkerung Europas millionenfach dezimiert. Der Islam begann als Eroberungsideologie, die bis ins heutige Marokko, Spanien und Indien vordrang; dann revanchierten sich die Kreuzfahrer (ebenfalls im Namen Gottes) mit vier Feldzügen bis nach Jerusalem.

Kriege, die im Namen des Heils – sei es weltlich oder himmlisch – geführt werden, kennen keine Grenzen außer der überlegenen Gegenmacht. Der Kapitalismus teilt sich mit militanten Heilsreligionen nur eines: die ungeheure Expansionskraft, die bis auf ein paar Inseln (Kuba, Nordkorea) die Welt erfasst hat. Ihn als Mordideologie, als Böses an sich zu stilisieren ist zu viel der Ehre. Karl Marx, der den K. als Kampfbegriff erfand, hat sein Wesen richtig erkannt. Er ist die "fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände". Nur in diesem Sinne "tötet" der K.: "Alle festen, eingerosteten Verhältnisse ... werden aufgelöst. Alles Ständische und Stehende verdampft ..." Das macht ihn nicht sympathisch.

Vor allem sei der K., den Marx mit der "Bourgeoisie" gleichsetzt, mit "nüchternen Augen anzusehen". Er ist die private Verfügung über die "Produktionsmittel" Kapital, Land und Arbeit. Welchen wirtschaftlichen und moralischen Fortschritt er markierte, sieht man erst im Vergleich zum Davor und Danach. Im Feudalismus gehörten die Produktionsmittel inklusive der Arbeiter ("Leibeigene") den Potentaten und Prälaten, während der Rest der Menschheit im Elend verkam. Ebenso wenig kannte der Realsozialismus Wohlstand oder Gleichheit; oben herrschte die Nomenklatura, unten die Armut, und wer nicht "passte", ging in den Gulag.

Was der frühe K. anrichtete, kennen wir aus der herzzerreißenden Literatur des 19. Jahrhunderts. Bloß ist der K. ein Pappkamerad, wenn der moderne Wohlfahrtsstaat über die Hälfte der Wirtschaftsleistung verfügt und ein Drittel des BIP als Transfers verteilt, derweil er Mindestlöhne dekretiert sowie Preisabsprachen und Kartelle gnadenlos verfolgt. Den Crash von 2008 auf den K. zurückzuführen ist ebenfalls zu viel der Ehre angesichts der üblen Rolle, die in Amerika die staatlichen Hypothekenanstalten und in Deutschland Staatsinstitute wie die HSH Nordbank und die WestLB gespielt haben. "Gier und Exzess" sind kein Monopol der Marktwirtschaft.

Wer diese, wie der Papst, als Urquell des Bösen zeichnet, muss eine Erlösungsdoktrin anbieten. Wie sähe die aus angesichts der gescheiterten historischen Konkurrenz mit ihren unsäglichen Grausamkeiten? Im Gegensatz zum Feudalismus und Realsozialismus glänzt der demokratische K. als beispiellose Wohlstandsmaschine, die zugleich unendlich reformfähig ist. Jedenfalls in dieser Welt, wo die Reparaturarbeit nie aufhören darf.