Uwe Kamenz ist jemand, der weiß, wie man Dinge größer macht als sie tatsächlich sind. Und er weiß, wie man sich selbst und das, was man tut, am besten verkauft. Von "Marketing" versteht Professor Kamenz allerhand – kein Wunder, er lehrt das Fach an der Fachhochschule in Dortmund.

Auch die wissenschaftlichen Kunstfehler des SPD-Fraktionschefs Frank-Walter Steinmeier hat der Marketingspezialist zum Skandal vergrößert. Kamenz ist der Mann, der den Politiker Ende September öffentlich als Plagiator angeprangert hat. Eine von ihm entwickelte Software hatte in der Doktorarbeit von Steinmeier "umfangreiche Plagiatsindizien" gefunden. Ein Abgleich mit der verwendeten Literatur sollte an über 500 Stellen "problematische Übereinstimmungen" ergeben haben. Ein harter Vorwurf. Davon ist aber am Ende wenig geblieben. Die Universität Gießen, an der Steinmeier promoviert wurde, hat die Arbeit inzwischen überprüft: Sie weise Zitierfehler auf, das seien aber lediglich handwerkliche Schwächen. Irgendeine Täuschungsabsicht konnten die Prüfer der Uni Gießen in der Dissertation nicht erkennen.

Steinmeier darf seinen Doktortitel also behalten. Kamenz aber, der den Politiker falsch verdächtigt und öffentlich beschädigt hat, ist weiter als Plagiatsjäger am Werk.

Der Fall hat eine neue Debatte ausgelöst über die Plagiatssuche und den Umgang mit solchen Vorwürfen. Seit dem Fall Guttenberg vor zweieinhalb Jahren werden pausenlos zum Teil jahrzehntealte Politiker-Dissertationen nach Verfehlungen durchforstet. Nicht nur Karl-Theodor zu Guttenberg ist wegen Tricksereien vom Amt des Verteidigungsministers zurückgetreten, auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan verlor ihren Job – klagt aber gegen den Titelentzug.

Weitere Politiker wie der Bundestagspräsident Norbert Lammert oder der ehemalige sächsische Kultusminister Roland Wöller gerieten ebenfalls in Verdacht. Sie wurden öffentlich gebrandmarkt und dann doch von ihrer Alma Mater rehabilitiert. Man sieht: Der Grat zwischen Aufklärung und Denunziation ist schmal.

Uwe Kamenz dürfte sich inzwischen mehr in Richtung Denunziation bewegt haben. Selbst in der Szene der digitalen Plagiatsjäger – die durchaus nicht zimperlich mit ertappten Schummlern umgeht – gilt er als unerwünscht. Zum einen, weil er seine Absichten und Funde marktschreierisch verkauft, zum anderen, weil er sich für die Suche nach Plagiaten bezahlen lässt.

Doch warum tut er das?

Ein Besuch in Münster, Stiftsherrenstraße 4. Dort steht ein hübsches kleines Haus, außen gelber Putz, innen alte Holzbalken. Hier soll es sein, das ProfNet Institut für Internet-Marketing, in dem Uwe Kamenz seine Plagiatssuche betreibt. Aber da gibt es kein Institut, kein Türschild, kein Sekretariat. Es gibt nur ein Privathaus, darin wohnt Kamenz, sein Name steht am Briefkasten. Wenn man klingelt, macht er gleich selber auf. Er trägt einen Wollpullover und lederne Hausschuhe.

Innen gibt es zwei Arbeitszimmer, eines davon ist mehr eine Rumpelkammer. Papierstapel, Bücher und alte elektronische Geräte verteilen sich hier über alle Tischplatten. Dazwischen zwei Scanner, mit denen Bücher digitalisiert werden können. Die braucht Kamenz, um Textstellen per Computer abzugleichen. Dieses Setting als Institut zu verkaufen und vorzugaukeln, man verfüge über ein ganzes Netz willfähriger Unterstützer, ist schon ein tolles Marketing. Oder Schummelei.